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Fahrtensegeln

Ostseeprinzessin auf einsamer Fahrt

Von Antonia Selina Breer, Katholische Schule Liebfrauen, Berlin
 - 10:25

Mein Ziel war es zu überleben“, erinnert sich Merle Ibach an den gewaltigen Sturm auf hoher See. Solche Worte von einer 27-Jährigen zu hören ist außergewöhnlich. Merle hat sich nach ihrem Abitur einen Traum erfüllt: Mit 19 Jahren hat die gebürtige Berlinerin mit ihrem Segelboot „Lille My“ die Ostsee umrundet. Dabei wurde sie von zehn sich abwechselnden Freunden, hauptsächlich Nichtseglern, begleitet, war auf manchen Etappen aber auch ganz allein unterwegs. „Es ging mir darum, auszuprobieren und zu sehen, wie weit ich komme“, erklärt die Fahrtenseglerin. Auf ihrem fünfmonatigen Törn hat sie 2952 Seemeilen zurückgelegt und acht Länder besucht. „Vor der Küste Polens kam ich in einen Sturm. Es ertönte ein Donnern, so laut und durchdringend, als würde eine Bombe neben mir ins Wasser einschlagen.“ Die Angst vor einem Blitzeinschlag ins Boot, der es kentern lassen würde, kennt wohl jeder erfahrene Segler.

Inmitten purer Naturgewalten

Unter Fahrtensegeln versteht man Segeltörns, die sich über einen längeren Zeitraum erstrecken. Anders als beim Regattasegeln geht es dabei nicht um den Wettkampf mit anderen Booten. Die Herausforderungen des Fahrtensegelns beschreibt Erich Danker, Segler seit mehr als 60 Jahren, als „das Erleben der puren Naturgewalten auf Hochsee, wie 15 Meter hohe Wellenberge oder Sturm mit 10 bis 12 Beaufort“. Der 77-Jährige ist im Segler-Verein Stössensee e.V. , Vorsitzender der Schiffergilde zu Berlin und hat bereits 35 000 Seemeilen auf der Nord- und Ostsee sowie dem Süd- und Nordatlantik zurückgelegt. Der an die Havel und an den Grunewald angrenzende Segelverein ist ein idyllischer Ort. Man hat nicht mehr das Gefühl, sich in der hektischen Großstadt Berlin zu befinden. Besonders in den frühen Morgenstunden nimmt man außer dem Dümpeln der Boote und vereinzeltem Vogelgesang nur Stille wahr. Das Wasser weist noch eine völlig glatte Oberfläche auf. Im Hafen reihen sich etwa 100 Boote aneinander. Es ist alles dabei: von großen, majestätischen Segelyachten bis hin zu einem Paddelboot. Auf dem gepflegten Gelände herrscht im Laufe des Tages betriebsame Geschäftigkeit. Im Herbst gegen Ende der Saison holen die Segler die Boote zur Überwinterung an Land. Kameradschaftlich gehen sie mit hoher Konzentration und Verantwortlichkeit vor, damit keines der zum Teil drei Tonnen schweren Boote zu Schaden kommt.

Im dichten Nebel auf Containerschiffe stoßen

Auch Merle ist seit ihrer Kindheit Mitglied. Am Anfang hat sie an internationalen Meisterschaften teilgenommen. Heute blickt sie stolz auf ihre abenteuerliche Ostsee-Umrundung zurück. „Ich wollte neue Grenzen kennenlernen.“ Am Anfang ihrer Reise war sie mit einem Schulfreund unterwegs. Auf dem Weg nach Kopenhagen gerieten sie plötzlich in dichten Nebel. „Alles, was man sagte, hörte sich auf einmal dumpf an. Man konnte gerade noch die Spitze des Bootes erkennen. Ohne Anhaltspunkt zum Steuern nahmen wir die Segel herunter, um genau dort zu bleiben, wo wir waren.“ Der Gefahr, bei Nebel aufzulaufen, sich in Reusen zu verfangen oder auf Containerschiffe zu stoßen, wollten sie entgehen. Mit Hilfe eines GPS-Gerätes und mit Motorkraft haben sie es dann zu einem kleinen Hafen geschafft. Auch für Danker bedeutet das Segeln Faszination: „Der Wunsch zu segeln beginnt als ganz kleine Wolke am Horizont, er endet damit, dass der ganze Himmel von ihr bedeckt ist“, schwärmt er. Sein aufregendster Törn war die Atlantik-Überquerung von Buenos Aires nach Kapstadt. „Das war Abenteuer pur.“

