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Axel Scheffler

Der Unzufriedene und die heile Welt

Von Julia Schaaf, London
 - 17:18
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Wenn ein junger Drache im Flugunterricht gegen einen Baumstamm kracht, sieht das so aus, dass Kinder lachen müssen: Der Körper wirkt ein bisschen gestaucht, eine Vogelmutter mit ihren Jungen auf dem Ast oben drüber wird durch den Aufprall fast aus dem Nest geschleudert. Auf dem nächsten Bild klebt ein Mädchen ein Pflaster auf die Drachennase. Nur den Augen des Untiers ist abzulesen, wie ramponiert es sich fühlt. „Ich habe mir das Blut verkniffen“, sagt Axel Scheffler. „Ich dachte, das wird sowieso wieder wegretuschiert.“

Axel Scheffler passt nicht in seine Bilderbücher. Zwei dünne Pflaster auf seiner Nasenwurzel wölben sich zu einem Horn, die Blutkruste über der geschwollenen Oberlippe sieht aus wie ein verrutschtes Hitlerbärtchen. Eigentlich, sagt Scheffler, habe er sich eine abenteuerliche Erklärung für seine Blessuren ausdenken wollen: eine prügelnde Verlegerin vielleicht. Neidische Kollegen mit Baseballschlägern. Weil der Zweiundfünfzigjährige aber Illustrator ist und kein Geschichtenerfinder, erzählt er, wie er vor ein paar Nächten von einer Dinner-Party nach Hause radelte und plötzlich über den Lenker mit dem Gesicht auf die Straße flog. Die Bremsen seines neuen Fahrrads waren einfach zu gut. Am nächsten Tag ließ er sich im Krankenhaus verarzten. Kaum hatte er seinen Namen genannt, sagte die Frau am Empfang: Ihre Enkelin liebe seine Bücher.

Menschen, Tiere und Fabelwesen leben wie selbstverständlich miteinander

Die Vorstellung, wie viele Kinder jeden Abend mit Scheffler-Bildern zu Bett gebracht werden, lässt einen schwindeln. „Der Grüffelo“, von der schottischen Autorin Julia Donaldson gereimt, hat sich seit 1999 weltweit mehr als 3,5 Millionen Mal verkauft. Seitdem sind - in Deutschland bei Beltz & Gelberg - mehr als zehn weitere Gemeinschaftsproduktionen erschienen. Von dem neuen Drachenbuch „Zogg“ will allein der englische Verlag 200 000 Stück auf den Markt bringen. Hierzulande sind bei Bilderbüchern Auflagen von maximal 5000 Exemplaren die Regel. „Ich bin weder Illustrator geworden, um reich noch um berühmt zu werden. Das ist beides so gekommen“, sagt Scheffler. Und: „Ich bin eigentlich nur Illustrator geworden, damit ich nie Anzug und Schlips tragen muss. Das ist gründlich schiefgegangen.“

Erst vor wenigen Wochen haben Scheffler und Donaldson bei den British Book Awards den Oscar der britischen Buchbranche entgegengenommen. An Weihnachten kommt der Grüffelo ins Fernsehen. Eine Hollywoodproduktion hatte um die Rechte geworben, eine vielteilige Serie war auch im Gespräch. Beides, glaubt Scheffler, hätte die Geschichte von der kleinen Maus, die ein Ungeheuer erfindet, um ihre Feinde in die Flucht zu schlagen, bis das Monster leibhaftig vor ihr steht, zerstört. Die animierte Adaption, die das ZDF jetzt im Vormittagsprogramm am Heiligabend zeigen wird, gefällt dem Illustrator. In den deutschen Sprechrollen: Heike Makatsch, Christian Ulmen, Otto Sander, Edgar Selge. Scheffler weiß selbst, wie ungewöhnlich solche Erfolge in seiner Branche sind. Bittet man um eine Erklärung, schwärmt er von der Brillanz seiner Erzählerin, von ihren eingängigen Reimen, ihrer leisen Moral. Aber Text ist bei einem guten Bilderbuch nur die halbe Miete. Axel Schefflers Illustrationen zeigen, was Julia Donaldson meint, manchmal auch mehr. Er schafft einen Kosmos, der die Phantasie beflügelt, weil Menschen, Tiere und Fabelwesen dort wie selbstverständlich miteinander leben. Letzteren, vom Eichhörnchen bis zum animierten Holzstock, ist keine menschliche Regung fremd. Schreck und Witz, Glück und Leid, alles hat seinen Platz - und sieht in Schefflers übersatten Farben, klar konturiert, immer aus wie eine heile Welt. Das gefällt den Kleinsten, fasziniert auch ältere Kinder und macht selbst Eltern als Endloswiederholung Spaß.

