Bergsteiger Boris Marinov

Blick auf den Botev

Von Simona Ivanova, 91. Gymnasium „Prof. Konstantin Galabov“ Sofia
17.09.2021
, 12:58
Besuch bei einer bulgarischen Bergsteigerlegende. Boris Marinov in seinem Basislager, einem 200 Jahre alten Haus im Zentralen Balkangebirge.
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Ein regenreicher Montag. Der Himmel ist hinter den düsteren Wolken verschwunden, und der strömende Regen hört nicht auf. Boris Lazarov Marinov stützt sich auf seinen langen Regenschirm. Der 89 Jahre alte Mann mit Hut beschäftigt sich beruflich mit Schreiben, Alpinismus und Seminaren an der Sofioter Universität. Er hat zahllose Gipfel weltweit bestiegen, wie zum Beispiel den 5642 Meter hohen Elbrus, den 4134 Meter hohen Mestia-Tau oder den Gumachi mit 3805 Metern im russischen Kaukasus. Im Rahmen einer bulgarisch-sowjetischen Expedition ins Pamir-Gebirge bestieg er sogar einen bisher nicht bestiegenen Gipfel mit einer Höhe von 5111 Metern. Boris Marinov erinnert sich: Er musste den vom Gletscher fließenden Fluss entlanglaufen, um einen Platz mit ruhigem Wasser zu finden. Diesen Ort hat er als Spiegel benutzt, um sich zu rasieren, weil, wie er erklärt, „auf Expeditionen keine unnötigen Dinge mitgebracht werden dürfen“.

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Von der Westseite auf den Everest

Im Jahr 1984 nahm Boris Marinov an der ersten bulgarischen Expedition zum Mount Everest als stellvertretender Vorsitzender des Organisationskomitees zur operativen Unterstützung teil. Die Vorbereitung für diese Expedition war außerordentlich schwierig. Den Everest wollten sie von der Westseite erklimmen. Solche Expeditionen werden heutzutage staatlicherseits nicht mehr durchgeführt, weil sie zu teuer und zu aufwendig sind. Daher gibt es viele Organisationen, die sich um alle Bedürfnisse der Bergsteiger kümmern. Die Teilnehmer bezahlen die Expedition vollständig. Sie müssen aber keine Erfahrung im Bereich des Alpinismus mitbringen. Diese Organisationen konkurrieren alle miteinander darum, wer mehr Leute auf den Gipfel bringt.

Was damals schief lief, weiß er nicht

An der Expedition 1984 hat der bulgarische Alpinist Hristo Prodanov teilgenommen, aber er blieb für immer auf dem Gipfel. 41 Jahre alt war er und der 13. Mann, der ohne zusätzlichen Sauerstoff den Western Ridge bestieg. Boris Marinov sagt, dass er „ein Mann mit Erfahrung“ gewesen sei. Was schieflief, weiß Marinov nicht. Niemand weiß, was am Berg passierte. Die Toten bleiben immer oben. Trotz des tragischen Zwischenfalls haben sie ihr Hauptziel erreicht – den Everest zu erklimmen. Sogar ein Buch schrieb er darüber: „Waren wir bereit für Everest’84?“. Darin erzählt er über die schwierigen Vorbereitungen. Alpinisten, Spezialisten für Sporttraining, Ärzte, Psychologen und Ingenieure waren beteiligt. Bis zur letzten Minute haben sie viel an der Absicherung, der Bereitstellung und der Verpackung der Verpflegung und des Gepäcks gearbeitet. Spezialisten haben Informationen über die Geländeschwierigkeiten, die Mühsamkeiten und die Risiken des Aufstieges, die niedrigen Temperaturen, den Sauerstoffgehalt in der Luft gesammelt und die physikalischen sowie psychologischen Reaktionen des Menschen hierauf untersucht.

Empfang bei Indira Gandhi

Nach seiner Rückkehr blieb Boris Marinov der Empfang bei Indira Gandhi lebendig in Erinnerung. Die indische Politikerin und Premierministerin traf er in den Jahren 1966 bis 1977 und 1980 bis1984 anlässlich einer internationalen Alpin-Konferenz. In vier Büchern erzählt er heute von seinem eigenen Dorf Skandaloto. Es liegt am Fluß Vidima zwischen Troyan und Apriltsi. Sein Haus, das gleichzeitig sein eigenes Basislager ist, liegt hoch im Zentralen Balkangebirge mit Blick auf den Botev, mit 2376 Meter dessen höchster Gipfel. Er hat das Haus in ein ethnographisches Museum verwandelt. 1000 Gegenstände hat er gesammelt. In seinem Museum gibt es Holzbretter, Entenfedern und Pilztinte, mit denen die Kinder in der alten Schule schrieben. 50 Exponate, darunter alpine Ausrüstungsstücke und Gegenstände des alltäglichen Lebens, spendete Boris Marinov dem Museum in Troyan, weil das dortige Museum trotz seiner Größe solche Exponate nicht besaß. Nun erforscht er die Geschichte seines Dorfes, in das die Menschen vor der osmanischen Fremdherrschaft flohen. Hierüber und über die Architektur des Dorfes kann er den ganzen Tag erzählen, denn es gibt viele Besonderheiten der Häuser aus verschiedenen Jahrhunderten, typische Bauernhäuser aus der Frühzeit oder mehrstöckige Gebäude mit zurückspringenden Untergeschossen aus der Zeit der nationalen Wiedergeburt. Sein eigenes, 200 Jahre altes Haus stammt aus dieser Periode. Die Distanz zum Gipfel auf dem gegenüberliegenden Bergrücken Varenite kennt er genau: 2009 Schritte oder 20 Minuten.

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Quelle: F.A.Z.
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