Engadiner Bergsteiger

Großartig und gefährlich

Von Enea Steinbrecher, Kantonsschule Uetikon am See
17.09.2021
, 12:36
Abseilen mit Hund von der Felswand und Sorge über den Klimawandel. Ein Bergsteiger mit Weitblick übers Engadin.
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Ich bin überaus glücklich, meinen Arbeitsplatz in der freien Natur zu haben und gemeinsam mit meinen Gästen die Bergwelt erkunden zu können.“ Markus Locher aus Bever im Kanton Graubünden arbeitet seit zehn Jahren als Bergsteiger. Der ausgebildete Forstwirt ist etwa 180 Zentimeter groß, hat braune, kurze Haare, tiefblaue Augen. Selbst in seiner Freizeit mache er nichts lieber, als mit seiner Frau und Hund am warmen Felsen zu klettern. Der Hund begleitet ihn vor allem auf Wanderungen und in Klettergärten. Im Winter, unterwegs mit Tourenskiern, hat er den Hund sogar schon über den Gletscher zur Engadiner Bovalhütte mitgenommen. Dabei ist der Hund mit einem Seil gesichert worden, denn auch ein Hund könnte in einen Gletscherspalt stürzen. „Ich habe mich zusammen mit dem Hund sogar auch schon eine 20 Meter hohe Felswand abgeseilt. Das Ganze funktioniert natürlich nur, wenn man sich gegenseitig voll vertraut.“

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Der Piz Bernina und der Piz Morteratsch

Locher steht in der Alpinen Rettung auch für Rettungseinsätze zur Verfügung und hat schon viele Rettungseinsätze mit dem Helikopter geübt. Er hat beinahe die ganze Schweiz erklommen, wobei seine Lieblingsberge der Eiger im Berner Oberland und die beiden Gipfel bei Pontresina sind, der Piz Bernina und der Piz Morteratsch. Das Motto bei seiner Arbeit lautet dabei stets: „Die Berge sicher erleben“. Bergsteigen sei nicht nur großartig, sondern könne auch gefährlich sein. Er selbst ist zum Glück noch nie in eine gefährliche Situation geraten. „Jeder kleine Ausrutscher hätte aber gefährlich enden können“, betont er. Man müsse immer vorausschauen, um mögliche Gefahren zu erkennen und richtig handeln zu können. Gefahren können jederzeit drohen. Jede Situation sei anders, und selbst ein kleiner Fehler könne fatale Folgen haben. „Als Bergführer muss man also immer in Alarmbereitschaft sein und jedes Zeichen der Umwelt und des Gastes wahrnehmen. Einen Ausrutscher eines Gastes auf einem Grat muss man als Zeichen deuten. Für mich bedeutet das: Pass auf, mein Gast ist entweder erschöpft oder überfordert. Entweder kehrt man dann um, oder aber man legt öfters eine Pause ein“, erklärt Locher.

Steinschlaggefahr durch die enorme Wärme

„Es gibt Unfälle, welche man hätte vermeiden können, aber auch solche, bei denen man machtlos ist. Im Falle eines Steinschlags ist man zur falschen Zeit am falschen Ort“, sagt er und kommt auf das Thema des Klimawandels zu sprechen. „Früher wurde die Eiger-Nordwand immer im Sommer bestiegen, da die Verhältnisse immer sehr sicher waren. Heute jedoch besteigt man die Nordwand im Sommer nur noch selten. Durch die enorme Wärme, die wir neuerdings im Sommer haben, ist die Wand extrem steinschlaggefährdet. Will man die Nordwand besteigen, muss man also in den Wintermonaten losziehen.“ Allerdings bringe es natürlich nicht mehr Sicherheit, wenn man bei viel Neuschnee die Wand besteige. Es bestehe dann zwar keine Steinschlaggefahr mehr, wenn die Temperaturen tief seien, dafür aber große Lawinengefahr. „Der Klimawandel ist in vollem Gange. Die Menschen nehmen das ganze Thema noch viel zu wenig ernst, denn uns geht es noch viel zu gut hier in Europa“, fährt Markus Locher besorgt fort. Als er die Gletscherabfahrt am Morteratsch-Gletscher in einem Seitental des Engadin bei Pontresina 2001 das erste Mal gemacht habe, sah die Umgebung noch völlig anders aus. Dieser Gletscher ist eine große Touristenattraktion. Ein schöner Weg führt am Gletscherfluss entlang, bis man die Gletscherzunge erreicht. Hier macht sich der Klimawandel deutlich bemerkbar. Alle zehn Jahre wird ein Pfosten mit Datum hingestellt, der zeigt, wie weit die Zunge reicht. „Ging man vor 20 Jahren wandern, musste man eine viel kürzere Strecke zurücklegen, bis man den Gletscher erreichte. Ich finde das besorgniserregend! Hunderte von Menschen reisen jährlich dorthin und bestaunen den Rückgang des Gletschers, jedoch kehrt niemand nach Hause und will etwas gegen den Klimawandel unternehmen“, meint der 35-Jährige.

Atemberaubende Rundumsicht

Die unterschiedliche Kundschaft mache seinen Beruf spannend. Es bereitet ihm Freude, mit Menschen gemeinsam in die Berge aufzubrechen. Seine Touren sind stets andere, wobei er zwei bis manchmal zwölf Stunden unterwegs ist. „Etwas ist aber immer dabei: mein Glücksbringer, das ist ein besonderer Stein, und ein Funkgerät. So muss ich mir auch in den schlimmsten Situationen keine Sorgen machen.“ Sein Lieblingsberg ist der Piz Morteratsch, von dem man eine atemberaubende Rundumsicht auf das ganze Engadin genießen kann. „Im Gegensatz zum viel besuchten Morteratsch-Gletscher ist man dort meistens alleine. Man trifft höchstens noch ein paar wenige andere Bergführer an, wobei wir immer per Du sind.“ Am liebsten geht er im Sommer klettern. Obwohl er nicht gerne früh aufsteht, gibt es für ihn nichts Schöneres, als im Dunkeln aufzubrechen und den neuen Sommertag zu begrüßen.

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Quelle: F.A.Z.
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