In einer fremden Welt

Auch der Hamburger, der seit 28 Jahren in England lebt, ist neuerdings in einer Art Bilderbuchidylle zu Hause: Im Sommer ist er übergangsweise in den Londoner Vorort St. Margarets gezogen. Überall Klinkerbauten mit Erkerfenstern wie aus weißem Zuckerguss; die Themse, zum Malen schön, ist nur einen Spaziergang weit entfernt. Am anderen Ufer liegt Richmond, wo Scheffler ein Haus gekauft hat, das zurzeit von Grund auf saniert wird. Er zeigt über einen weiten englischen Rasen hinweg auf einen Hügel: Dort ungefähr werden er, seine französische Lebensgefährtin und die drei Jahre alte Tochter Anfang nächsten Jahres hinziehen, damit das Kind eines Tages die nahe gelegene deutsche Schule besuchen kann. Sein Zeigefinger wandert wenige Zentimeter weiter nach rechts: Dort ungefähr soll Mick Jagger leben.

Eigentlich, sagt Scheffler, sei das nicht seine Welt. Zu reich, zu fein, zu homogen weiß findet er das alles. Der Zeichner besitzt nicht einmal ein Auto. Er trägt ein ungebügeltes Hemd unterm Lambswoolpullover zu ausgebeulten Jeans. Seine Wohnung ist ein einziges Chaos, und das vermutlich nicht nur, weil die Familie dort vorübergehend haust. Luxus bedeute ihm nichts, sagt er, Geld sei für ihn kein Thema. Als Sohn eines Bahlsen-Fabrikdirektors - „mein Vater war der Peanut-Man“ - hat er nie materiellen Mangel erlebt. Als Illustrator war er früh in der glücklichen Lage, von seiner Arbeit leben zu können. Scheffler nestelt mit seinem Schal vor dem verschrammten Gesicht herum. Er ist mindestens so freundlich und offen wie scheu. „Nicht auf die Nase fallen“, witzelt er trocken, als seine Begleiterin auszurutschen droht.

„Eine Idee habe ich eigentlich immer“

Weil der Illustrator schon zu Schulzeiten gerne zeichnete, sollte daraus nach dem Abitur bitteschön eine Berufsperspektive werden. Erster Plan: Kunstpädagogik, „bin abgelehnt worden, zum Glück“. Zweiter Plan: Kunstgeschichte, „weil mir nichts anderes eingefallen ist“, Abbruch des Studiums. Dritter Plan: Visuelle Kommunikation im englischen Bath, wo er eine Freundin besuchte. „Gelernt habe ich da eigentlich nichts. Aber es war einfach gut, drei Jahre nur zu zeichnen.“ Anschließend arbeitete Scheffler für Magazine, malte Whisky-Werbung und fing an, Kinderbücher zu illustrieren. Ein Zufall führte ihn mit Julia Donaldson zusammen.

Scheffler arbeitet in einem winzigen Zimmer im ersten Stock seines Übergangshauses, wie er es nennt. Auf dem Schreibtisch ist vor lauter Farbtöpfen und Buntstiften in Marmeladengläsern kaum mehr Platz für Papier. „Das macht mich verrückt“, stöhnt Scheffler, während er einen Stapel Kladden und Blätter ins Kinderzimmer seiner Tochter trägt. Dort liegen zwischen Spielzeug ein Grüffelo-Rücksack und ein paar Stofftiere mit schefflertypischen Kulleraugen herum, die dem Merchandising zum Film entstammen. Scheffler breitet seine Arbeit auf dem Fußboden aus. Zurzeit sitzt er an einer neuen Donaldson-Geschichte über eine wegelagernde Ratte. „Eine Idee habe ich eigentlich immer“, sagt er. Man kann sehen, wie nah schon die ersten, schnell entstandenen Zeichnungen den fertigen Kompositionen kommen. Der Künstler überträgt seine Entwürfe auf Aquarellpapier, grundiert mit Wasserfarben, übermalt alles mit Buntstiften und zeichnet zuletzt mit einer schwarzen Feder die Konturen nach. So entstehen die ungewöhnliche Leuchtkraft und Plastizität, die seine Bilder auszeichnen.

