Eine Familie in der DDR

Angst, Willkür und Schikane

Von Lisa Abel, Megina-Gymnasium, Mayen
Aktualisiert am 09.10.2020
 - 14:49
Eine Familie zu DDR-Zeiten in Stralsund: Nur der kranke Vater durfte ausreisen. Seine zwölf Jahre alte Tochter musste ein Doppelleben führen.

Dieses System hat eine Wunde hinterlassen, die schwer zu heilen ist und immer wieder aufreißt.“ Ulrike Berg wurde 1969 in Stralsund geboren und lebte dort mit ihrer Familie bis 1984. Ihr Vater litt an einer schweren Nierenerkrankung und hatte daher den Status eines Invalidenrentners. Aufgrund der Kosten, die der Staat für ihren Vater hätte übernehmen müssen, durfte der 42-Jährige ohne bürokratische Hürden 1981 in den Westen fahren, wo er sich in Lübeck behandeln ließ. Die Mutter musste mit Ulrike Berg, die zu dieser Zeit zwölf Jahre alt war, und ihrer zwei Jahre älteren Tochter im Osten bleiben. Es dauerte zweieinhalb Jahre, bis der Ausreiseantrag genehmigt war und die Familie wieder beieinander sein konnte.

Neben dem Wunsch, mit ihrem Vater zusammenzukommen, gab es die kleinen Wünsche. „Bei einer Erkältung hatten meine Schwester und ich immer einen großen Appetit auf frisches Obst. Dann waren wir überglücklich, wenn unsere Mutter uns eine Dose Pfirsiche geöffnet hat, die uns unser Vater zugeschickt hat.“ Der sonstige Alltag war geprägt von Schikane. Kontakt zum Vater konnte nur über Briefe oder Telefonate erfolgen. Die Telefongespräche wurden jedoch abgehört, was man an einem Knacken im Hörer bemerkte. Außerdem waren in der Straße, in der die Familie lebte, nur zwei Telefone vorhanden. Immer musste ein Amt angewählt werden, wenn man über die Grenze telefonieren wollte. „Dies konnte Stunden dauern, wenn sie einen überhaupt durchgestellt haben“, regt sich Ulrike Berg noch heute über die einstigen Zumutungen auf. Daher blieben die Briefe als wichtigstes Kontaktmittel, die ebenso kontrolliert wurden.

„Wir nehmen Ihnen Ihre Kinder weg“

Die Familie lebte von den Paketen, die ihr Vater aus dem Westen schickte. Doch diese Pakete, in denen Kakaopulver, Waschmittel oder andere Produkte enthalten waren, wurden absichtlich am Zoll der DDR ruiniert. Ihre Mutter wurde zudem wöchentlich verhört – ob von der Polizei oder von der Stasi, weiß Ulrike Berg nicht, da ihre Mutter über diese demütigenden und verletzenden Verhöre nie richtig erzählen wollte. Bis heute leidet sie emotional unter den permanenten Drohungen, denen sie ausgesetzt war, und die da etwa lauteten: „Sie werden Ihren Mann nie wieder sehen“, oder: „Wir nehmen Ihnen Ihre Kinder weg.“ Dadurch lebte Ulrike Berg in der ständigen Furcht, dass jederzeit etwas Schlimmes geschehen könnte. „Durch die Schikane war ich total verunsichert.“ Auch Freunde wendeten sich von dem damals 12-jährigen Mädchen ab, da sie Angst hatten, in die Fänge des Staats zu geraten. „In der Schule war immer dieses sozialistische Geschwafel“, sagt sie. Die Fächer waren die gleichen wie im Westen, jedoch waren diese ideologisch gefärbt. Als Fremdsprache lernten die Schüler in der DDR Russisch. „Das haben ich und meine Mitschüler sehr gehasst, da wir zu dieser Zeit nicht reisen durften und die gelernte Sprache dadurch nicht anwenden konnten.“ Doch auch andere Fächer wie Staatsbürgerkunde, wo die Schüler im Sinne der DDR-Führung zu richtig guten sozialistischen Staatsbürgern erzogen werden sollten, oder Wirtschaftskunde konnte Ulrike Berg nicht gutheißen, wusste sie doch genau, dass die Welt so nicht aussah, wie ihnen vermittelt wurde, einmal durch das West-Fernsehen und zum Zweiten dadurch, dass sie viel und gerne gelesen hat.

