Drogensucht

Mit 13 der erste Joint

Von Noa Ledermann, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon
Aktualisiert am 12.08.2020
 - 17:54
Eine junge Dealerin versorgt sich und ihr „Kaff“ im Zürcher Oberland. Skrupel hat sie keine und verkauft den Stoff an Arbeitslose, Ärzte und an ihren Großvater

Ich will unser Dorf mit mehr Liebe und Gemeinschaft erfüllen“, meint Lucy (Name geändert) aus einer kleinen Gemeinde im Zürcher Oberland. Die 18-Jährige mit den schulterlangen, blonden Haaren liegt im Sportdress und mit ausgelatschten Flipflops im Liegestuhl auf der Terrasse. Im Mund steckt eine qualmende Zigarette, auf ihrer Nase sitzt eine schwarz getönte Sonnenbrille. Die Informatik-Lehrtochter handelt seit drei Jahren mit Cannabis und Haschisch und verdient sich neben ihrer Informatiklehre ein goldenes Näschen. Ursprünglich wollte sie nie mit illegalen Rauschmitteln handeln, doch wie andere Dealer zog sie die Faszination des schnellen Geldes in das Drogenmilieu. „Mit 13 habe ich erstmals an einem Joint gezogen, mit Anfang 14 habe ich das erste Mal für mich Gras besorgt“, gesteht sie leicht beschämt. Für ihren ersten Cannabisrausch macht sie ihren zwei Jahre älteren Freund verantwortlich. Wie jeder andere Neueinsteiger hustete sie sich nach dem ersten Zug „die Seele aus dem Leib. Man wird nicht nach dem ersten Konsum süchtig wie bei Crack oder Crystal Meth.“ Heute konsumiert sie täglich Marihuana. Zu Beginn ihrer Kifferkarriere rauchte sie nur jedes Wochenende oder zu speziellen Anlässen einen bis zwei Joints. „Auf einmal habe ich jeden Tag gepafft. Mein Verlangen nach dem nächsten High wurde immer größer.“ Für sie ist es Routine, sich nach der Arbeit erst mal einen „fetten Ofen“ zu bauen.

Schon am frühen Morgen wird bestellt

Eines Tages, als ihre Grasreserven erschöpft waren, besorgte Lucy für sich und zwei Freundinnen Nachschub. Als sie damit ankam, hatte sich eine von ihnen bereits mit neuem Stoff eingedeckt. Im ersten Moment war sie wütend, da sie einen „Fuffy“, Cannabis im Wert von 50 Schweizer Franken, zu viel beschafft hatte. „Doch einen Augenblick später dachte ich an all die süchtigen Leute in meinem Kaff, die mich jeden Tag aufs Neue nach einem Joint fragten“, erzählt sie mit einem breiten Grinsen. „Noch am selben Abend verkaufte ich den Überschuss an einen dieser Cracks.“ Sie erkannte, wie leicht es war, mit Drogenhandel Geld zu scheffeln. Von diesem Tag an holte Lucy sich jedes Mal mehr, als es ihr Eigengebrauch verlangte. Die Mengen, die sie verkaufte, und der Kundenkreis wurden immer größer. „Ich will meine Kunden nicht abzocken, ich will ihnen nur rote Augen und breites Lächeln ins Gesicht zaubern.“ Schon am frühen Morgen schneien ihr die Bestellungsnachrichten in ihr Handy. Nicht zum ersten Mal während unseres Gesprächs piepst ihr Handy. Es sind Nachrichten von Kunden, die Stoff brauchen. Für sie bedeutet das: die Ware in Plastiksäckchen abpacken, sich mit dem Kunden treffen, Geld einsacken und wieder reingehen.

Typische Kunden gebe es nicht, sagt sie. Sie verkauft an Väter, Ärzte, 14-Jährige, Arbeitslose und an ihren eigenen Großvater, der das Cannabis als Ersatzschlafmittel verwendet. Von existentieller Wichtigkeit sei das Vertrauen zu ihren Kunden, damit sie keiner verpfeift. „Meine größte Befürchtung ist, nach der Arbeit die Polizei vor der Haustür vorzufinden.“ Sie zieht kräftig an ihrer Zigarette. Sie frage sich jeden Tag, wieso sich die Polizei nicht mit wichtigeren Aufgaben beschäftige, als einem Kraut hinterherzujagen, das die Leute friedlich und glücklich stimme. Ihrer Meinung nach zählt Cannabis nicht zu den Drogen. Es sei ein Geschenk von oben, von Gott, der hoffe, dass irgendjemand die Macht der Pflanze sieht. Die Macht, Probleme, Krieg und Streit ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen. „Vielleicht bin ich diese eine“, verkündet sie lachend.

Quelle: F.A.Z.
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