Bibeldorf Rietberg

Ein ganzes Dorf zum Buch der Bücher

Von Lisa Müller, Kantonsschule Trogen
17.09.2021
, 13:36
Zwischen Ziegenhaarzelten und römischen Wachanlagen: Eva-Maria Fricke leitet das stetig wachsende Bibeldorf Rietberg. Das Freilichtmuseum im Teutoburger Wald entführt in die Zeit Jesu.
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Das rhythmische Hämmern der Handwerker schallt durch das Dorf, einzig unterbrochen von den Rufen des vorbeimarschierenden Römertrupps. Die Düfte des Kräutergartens vermischen sich mit dem Geruch frisch gebackenen Fladenbrotes. In dem Dorf mit den ockergelben Häusern fühlt man sich in den Nahen Osten zur Zeit Jesu katapultiert. Tatsächlich befindet man sich aber mitten in Deutschland im Bibeldorf Rietberg im Teutoburger Wald. „Wenn wir biblische Geschichten erzählen, schwingt ganz schnell bei jedem etwas aus seinem Leben mit“, meint Eva-Maria Fricke, Geschäftsführerin des Bibeldorfes. „Und dabei geht es nicht darum, jemandem die christliche Religion überzustülpen“, fügt sie hinzu. Für die 57-Jährige sei schon immer die Frage gewesen, wie man junge Menschen in Kontakt mit biblischem Wissen bringen könne. Die Begeisterung, mit der sie über das handlungsorientierte Museum berichtet, ist durch die randlose Brille in ihren leuchtenden Augen wiederzuerkennen. Ihr brauner Lockenkopf steckt voller Ideen. An ihren Füßen entdeckt man zu fast jeder Tages- und Jahreszeit ihre braunen Birkenstock-Sandalen.

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Vom Klärwerk zum Erklärwerk

Seit zwanzig Jahren setzt sich die Lehrerin für Deutsch, Musik und katholische Religion dafür ein, Interesse für die Bibel und deren Geschichten zu wecken, besonders bei jungen Menschen. 2007 wurde das Bibeldorf hierfür als „ausgewählter Ort im Land der Ideen“ ausgezeichnet. „Vom Klärwerk zum Erklärwerk“ lautet der Leitspruch des Bibeldorfes, denn wo heute das Bibeldorf steht, befand sich früher das Klärwerksgelände der Stadt Rietberg. Heute können Schulklassen, Kinder- und Jugendgruppen hier das Leben im Alten und Neuen Testament erfahren, während sie von Hand Körbe flechten, Seile drehen oder Kräutersalz herstellen. Fricke und ihr Team bieten thematisch verschiedene Projekte und Führungen an, auch für Erwachsenengruppen. Daneben gibt es öffentliche Touren während der regulären Öffnungszeiten.

Grundlage dafür bietet die Montessori-Pädagogik, für die Fricke sich noch während ihres Studiums ausbilden ließ. Besonders deutlich sei ihr Montessoris Leitsatz „vom Greifen zum Begreifen“ geworden, als sie mit ihrer damals dreijährigen Tochter ein Museum besucht habe. „Sie sagte zu mir: ,Mama, lass mich mal sehen, aber mit meinen Händen.‘ Das hat mir gezeigt, dass Kinder mit allen Sinnen fühlen müssen, um zu lernen“, schmunzelt die dreifache Mutter in die Kamera der SkypeÜbertragung. Umgesetzt wird diese Museumspädagogik in Projekten wie „Vom Korn zum Brot“. Dabei lernen Kinder und Jugendliche zunächst unter einem Nomadenzelt etwas über die Lebensweise der Nomaden im Altertum und mahlen dann wie zur damaligen Zeit Mehl mit originalen Steinmühlen. Aus dem entstandenen Mehl wird schließlich ein Fladenbrot gebacken und gemeinsam gegessen. „Dabei wird schnell klar, dass keiner richtig satt wird, aber wer Nachschub möchte, muss noch einmal Mehl mahlen“, erzählt die pädagogische Leiterin. Die Teilnehmenden sollen so erfahren, wie viel körperliche Arbeit in einem Brot steckt.

Der Jugendkreis baute eine Synagoge

Begonnen hat alles im Jahr 2003, als Fricke das Bibeldorf bei Paderborn gründete, zusammen mit ihrem Mann Dietrich, Theologe und Pastor der evangelischen Kirchengemeinde Rietberg. Mit dem damals zehnköpfigen Jugendkreis der Gemeinde begannen sie eine schlichte Synagoge im Stil der damaligen Zeit zu bauen. „Wir hatten ja so gut wie kein Geld und mit dem wenigen, das wir hatten, haben wir angefangen“, erinnert sie sich und lacht. Neben Einzelbesuchern kamen bald ganze Schulklassen, und die Kirchengemeinde Rietberg kaufte das gepachtete Gelände von der Stadt. Durch Besuchereinnahmen und Spenden konnten neue Gebäude gebaut werden, und das Bibeldorf wächst bis heute. „Inzwischen sind wir ein richtiges Freilichtmuseum“, erklärt die Geschäftsführerin stolz.