Auf der Urkunde wurden sie als „staatenlos“ bezeichnet

Als Ulrike Berg später in den Westen kam, besuchte sie die 8. Klasse und studierte nach dem Abitur Deutsch und Geschichte in Göttingen. Die 1,80 Meter große Frau mit den gelockten Haaren führte in der DDR „ein Doppelleben“, wie sie es für sich selbst formuliert, was bedeutet, dass man eine offizielle Sicht haben musste neben derjenigen, die man bei seinen Freunden und seiner Familie hatte. Das Gefühl der Willkür verabscheute Ulrike Berg am meisten sowie das mulmige Gefühl, dass sie nie genau wusste, wie der Staat auf gewisse Dinge oder Situationen reagieren würde. Dabei fällt ihr sofort der Tag im Jahr 1984 ein, an dem sie und ihre Familie in den Westen reisen durften. Kurz vor ihrer Abreise hatten sie und ihre Familie eine Urkunde erhalten, auf der sie als „staatenlos“ bezeichnet wurden. Außerdem musste man bei der Polizei seinen Ausweis vorzeigen, den Ulrike Berg damals jedoch bei einer Freundin vergessen hatte. „In diesem Moment hatte ich sehr große Angst vor der Willkür.“ Denn die Ausreise hätte sich um Jahre verschieben können und die Familie den Antrag vielleicht erneut stellen müssen. „Die Frau bei der Polizei hatte jedoch wohl einen guten Tag, und wir durften am nächsten Tag noch mal kommen.“ Am nächsten Tag konnte die Familie endlich in den Westen reisen, der größte Wunsch der 15-Jährigen, ihren Vater nach zweieinhalb Jahren wiederzusehen, erfüllte sich 1984 endlich.

„Alles war so klein, schmutzig, baufällig, trist und grau“

Auf der Fahrt in den Westen haben Ulrike und ihre Schwester trotzdem geweint, da sie wussten, dass sie nicht mehr in den Osten dürfen, um ihre Freunde zu besuchen. Mehrmals versuchten sie später, mit dem Schiff zurück in den Osten zu fahren. Aber sie wurden nicht vom Schiff gelassen, obwohl sie ihre Freunde schon aus der Ferne sahen. „Dies war echt furchtbar, und ich hatte schreckliches Heimweh.“ Als Ulrike Berg am Tag der Ausreise am Bahnhof von Lübeck stand, staunte sie: „Bunter kann es in New York auch nicht sein. Mehr Reklame kann es dort auch nicht geben.“ Ihre Schwester lieh sich sofort Geld, kaufte Taschentücher und grüne Bananen, da sie dachte, dass es diese Produkte selten gibt, und sie nicht damit rechnete, dass es am nächsten Tag schon wieder frisches Obst geben würde.

1989 war Ulrike Berg das erste Mal wieder in ihrer Heimatstadt und entsetzt. „Alles war so klein, schmutzig, baufällig, trist und grau.“ Stralsund sah zwar vorher auch schon so aus, doch dadurch, dass sie fünf Jahre im Westen lebte, war sie „so verwestlicht, so dass dieser Unterschied sehr stark aufgefallen ist“. Auf der einen Seite ist die Stadt ihre Heimat und wird es auch immer bleiben. Es gibt aber auch die andere Seite: „Das System hat eine Wunde hinterlassen, die schwer zu heilen ist und manchmal immer wieder aufreißt.“

Quelle: F.A.Z.
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