„Wie freundlich die Welt ist“

Das Segeln erzeugt eine unverwechselbare Stimmung. Es ist ein sonniger Tag. Sobald der Wind die weißen Segel vor dem klaren, blauen Himmel formt, setzt sich das Boot mit einem leichten Gurgeln der Wellen in Bewegung. Umgeben von einer scheinbar endlosen Weite, spürt man einzig und allein eine leichte, kühlende Brise. Mit dem Fahrtensegeln verbinden beide Vereinsmitglieder viele positive Erlebnisse. Danker schätzt den touristischen Reiz. Auf seinen Reisen hat er viele interessante Länder gesehen. Sogar aktive Vulkane konnte er erkunden. Merle hat viele neue Freundschaften geschlossen: „Das Reisen hat mir gezeigt, wie freundlich die Welt ist.“ Der Fahrtensegler ist überzeugt: „Das gemeinsame Erlebnis festigt Kameradschaft und Freundschaft. Sie sind zugleich eine wichtige Voraussetzung für das Zusammenleben der Crew während der Reise.“ Dabei spielten sportliche Ambitionen eine Rolle. Merle berichtet von herrlichsten Sonnenaufgängen und unmittelbaren Naturgewalten. „Ich habe genug Erfahrungen gemacht, um damit eine Runde alter Seemänner in der Hafenbar einen ganzen Abend unterhalten zu können“, sagt sie stolz.

Tide, Untiefen und Seesignale beachten

Über einen Zeitraum von mehreren Wochen Tag und Nacht nur mit der Kraft des Windes voranzukommen kann anstrengend werden. „Fahrtensegeln ist eine Herausforderung des seemännischen Könnens, also der guten Seemannschaft, der umsichtigen und richtigen Navigation und der körperlichen, aber auch geistigen Fitness“, sagt Danker. Merle ergänzt: „Natürlich gibt es Risiken. Das Ausmaß des Risikos ist allerdings von der eigenen Verantwortung, Voraussicht und Aufmerksamkeit abhängig.“ Um sicher am nächsten Hafen anzukommen, müssen Segler die Tide berücksichtigen, also den Strom der Ebbe und Flut einkalkulieren. Außerdem müssen unter anderem Untiefen, Verkehrstrennungsgebiete und Seesignale beachtet werden.

Motor anwerfen und weg

Trotz aller Vorsicht können Fehler passieren. Die erste Fehlnavigation hat Merle einen gehörigen Schreck eingejagt. „Auf der Fahrt von Deutschland nach Dänemark war mir nicht sehr wohl. Ich hatte das Gefühl, dass eher das Boot mich als ich das Boot beherrschte. Dann nahm der Wind noch zu, und von rechts und links hielten Containerschiffe auf mich zu – ein schrecklich unangenehmes Gefühl.“ Sie musste schnell die Segel herunternehmen und den Motor anwerfen, um auszuweichen, denn eine Regel auf dem Wasser lautet: Berufsschifffahrt vor Privatschifffahrt. Über ihre Auszeit hat die Studentin das Buch „Ostseeprinzessin – mein ganz unmöglicher Törn“ geschrieben. Längst studiert sie in der Schweiz, sagt aber: „In meinen Träumen segle ich immer noch sehr viel.“

Quelle: F.A.Z.
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