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Im Außenmuseum gibt es neben dem Dorf mit den verschiedenen Werkstätten und der Synagoge auch eine römische Wachanlage. So kann man einerseits jüdische Traditionen und andererseits die römische Besatzung Israels im Neuen Testament hautnah erleben. Vor der Stadtmauer entdeckt man einige Ziegenhaarzelte, unter denen nomadisches Leben nachempfunden ist. „Dort thematisieren wir das Wüstenleben“, erklärt Fricke. Nachdem das Ehepaar Fricke vor zwölf Jahren einen archäologischen Lehrkurs in Israel und Jordanien hatte besuchen können, wurde der Außenbereich noch um ein großes archäologisches Ausgrabungsfeld ergänzt. Hier kann man Fundamente eines eisenzeitlichen Hauses und originale Fundstücke ausgraben und so etwas über archäologische Arbeitsweisen erfahren. Im Innenmuseum gibt es Ausstellungen zu biblischen Themen wie etwa zu Martin Luther oder zur Geschichte Israels und Palästinas. In diesem Jahr gibt es anlässlich des Jubiläums „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ außerdem eine Ausstellung zum Christentum und seinen jüdischen Wurzeln.

Gruppenführungen nur eingeschränkt

Über das ganze Jahr gibt es im Bibeldorf Veranstaltungen. So können Besucher am Karfreitag der Passionsgeschichte Jesu beiwohnen oder in der Adventszeit den orientalischen Basar besuchen und dabei die Weihnachtsgeschichte live erleben. An fünf Sonntagen im Sommer wird das Bibeldorf von Bewohnern belebt, die die Besucher dazu einladen, selbst aktiv zu werden. Das Besondere dieser Anlässe ist, dass die Besucher Teil der Geschichte sind, weil sie zum Volk dazugehören und so mittendrin sind. „Living History“ nennt Fricke das. Auf die Frage, wie die Covid-19-Pandemie das Bibeldorf getroffen habe, antwortet sie etwas wehmütig: „2020 wäre unser bestes Jahr geworden, wir hatten so viele Voranmeldungen wie noch nie.“ Das Bibeldorf habe nur dank einer erfolgreichen Spendenaktion und Fördergeldern überlebt. Seit März dürfe das Bibeldorf nun zwar wieder für Einzelbesucher öffnen, Sonderveranstaltungen und Gruppenführungen könnten im Moment nur eingeschränkt stattfinden. Trotzdem kann die Museumsleiterin auch Positives an der Situation sehen. Sie hätten während des Lockdowns etwa Zeit gehabt, Ausstellungen zu verbessern und neue zu planen.

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„Die Frage, ob sie in ihrem Leben glücklich sind“

Mit seiner besonderen Thematik und Museumspädagogik ist das Bibeldorf deutschlandweit einzigartig. Das liegt nicht zuletzt an den Menschen, die sich für dieses Projekt engagieren. Entstanden ist es fast ausschließlich aus ehrenamtlicher Arbeit. Bis heute sind neben Fricke nur drei weitere Personen fest angestellt, daneben sind rund 40 Ehrenamtliche wöchentlich im Einsatz. „Bei großen Veranstaltungen kommen dann noch bis zu 200 weitere dazu.“ Viele stammen aus der evangelischen Kirchengemeinde. „Mittlerweile ist es aber ein ökumenischer Ort, an dem viele Katholiken und auch einige Muslime mitwirken“, sagt Fricke. Dass dabei Jung und Alt zusammenarbeiten, ist für sie etwas ganz Besonderes.

Seit das Museumsgelände im Jahr 2014 mit einer großen, multifunktionalen Basilika ergänzt wurde, können immer mehr kirchliche und andere Veranstaltungen stattfinden. Auch die Besucherzahlen steigen jährlich; während 2003 noch 2000 Besucher ins Bibeldorf kamen, waren es 2019 schon 33 000. Ziel ist es, die Besucher zum Nachdenken anzuregen. In dieser Arbeit hat Fricke eine Lebensaufgabe gefunden. „Ich erlebe immer wieder, dass Besucher die Bibel plötzlich nicht mehr als ein altes, verstaubtes Buch erleben, sondern als ein Buch, das mit ihrem ganz persönlichen Leben zu tun hat und mit der Frage, ob sie in ihrem Leben glücklich sind.“

Quelle: F.A.Z.
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