Bestatter-Ausbildung

Auf dem Lehrfriedhof

Von David Bieber, Johann-Philipp-von-Schönborn-Gymnasium, Münnerstadt
Aktualisiert am 04.11.2020
 - 17:40
Der Name Berufsausbildungszentrum für angehende Bestattungsfachkräfte ist sperrig. Das Tätigkeitsfeld ist es auch. Aber die Auszubildenden sind motiviert.

Ich habe den Beruf ausgewählt, weil ich etwas Außergewöhnliches machen wollte, zudem ist er sehr abwechslungsreich“, sagt Lisa Mertens über ihre Wahl zur Ausbildung als Bestattungsfachkraft in Unterfranken. Für viele Menschen mag der Gedanke daran, tagtäglich mit Toten zu arbeiten, abschreckend sein. Doch die Auszubildenden haben sich bewusst dafür entschieden. Wie man mit dem Tod umgeht, erfährt und erlernt man im deutschlandweit einzigen Berufsausbildungszentrum für angehende Bestattungsfachkräfte in Münnerstadt. „Unter Beachtung der geltenden Sicherheitsvorschriften müssen die Auszubildenden zum Beispiel lernen, wie man ein Grab ausbaggert und es für eine Beisetzung herrichtet. Aber auch der Umgang mit speziellen EDV-Programmen, die Kundenberatung und -betreuung stellen essentielle Bestandteile des Berufes dar“, erläutert Rosina Eckert, die Verwaltungsleiterin der Einrichtung. „Nicht zu vergessen ist natürlich auch der Umgang mit den Verstorbenen, wie das Waschen und Ankleiden. Unterrichtet werden beispielweise auch Hebe- und Tragetechniken, Bearbeitung eines Sarges und vieles mehr.“

Thanatopraktiker richten Unfallopfer her

Die dreijährige Ausbildung teilt sich auf in die Berufserfahrungszeit im jeweiligen Bestattungsunternehmen, den Besuch der Berufsschule „sowie drei überbetriebliche Lehrlingsunterweisungen hier im Ausbildungszentrum“, erklärt Eckert, die früher Standesbeamtin war. „In den Betrieben Erlerntes wird hier noch einmal standardisiert, um auf die darauf abgestimmte Zwischen- und Gesellenprüfung vorzubereiten. Insgesamt fünf Wochen sammeln Auszubildende dort abseits von Berufsschule und Betrieb Erfahrungen.“ Jährlich werden etwa 200 Bestattungsfachkräfte aus- sowie Bestatterinnen und Bestatter weitergebildet, durch die Bestattermeisterausbildung, die Weiterbildung zum Thanatopraktiker, der zum Beispiel Unfallopfer angemessen herrichtet, oder andere Aufbauseminare. Im Jahr 1994 stellte der Bestatterverband Bayern den Antrag, in Münnerstadt einen Teil des damals erweiterten städtischen Friedhofs als Lehrfriedhof benutzen zu dürfen. Die ehemalige, nicht mehr nutzbare Friedhofskapelle wurde zum Unterrichtsraum umfunktioniert, damit war der Grundstein für das Ausbildungszentrum gelegt. Später wurde dieses Gelände vom Bundesverband Deutscher Bestatter übernommen und 2005 schließlich das Ausbildungszentrum eingeweiht.

Seebestattung und Streufeld

Es ist in verschiedene Räume aufgeteilt, in denen – abgesehen von der Arbeit unter freiem Himmel – alle Aufgabenbereiche eines Bestatters vermittelt werden. Neben einem EDV-Raum für die bürokratische Arbeit wie das Bearbeiten von Fotos für den Trauerdruck oder die Übermittlung von Daten an das Standesamt gibt es einen Unterrichtsraum für Materialkunde, in dem Sargmodelle, Urnen und Totenhemden, sogenannte Talare, zu sehen sind. Wenn eine Seebestattung geplant ist, muss sich die Urne restlos zersetzen können und darf nur in Gebieten mit rauhem Untergrund abgelassen werden, oder bei einer Bestattung auf einem Streufeld, wie das auf manchen Friedhöfen in Ostdeutschland üblich ist, muss eine bestimmte Vorrichtung verwendet werden. Auch dass einer Urne stets ein Schamottstein mit einer Registriernummer für den Verstorbenen beiliegen muss, müssen die Auszubildenden wissen. Ein besonderes Ausstellungsexemplar im Ausbildungszentrum stellt eine mit Diamanten besetzte Swarovski-Urne dar, woran man sieht, dass es unterschiedlichste Wünsche gibt, wie Verstorbene bestattet werden sollen.

Wie Räume der Rechtsmedizin

In einem weiteren Raum stehen unterschiedliche Särge, zum Beispiel in einer Harley-Davidson-Ausführung oder mit der Möglichkeit, ein Herzchen aus Holz aus dem Sargoberteil entnehmen zu können. Doch hauptsächlich lernt man in der Werkstatt, wie die im Rohzustand gelieferten Särge mit Folie oder Ölpapier wasserdicht gemacht, Griffe und Füße montiert sowie mit Matratzen und Schmuckdecke ausgestattet werden. Auch das Ver- und Auflöten eines Zinksarges zur Auslandsüberführung von Toten will gelernt sein. Zudem muss ein Bestatter eine verstorbene Person hygienisch behandeln und angemessen für eine Trauerfeier oder den Abschied durch Nahestehende herrichten können. Deshalb gibt es zwei Räume, die nach Auffassung Eckert gut mit den Räumen der Rechtsmedizin aus Krimis vergleichbar sind. Dort wird entweder mit Dummys oder nach Möglichkeit und Einverständnis der Angehörigen auch an echten Verstorbenen unterrichtet.

Abbruchquote unter dem Durchschnitt

In der Übungskapelle wird das Dekorieren geübt. Wichtig ist dabei die Religion oder Konfession. „Handelt es sich zum Beispiel um eine katholische Trauerfeier, sollten Weihwasser und ein Kreuz mit Christuskorpus dabeistehen“, erklärt Rosina Eckert. „Die wichtigsten Gebete und Bräuche anderer Glaubensgemeinschaften sollte ein Bestatter kennen.“ In den Unterrichtsräumen wird die Theorie bezüglich der Trauerpsychologie und des Umgangs mit Angehörigen vermittelt und geübt. Für viele Auszubildende ist das ein wichtiger Teil. „Generell sehe ich an meinem Beruf eher die schönen Seiten, zum Beispiel wenn sich Angehörige nach der Trauerfeier für die Hilfe und Unterstützung bedanken und man weiß, dass man für sie Gutes getan hat“, erklärt die angehende Bestatterin Sophie Schüler. „Natürlich gibt es auch Schattenseiten: Ich hatte zum Beispiel mal einen Fall, in dem Eltern ihr neugeborenes Kind verloren haben, während sie fast zeitgleich mit aus dem Kreißsaal kommenden stolzen Eltern in Kontakt gerieten“, sagt der Auszubildende Ferdinand Scherer. „Aber um den Menschen in solchen Situationen beistehen zu können, machen wir diese Ausbildung und lernen, mit solchen Situationen umzugehen.“ Entgegen gängigen Vorstellungen, es gebe aufgrund derartiger psychisch belastender Vorfälle eine höhere Abbruchquote als in anderen Berufen, liegt die Rate sogar unter dem Durchschnitt. „Die Auszubildenden wissen, worauf sie sich einlassen, bevor sie die Ausbildung beginnen, und haben oft vorher durch Praktika oder andere Erfahrungen Kontakt zur Bestattung gehabt“, erklärt es Rosina Eckert.

Quelle: F.A.Z.
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