Hof für ausgediente Sportpferd

Raus auf die Weide und endlich in eine Herde

Von Simeon Kind, Kantonsschule Uetikon am See
03.09.2021
, 16:53
Eine Rennreiterin und ihr Verein „Zweites Leben für Sportpferde“ betreiben nahe der Schweizer Grenze den Burgstallhof. Für die Tiere ist es überlebensnotwichtig, dass sie nach der Karriere beschäftigt werden.
ANZEIGE

Heute findet das letzte Rennen des sechsjährigen Champi statt. Er ist noch ruhig, denn er ist erfahren. Doch das Feld ist stark. Hat sich das 30 000 Franken teure Training auch noch für dieses Jahr gelohnt? Der Startschuss fällt. „Das Feld ist auf der Reise“, tönt es aus dem Lautsprecher, „Champi ist gut auf die Beine gekommen, sofort Del Campo mit in vorderster Linie, auf der Innenseite Le Colonel.“ Die Pferde hetzen ans Ziel. „Del Campo in erster Position, dicht gefolgt von Champi, er geht auf und davon, Del Campo ist geschlagen. Champi gewinnt das Rennen sehr knapp“, kommentiert der Speaker den Ausgang des Flachrennens, das in Dielsdorf im Kanton Zürich stattgefunden hat. Dieser Sieg ist nun ein würdiger Abschluss für Champis Karriere. Zur Belohnung wird ihm eine möglichst friedliche Rente ermöglicht. Er soll nichts mehr tun müssen, soll ausreichend Futter bekommen und auf der Weide tun und lassen können, was er will. Ein angenehmer Ruhestand ist gesichert. Nach kaum einem Jahr wird er jedoch tot sein.

ANZEIGE

Ein Jahr danach sterben viele

Es ist ein Phänomen, dass Sportpferde, die jahrelang täglich trainiert haben, manchmal innerhalb eines Jahres nach ihrem letzten offiziellen Galopprennen sterben. Es gibt verschiedene Thesen zu dieser Tatsache. „Eine davon“, erklärt Natalie Friberg, die früher selbst Rennen ritt, „ist eine Art Langeweile oder Überdruss nach dem Rennsport. Wenn das Sportpferd von einem Tag auf den anderen keine herausfordernde Beschäftigung mehr hat, stumpft es ab, gerät in eine Art Depression, und letztendlich kann es vorkommen, dass es stirbt.“ Ein solches Unglück ist der charismatischen Natalie Friberg vor acht Jahren passiert. Daraufhin gründete die 46-Jährige den Verein „Zweites Leben für Sportpferde“. Diese Organisation bietet Rennpferden nach Ablauf ihrer sportlichen Karriere eine neue, sinnvolle und erfüllende Beschäftigung auf dem Burgstallhof im baden-württembergischen Klettgau unweit der Schweizer Grenze. Der Burgstallhof mit seinen Weiden liegt einsam auf einer riesigen, von Wald umgebenen Ebene, nur in der Ferne sind noch ein paar andere Häuser zu sehen. Da Rennpferde für den harschen Wettbewerb aufgebaut werden, ist es überlebenswichtig, dass die Pferde auch nach der Karriere beschäftigt werden. Jeweils am Morgen begibt sich Natalie Friberg, die ihren Lebensunterhalt als Pferdeosteopathin verdient, in den Stall und kontrolliert, ob die Pferde gut gefressen haben. Ein Indiz für das Wohlergehen des Pferdes ist, ob Rossäpfel in der Pferdebox herumliegen. Wenn dies nicht der Fall ist, dann ist die Hauptursache meistens eine Kolik, die zum Tod führen kann. Heu und frisches Wasser werden ebenfalls nachgefüllt und die Boxen ausgemistet.

