Auf Weltreise

Lächeln und winken

Von Anja Skledar, Anja Sagadin, Evelin Munda, Gymnasium Ptuj/Slowenien
Aktualisiert am 08.10.2020
 - 18:20
Panne in der Wüste, großartige Gastgeber und je weiter sie nach Osten reisen, umso spektakulärer sind die Überraschungen: ein Paar aus Slowenien auf Weltreise

299 Tage. 18 Länder. 28 000 Kilometer. 15 Mechaniker. 4 Plattfüße. Für Nina Jazbec kann es gerne so weitergehen. In Ptuj, der ältesten Stadt Sloweniens, 20 Kilometer südöstlich von Maribor, hat sie nach dem Abitur den Master in Kommunikationswissenschaft gemacht. „Ich mag Deutsch sehr“, sagt die 30-Jährige. „Auch deshalb habe ich damals einen Job bei der Deutsch-Slowenischen Industrie- und Handelskammer in Ljubljana bekommen.“ Nach 20 Monaten dort als Eventmanagerin kündigte sie und brach mit ihrem gleichaltrigen Freund Darjo Vuk zu einer Weltreise auf. Den freiberuflichen Programmierer für Spiele-Apps lernte sie vor drei Jahren über das Internet kennen. Die Weltreise soll auch ein Test für ihre Partnerschaft sein. „Vor allem habe ich gedacht: Ich bin 30, habe etwas Geld verdient. Was möchte ich im Leben noch erreichen? Ich kam zu dem Schluss: Wenn nicht jetzt so eine Reise, wann dann, bevor ich eine Familie gründen werde!“

Montenegro war eine Offenbarung

Zuerst wurde ein 30 Jahre alter Land Rover Defender für 12 000 Euro gekauft und für weitere 10 000 Euro in ein Wohnmobil umgebaut. Nach sechs Monaten Vorbereitung ging es am 1. März 2019 in Nova Gorica im Südwesten Sloweniens los. Schon der erste Tag bringt nach wenigen Kilometern ein großes Problem. An der kroatischen Adriaküste streikt der Land Rover. „Doch Darjo hatte über Youtube-Videos gelernt, das Auto zu reparieren.“ In Bosnien und Hercegovina lassen sie es sich zunächst einmal richtig schmecken. „Montenegro war danach landschaftlich für uns eine Offenbarung. Gerade im Kosovo haben wir erkannt, dass die politische Situation in unserer Region noch immer nicht stabil ist. Bis dahin konnten wir auf der Reise serbokroatisch sprechen, aber im Kosovo ging es auch sehr gut in Deutsch, weil wir mit vielen ehemaligen Flüchtlingen gesprochen haben, die in Deutschland Asyl hatten und dann zurückgekehrt sind.“

Über Nordmazedonien geht es nach Albanien, das zu ihrem Lieblingsland auf dem Balkan geworden ist. „Es ist vielfältig, hat Gebirge und Küste, war wegen der Diktatur aber lange abgeriegelt, so ähnlich wie Nordkorea. Erst 1991 gab es die ersten Fernsehprogramme aus dem Ausland. Aber das Land ist wunderschön. Die Menschen sprechen zwar kaum Fremdsprachen, sind aber sehr freundlich, so versteht man sich dann schon.“

Kopfschütteln kann ein Ja bedeuten

Gelernt hat sie, wie wichtig Mimik und Gestik sind. „Ein Kopfschütteln kann für Menschen in anderen Kulturen etwas vollkommen anderes bedeuten. Es kann heißen Okay oder Ja und nicht wie bei uns Nein. Deshalb muss man offen und freundlich sein. Lächeln und winken – Smile and wave muss das Motto sein. Dann kommt meistens auch ein Lächeln zurück.“ Manchmal hilft ihr unterwegs auch eine App, die Texte auf Fotos, etwa von einer Speisekarte, ins Englische übersetzt. Weiter ging es nach Griechenland. „Hier hat uns überrascht, dass das Land nicht nur Küste hat, sondern auch Berge so hoch wie der Triglav in Slowenien.“ In der Türkei war Kappadokien das Highlight, gerne hätten sie eine Ballonfahrt gemacht, aber 150 Euro für eine Person war zu teuer. Dafür sei das Essen das beste gewesen, das sie genossen hätten. Überraschungen nehmen in Georgien zu: „Besonders der Kaukasus beeindruckte uns. Das Gebirge sieht aus wie die Alpen, ist aber viel höher. Armenien hat uns wegen seiner religiösen Tradition besonders interessiert. In dem Land haben wir die beste Party gefeiert und die besten Mechaniker gefunden. Dort ist unser Auto liegengeblieben, aus Großbritannien mussten Ersatzteile geliefert werden, armenische Mechaniker haben es dann perfekt repariert.“

