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Bulgarische Volkskunst

Bestechende Tradition

Von Anna-Maria Halacheva, Galabov-Gymnasium, Sofia
 - 13:52

Das Feuer knistert im Kamin. Kräutertee duftet auf dem uralten Teetisch, während die Kälte draußen in Saparewa Banja Eisblumen auf die Fenster zeichnet. Verstreut liegen auf dem Boden Perlen und Borten. In jeder Ecke sind Schürzen und Hemden mit Stickereien aufeinandergestapelt. Das 21. Jahrhundert ist in dem bulgarischen Trachtenatelier nicht angekommen. Mit einem Knarren schließt Elena Dineva die massive hölzerne Tür hinter sich. Einen Meter vierzig ist sie groß. Weiß sind die Haare. Falten durchfurchen ihr Gesicht. Die 63-Jährige lehnt ihren Stock an die Wand und fällt auf den Sessel. Eine Wolke dichten Staubs wirbelt auf. „Weh tut mir fast jede Bewegung, ich kann nicht den unteren Stock erreichen, ohne dass ich eine Pause mache“, seufzt sie und schüttelt müde den Kopf. Perlen einzufädeln fällt ihr schwer, ihre Hände zittern, ohne Brille sieht sie die Kügelchen nicht. Braucht sie einen anderen farblichen Stofffaden, muss sie die mächtige Holztreppe hinauf- und hinuntersteigen. Viel Kraft kostet es die Invalidin. Einen Elektroroller verwendet sie, um den nächsten Laden zu erreichen.

Sie singen tagelang Volkslieder

Die jungen Frauen „Warum tue ich das, wird sich jeder vernünftige Mensch fragen?“ Ihr Mann stellt ihr regelmäßig diese Frage. Die jüngeren Frauen in ihrem Dorf finden ihre Beschäftigungen sinnlos. Alte Trachten zu restaurieren wird selten bezahlt. Ihr Engagement geht aber bis in die Kindheit zurück. Elena blättert in einem alten Album. Darin sind vergilbte Fotos zu sehen, die ihr Leben bis zum zwanzigsten Lebensjahr beschreiben. Die Gestalt einer jungen Dame ist erkennbar. Ihre Haare sind zu einem Zopf geflochten, der Körper steckt in einer Tracht. Als Mädchen tanzt sie Volkstänze. Sie liebt die bulgarische Kultur. Ihre Familie pflegt Traditionen im Dorf. Die Nachbarn und die Mütter singen tagelang Volkslieder, erzählen ihren Kindern Sagen, wenn sie ins Bett gehen. Elena will das Nationale aufbewahren. „Wir, die Omas in den Dörfern, sind diejenigen, die den Nationalgeist aufbewahren müssen“, gibt sie zu bedenken. Die neuen Generationen kennen die Kultur nicht, die Jugendlichen haben sie nicht gesehen, nicht gefühlt. „Kennst du etwas nicht, kannst du es nicht lieben“, flüstert sie.

Zickzackketten, Figuren und winzige Blumen

Ganze Kostüme selbst zu nähen ist der Trachtmacherin nicht möglich. Stattdessen verziert sie die Kleidung im Geist der Vergangenheit. Mit einer winzigen Nadel bestickt sie Hemden und Schürzen. Wie bunte Zickzackketten, geometrische Figuren oder winzige Blumen sehen die Stickereien aus. Sie flicht Münzen in die Kleidungsstücke ein. Das bringt Reichtum – so ist der Volksglaube. Rot und grün prägen die Tracht: Gesundheit und Fruchtbarkeit bedeute es für die junge Frau. Andere Trachtmacherinnen lernen das in ihrem Studium. Folk-Choreographie und Ethnomusikologie sind typische Studiengänge. Elena war Krankenschwester. Trotzdem erzählt sie detailliert vom Ursprung der bulgarischen Kleidung.

Elemente der thrakischen Kultur

Sie ist stolz, die Nationalkleidung ihres Volkes aus dem sechsten, siebten Jahrhundert zu imitieren. Die Slawen haben ähnliche Kleider getragen. Andere Elemente stammen aus der thrakischen Kultur, die in der Antike im Land verbreitet war. 1200 Jahre lang entwickelte sich die bulgarische Tracht. Die Verzierungen entstehen mit der Zeit „Siehst du, es geht nicht einfach um etwas Uraltes, Archaisches und Langweiliges. Es geht um die Herkunft.“ Elena Dineva stellt sich vor, eine junge Slawin in der Antike zu sein, wenn sie die Kleidungsstücke bearbeitet. Sie nimmt sich als ein Teil der Kulturgeschichte wahr. Es ist spät. Zeit die Gastgeberin zu verlassen. Elena beginnt eine neue Stickerei. Die Traditionen sterben in diesem Haus nicht.

Quelle: F.A.Z.
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