Biskaya-Brücke

Im Baskenland bleibt manches in der Schwebe

Von Pedro Liedo Echeberria, Deutsche Schule Bilbao
Aktualisiert am 08.10.2020
 - 16:27
Die älteste Schwebefähre der Welt beeindruckt als Monument der Industriellen Revolution mit sensationeller Architektur und grandioser Aussicht.

Kurz vor der Mündung des Nervión in den Golf von Biskaya, wenige Kilometer flussabwärts hinter Bilbao, befindet sich eines der letzten Überbleibsel der europäischen Industriellen Revolution. Die Schönheit und Funktionstüchtigkeit der Puente de Vizcaya sind heute noch beeindruckend. Sie wurde vom spanischen Architekten Alberto de Palacio entworfen, der eine Vorliebe für Eisen als Baumaterial hatte und ein enger Freund von Gustave Eiffel war. 2018 wurde die älteste Schwebefähre der Welt 125 Jahre alt. Die Brücke, eine rotbraune, eiserne Konstruktion von 61 Meter Höhe und 160 Meter Länge, ist neben dem Guggenheim Museum die wichtigste Touristenattraktion im Großraum Bilbao. Der einzige Zweck, zu dem sie ursprünglich gebaut wurde, bestand darin, die Städte Portugalete und Guecho, die durch die Mündung des Flusses Nervión in den Golf von Biskaya getrennt sind, zu verbinden. Traditionell weisen die Städte große wirtschaftliche und soziale Unterschiede auf. „Guecho war die Heimat der baskischen Industriebourgeoisie, während in Portugalete die Fabriken und Industrievororte lagen, in denen die Arbeiterklasse lebte“, steht auf einem Informationsplakat am Eingang der Brücke. „Das neue Baskenland entstand mit der Hängebrücke“, sagte der Bürgermeister von Guecho während der Jubiläumsfeierlichkeiten. Ein Symbol, mit dem in der Provinz Biskaya eine Periode „außerordentlicher wirtschaftlicher Aktivität“ im Zusammenhang mit der Ausbeutung des Eisens begann.

Hunderttausende Touristen staunen

„Die Schwebefähre galt vom ersten Moment an als der Triumphbogen der damals in Spanien im Entstehen begriffenen industriellen Zivilisation“, erklärt Jorge Novoa, der Touristenführungen über die Puente leitet. Über die Bedeutung für die Industriegeschichte hinaus ist die Hängebrücke ein emblematisches Bauwerk. Der Ausblick von ihr, ihre metallene Formgebung, die an den Eiffelturm erinnert, und ihre Funktionalität veranlassten das Unesco-Weltkomitee, sie 2006 zum Weltkulturerbe zu erklären. Sie zieht jedes Jahr Hunderttausende Touristen an. Tatsächlich haben, wie ein Schild im Inneren des Viadukts besagt, seit seiner Erbauung mehr Menschen das Viadukt überquert als die gesamte Einwohnerzahl der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union. „Ein Tor zur Biskaya und ein Tor zur Welt“ lautet das Motto des Monuments. Heute betreibt das Unternehmen El Transbordador de Vizcaya die wegen seiner Form „la nave espacial“, das Raumschiff, genannte Schwebefähre. Es bietet Führungen an. Die Brücke kann man auch auf einem Steg überqueren.

Die Frachter mussten zu den neuen Werften

Die Schwebefähre hat eine Kapazität für den Transport von 150 Personen und zehn Autos und ermöglicht es, in zwei Minuten über den Fluss zu kommen. „Man entschied sich zur damaligen Zeit für eine Schwebefähre anstatt eines normalen Viadukts, damit die größeren Schiffe weiterhin unter der Brücke durchfahren konnten. Damals konzentrierte sich die gesamte Industrie von Biskaya am Hafen von Guecho, immer mehr Fabriken wurden an den Ufern des Nervión gebaut. Es war daher unbedingt erforderlich, dass die neue Brücke die Durchfahrt der großen Frachter in Richtung der neuen Werften ermöglichte“, erklärt Tourführer Jorge.

Im Eingang gibt es einen kleinen Laden, in dem die Tickets für den oberen Steg und Souvenirs verkauft werden. Viele Besucher haben aber online gebucht. Wie jeden Tag ist die Fähre voll. „In der Schwebefähre überqueren vor allem Leute, die in die Arbeit fahren oder nach Hause heimkehren, den Fluss, es sind also feste Kunden der Puente.“ Die Fährgondel ist durch ein komplexes Metallgestänge an der Brücke aufgehängt, so ist sie stabil und schwingt nicht. Sie hat Platz für sechs Autos und zwei Fußgängerkabinen an den Seiten. So viele warten auch gerade am Eingang in Guecho auf die Schwebefähre. Wenn diese ankommt, öffnet sich die Schranke, die Autos fahren nacheinander ein. Danach steigen die Autofahrer aus. „Die Feststellbremse ist obligatorisch, aber einmal vergaß jemand sie, und sein Auto, das recht teuer war, zerbrach die Schranke und fiel ins Wasser“, sagt ein Beschäftigter, der für den Verkehr verantwortlich ist.

„Diese Aussicht ist wirklich atemberaubend“

Mit einem Aufzug kommt man auf den oberen Steg, der von einem Schutznetz aus Metall bedeckt ist. Er ist für Touristen gedacht, ein kleines Museum mit Informationsplakaten, Bildern und beeindruckender Aussicht. Von der Spitze der Brücke kann man die Städte Guecho und Portugalete, die Berge La Arboleda und Avril sowie die Strände von Ereaga und Las Arenas und die alten Schiffswerften im Hafen von Bilbao sehen. Wie auf den Infotafeln erklärt wird, erkennt man die sozialen Unterschiede zwischen den beiden Städten. Am linken Ufer Portugalete mit mehrstöckigen Arbeiterwohnblöcken, rechts Guecho mit stattlichen Apartmentwohnhäusern. „Diese Aussicht ist wirklich atemberaubend, man fühlt sich wie auf dem Gipfel eines Berges“, sagt ein deutscher Tourist. Durch die Bretter des hölzernen Stegs sieht man das Wasser. Beim Ticketkauf werden Touristen vorgewarnt. „Nicht wenigen wird von Höhenangst schwindelig“, sagt Novoa. „Vor zwanzig Jahren wurde das Metallschutznetz installiert, nachdem ein Mann versucht hatte, Selbstmord zu begehen, und hin und wieder klettern einige Aktivisten auf die Brücke und hängen Transparente mit Aufschriften auf.“ Im vergangenen Jahr beförderte die Puente de Vizcaya 3 176 739 Personen, 181 238 Motorräder und Fahrräder sowie 298 176 Fahrzeuge und Lieferwagen.

Quelle: F.A.Z.
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