Mindestens 100 Arten von Sand

In Iran bleibt das junge Paar danach in der Wüste stecken. Ein paar junge Männer bieten Hilfe an. „Wir waren anfangs skeptisch, ob man den Jungs trauen konnte, aber sie waren ein Glück für uns. Fremd war für mich besonders, dass die Frauen nach alter Tradition alle verschleiert sind. Auch ich musste mich bis zu den Füßen bedecken. Das war eine frustrierende Erfahrung, aber die meisten Frauen empfinden die Bedeckung als Teil ihres Körpers und deshalb nicht als befremdlich. Nach der intensiven Erfahrung mit mindestens 100 verschiedenen Arten von Sand waren wir nach einem Monat froh, als es weiterging.“ Und doch haben sie in Iran die für sie beste Gastfreundschaft erfahren. „Wir sind angesprochen und für zwei Tage eingeladen worden. Viele Menschen haben wenig Kenntnisse von anderen Ländern. Und viele glauben, ein Gast sei ihnen von Gott geschickt und deshalb ein Segen. Dann teilen sie mit dem Gast alles.“ Spätestens hier zeigt sich, dass viele Bedenken unbegründet waren. „Je weiter wir nach Osten kamen, umso interessanter und unbekannter wurde das Leben. Weil hier kaum Touristen unterwegs waren, haben sich die Menschen immer für uns interessiert.“ Die Lebenshaltungskosten sind geringer. „Ein Liter Diesel kostete in Iran umgerechnet nur 0,06 Euro. Die Einheimischen mussten nur die Hälfte bezahlen. Für uns war der Preis immer eine Sache des Handelns. Manchmal war es schwierig, Diesel zu bekommen. Dann haben wir den Lkw-Fahrern abgekauft.“

Die Einheimischen nennen es Tor zur Hölle

Nina hat auf dem Gymnasium etwas Russisch gelernt. „In den Ländern der ehemaligen Sowjetunion war die Verständigung deshalb etwas leichter. Aber die Länder wurden immer fremder.“ Das gilt gerade für Turkmenistan. „Wir hatten den Eindruck, hier ist alles blockiert, viele Internetseiten, Facebook, Instagram, und das Land schien für uns nur aus Wüste zu bestehen. Und dann gibt es dort einen Krater, 40 mal 100 Meter tief, in dem Erdgas brennt. Die Einheimischen nennen das Tor zur Hölle.“ Am meisten Angst hatten sie in Tadschikistan in einem zehn Jahre alten, fünf Kilometer langen Tunnel. Man nennt ihn Tunnel of Death; er war voller Rauch, es gibt keine Beleuchtung, aber Gegenverkehr, bei einem Unfall ist kein Wenden oder Rückwärtsfahren möglich.“ Über Usbekistan geht es in die arme, spektakuläre Himalaya-Region. „Die schönste Straße der Reise war der Pamir Highway an der Grenze von Tadschikistan zu Afghanistan. Wegen der Höhenlage hatte der Motor Probleme. Wir haben freundliche Menschen getroffen, die als Selbstversorger auf über 3000 Meter Höhe mit bis zu minus 50 Grad Celsius leben.“

Indien fand sie laut und unheimlich aufregend

Kirgistan ist die vorerst letzte Station. Hier wird im November 2019 in der Hauptstadt Bischkek der Defender für die Winterzeit abgestellt, da sonst der Diesel einfriert. Das Paar fliegt als Backpacker auf die Malediven. Der Kontrast könnte kaum größer sein. „Das war jetzt Luxusurlaub pur. Auch auf Sri Lanka, dem Land mit der größten Biodiversität, wo wir danach einen Monat verbracht haben. Indien empfand ich danach als unheimlich laut, aber wegen der Traditionen, des Essens, der Religion auch als unheimlich aufregend.“ Am 23. Dezember 2019 kommen die beiden wieder zu Hause an mit dem Ausblick auf die Fortsetzung der Reise. Im Sommer ist klar, dass diese auf absehbare Zeit nicht stattfinden kann. Ihren Land Rover wollen sie nun nach Slowenien holen. Nina hat in Ljubljana eine Stelle als Marketingexpertin bei einem großen Unternehmen aus dem deutsch-österreichischen Raum gefunden.

Illustration Studio Zubunt
Quelle: F.A.Z.
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