„Ich denke, das geht alles den Bach runter“

Aber Scheffler ist unzufrieden. „Ich habe irgendwie keine Lust, die nächsten zehn Jahre wie so eine Maschine dasselbe zu machen“, sagt er. Erfolg ist immer auch eine Falle: Natürlich wollen seine Verlage Bilder, die sich gut verkaufen lassen; gerade in England, wo der Absatz auf ausländischen Märkten von vornherein mitkalkuliert wird, werden Entwürfe gern auf ein gewisses Maß an universeller Niedlichkeit getrimmt. Und sie wollen sie im jährlichen Rhythmus neu. Da ist es schwer, mit einem anderen, frecheren Stil zu experimentieren, obwohl Scheffler weiß, dass einem wie ihm selbst das zugestanden würde. Er blättert in großformatigen Skizzenblöcken, in denen die Figuren schroffer sind und sogar der Grüffelo mit engstehenden Augen und kantigem Kinn geradezu furchterregend wirkt.

Früher hat Scheffler jedes halbe Jahr so einen dicken Block vollgemalt. Das aktuelle Exemplar datiert von 2006. Seit seine Tochter auf der Welt ist, fehlt dem Künstler vor allem - Zeit. Nichts gegen das Kind, das er nie haben wollte, „hundertprozentig überhaupt nicht“, weil er es aus politischen Gründen unverantwortlich findet, Nachwuchs in die Welt zu setzen: „Ich habe keinen besonderen Optimismus, was die Zukunft der Welt angeht. Ich denke, das geht alles den Bach runter.“

Ein Melancholiker, ein Pessimist, ein Unzufriedener

Heute fällt ihm als Erstes seine Tochter ein, wenn man wissen will, was ihn glücklich macht. Aber seit er das Haus gekauft hat, wachsen ihm die Dinge über den Kopf. Nachts liegt er wach, weil er es hasst, Fliesen und Türklinken auszusuchen. Manchmal weiß er nicht, wie er Abgabetermine einhalten soll. „Im Moment denke ich, es ist zu viel. Ich würde am liebsten alles hinschmeißen“, sagt Axel Scheffler.

Spätestens jetzt versteht man, warum der Illustrator unter seinen freundlichen Kinderbuchgeschöpfen keinen erklärten Liebling hat. Sein eigentliches Alter Ego heißt „Der Verdrüßliche“ und ist die im Frühjahr für Erwachsene erschienene Bebilderung eines verschollenen Gedichts des Romantikers Ludwig Bechstein (Jacoby & Stuart). Ganz egal, ob dieser Mann mit der schefflertypischen Riesennase Wein trinkt oder Bier, ob es Frühling ist oder Herbst, nichts ist ihm recht, und der Grund für seine schlechte Dauerlaune liegt allein in ihm selbst: „Weil ich verdrüßlich bin, bin ich verdrüßlich“, dichtet Bechstein. Scheffler sagt: „Das gefiel mir irgendwie.“ Ein Melancholiker, ein Pessimist, ein Unzufriedener auch er - ein „gloomy German“ eben.

Freies Leben im Käfig

Woher bloß nimmt er die Heiterkeit seiner Kinderbücher? Scheffler schweigt einen Moment. „Das ist mein Job“, sagt er dann. Außerdem seien die meisten Komiker mindestens latent depressiv.

Schon springt er auf und holt eine Urkunde aus seinem Arbeitszimmer. Eine Tierschutzorganisation hat ihn kürzlich zum „Eichhörnchen-Botschafter“ ernannt. Scheffler kichert. Tatsächlich tauchen rote Eichhörnchen - in Großbritannien durch ihre dicken, grauen Verwandten vom Aussterben bedroht - in fast all seinen Büchern auf. „Irgendwie hat sich das ergeben, dass ich jetzt der Eichhörnchen-Mann bin“, sagt Scheffler. In seinem schmalen Band „Über das Halten von Eichhörnchen“, basierend auf einem Ratgeber von 1910, hängt ein Eichhörnchen mit den Knien am Trapez und schwingt kopfunter über zwei ansonsten leere Seiten hinweg: So frei kann das Leben in jedem Käfig sein. In seinem neuen Haus wird Scheffler zum ersten Mal viel Platz zum Malen haben. „Im nächsten Jahr wird alles besser“, sagt Scheffler und lacht verhalten. „Da werde ich dann auch ganz ordentlich.“

Quelle: F.A.S.
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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