Stute Shanti ist eine Herausforderung

Nach den morgendlichen Routineaufgaben arbeiten die verschiedenen Pferdefachleute jeweils mit den ihnen zugeteilten Pferden. Natalie Friberg betont: „Nicht die Helfer suchen sich die Pferde aus, sondern die Pferde wählen die Pfleger aus.“ Durch die ständige Zusammenarbeit kann man aufgrund des Verhaltens des Pferdes deuten, ob es den Helfer mag oder nicht. Also wird jedes Pferd von der Person betreut, die es am liebsten mag. Die blonde Frau hat festgestellt, dass gewisse Pferde überhaupt nicht klarkommen mit einem gewissen Typ Mensch. „Die Stute Shanti zum Beispiel ist eine große Herausforderung für die Betreuer. Sie registriert sofort die Stimmungen und kann dementsprechend sehr störrisch und unkooperativ reagieren“, erklärt die Rennreiterin. Und einige Pferde wollen nicht geritten werden. Ein Helfer kommt mit der Trense zur Stute. Will diese nicht geritten werden, dreht sie sich weg. Das Motto der Gründerin: „Egal ob Pferd oder Mensch, es darf alles sein, muss aber nicht.“ Im abgelegenen Burgstallhof, wo Natalie Friberg ihr Leben verbringt, werden verschiedene Übungen für die pensionierten Pferde angeboten. „Die Pferde werden ausgeritten oder am Halfter spazieren geführt, es wird Dressurreiten praktiziert, über Latten gesprungen, und es werden auch Zirkuslektionen geübt“, berichtet Friberg, die nicht nur Pferdeliebhaberin ist, sondern auch zahlreiche Hunde, Katzen und sogar zwei Schildkröten besitzt. Die Pferde müssen Anregungen für den Kopf bekommen und entsprechende Übungen machen. Es ist nicht die Übung an sich, die das Gehirn des Rennpferdes fordert, sondern das Lernen. Das Aufrichten eines Leitkegels stellt schon eine Herausforderung dar. Das Pferd übt und trainiert. Der Prozess des Lernens wird immer wieder fortgeführt, ausgefeilt und schlussendlich mit einem Leckerli belohnt.

Schrittweise in die Herde integriert

„Wenn neue Pferde in den Burgstallhof kommen, werden diese zuerst separat gehalten und erst schrittweise in die Herde integriert“, erklärt Natalie Friberg. Die Eingliederung ist oft ein langwieriger Prozess. Pferdeherden haben eine klare Hierarchie. Ein Kenner merkt nach wenigen Augenblicken, wer die Leitstute ist und das Sagen hat. Für ein Pferd, das lange ein Dasein als Einzelkämpfer fristete, ist es schwer, eine Hierarchie zu akzeptieren und sich einzugewöhnen. „La Bamba“, die Braune mit der ausgeprägten Blesse, ist ein Pferd, das extrem menschenfixiert ist, und sie verstand sich nicht gut mit Pferden. Dies ist dadurch bedingt, dass diese Pferde im Pferderennsport früh eingesetzt werden und das Herdenverhalten verlernen. Natalie Friberg berichtet: „La Bamba zeigte uns zwei Verhaltensweisen. Manchmal ist sie völlig ausgerastet und hat Pferde gebissen, oder sie ist völlig hysterisch davongerannt. Das Integrieren dauerte etwa ein Jahr.“ Ein weiteres Angebot, das der Burgstallhof anbietet, ist das pferdeunterstützte Coaching. Hierbei handelt es sich um die professionelle Begleitung von Menschen, die sich im persönlichen wie auch beruflichen Bereich weiterentwickeln wollen. Natalie Friberg, die auch Kursleiterin ist, erklärt, dass Pferdecoaching immer mehr an Popularität gewinnt: „Viele Vorgesetzte buchen das gestützte Pferdecoaching zur Teambildung. So erfahren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter etwas über sich und über die Teammitglieder. Dies stärkt das Gemeinschaftsgefühl und die Akzeptanz von Verschiedenartigkeit im Team. Unbefangen und vorurteilslos werden Fähigkeiten wie Teamfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein aufgezeigt“, führt sie aus. Aufgrund dieser Erkenntnisse können Rückschlüsse auf die Arbeitswelt gesammelt und in den Alltag einbezogen werden. Ein großes Plus für die Organisation ist, dass das frühere Rennpferd durch seine Sensibilität für Pferdecoachings gut geeignet ist.

ANZEIGE

Der Verein „Zweites Leben für Sportpferde“ wird größtenteils durch Patenschaften und eine Schweizer Tierschutzstiftung finanziert. Mit zehn Patenschaften sind die Grundkosten eines Pferdes gedeckt. Eine Patenschaft kostet mindestens 40 Franken im Monat. Der Pate oder die Patin eines Pferdes besucht sein oder ihr Patenpferd oft und wird regelmäßig über dessen Wohlbefinden informiert. Natürlich darf der Gönner auch aktive Aufgaben mit dem Pferd übernehmen. Oder wie Natalie Friberg meint: „Das Pferd freut sich auf Streicheleinheiten, Striegelaktionen oder einfach auf gemütliche Spaziergänge hier in dieser idyllischen Umgebung.“

Illustrationen © studio soundso/Moni Port
Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE