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Felsklettern

20 Meter über dem Boden in der Wand

Von Julia Schäfer, Romain-Rolland-Gymnasium, Dresden
 - 14:35

Suchend tasten ihre Finger den rauhen Felsen nach einem kleinen Griff, einem Fingerloch oder wenigstens einer scharfen Zacke ab. Das Blut rauscht in ihren Ohren, Adrenalin schießt durch den Körper, und die Muskeln sind angespannt. Endlich findet sie eine Mulde, in der zwei Finger etwas Halt finden. Erleichtert atmet Vallerie Hähnel aus. Sie hängt 20 Meter über dem Erdboden an der Felswand und tut das, was sie am liebsten macht: klettern.

Nach einer langen Arbeitswoche im hektischen Großstadtdschungel ging es wieder raus an die felsigen Türme des Elbsandsteingebirges, um einfach „ganz weit weg vom Alltagsstress in der Natur ausschalten zu können“. Vallerie ist Jugendkoordinatorin beim Sächsischen Bergsteigerbund, SBB, der größten Sektion des Deutschen Alpenvereins. Die aufgeweckte 19-Jährige absolviert ihr Freiwilliges Soziales Jahr in Dresden und hat dort viele Möglichkeiten, ihre Faszination für das Klettern gemeinsam mit anderen auszuleben. Denn egal ob mit ihren Freunden, der Familie oder in den von ihr organisierten Klettergruppen – die Freude am Klettern ist die gleiche. Lachend und schwatzend wird das Material sortiert, werden die Rucksäcke gepackt. Der Boden gleicht einem riesigen Ameisenhaufen aus bunten Schlingen, Seilen, Knoten und Karabinern.

1120 bizarre Türme

Schwer beladen und mit flottem Schritt geht es in aller Frühe durch letzte Nebelfelder und tiefe Schluchten, über sandige Trampelpfade und romantische Bäche, die sich über Millionen von Jahren langsam in den weichen Sandstein gegraben haben. Der Wald ist vom feuchtwarmen Geruch nach Pilzen, Moos und Tannen erfüllt. Das Ziel liegt mal versteckt zwischen Birken und Kiefern, mal majestätisch über dem Tal thronend: einer der 1120 bizarren Türme, Zacken, Steine, Köpfe und Wächter der Sächsischen Schweiz.

In diesem Mittelgebirge an dem Übergang der Elbe nach Tschechien hat sich fernab vom sogenannten Mainstream eine ganz eigene Kletterkultur entwickelt, die ihre eigenen Regeln, Ideale und Traditionen geschaffen hat und diesen Sport auf ihre Art und Weise definiert. Die Sächsische Schweiz gilt als die „Wiege des Freikletterns“, also des Kletterns ohne technische Hilfsmittel. Ist man 1864 noch mit Leitern, Klemmblöcken und dem eisernen Willen, sein Ziel zu erreichen, losgezogen, kamen die Pioniere von damals schnell zu dem Schluss, dass das bloße Erreichen des Gipfels nicht mehr das Maß aller Dinge sein konnte – das „Wie“ sollte entscheidend sein. So wurde die Grundlage für das heutige freie Felsklettern geschaffen. Bereits 1913 veröffentlichte der sächsische Jurist und Bergsteiger Rudolf Fehrmann erstmals verbindliche Kletterregeln, die bis heute weitgehend unverändert gelten.

Routinefehler und fataler Absturz

Aus Achtsamkeit der Natur gegenüber darf nur an freistehenden Gipfeln geklettert werden, deren ursprüngliches Aussehen so weit wie möglich erhalten werden soll. So ist auch die viele Ausrüstung zu erklären, mit der sich Lennart Fiedler, ein Freund Valleries und ehrenamtlich beim SBB tätig, ausgestattet hat, um die Route zu bestreiten. Denn anders als im Rest der Welt muss man sich in Sachsen größtenteils selber absichern. Fest eingebohrte Ringe gibt es nur wenige. Ist das nicht gefährlich? „Ein gewisses Risiko besteht natürlich immer. Dessen ist man sich aber bewusst, wenn man in die Berge geht. Damit kann ich leben“, erklärt Vallerie nachdenklich. „Du musst dich eben gut vorbereiten, dann kann man die Risiken minimieren. Wenn einem keine Fehler unterlaufen, ist Klettern ein relativ ungefährlicher Sport“, hält der engagierte Abiturient Lennart dagegen. Aber auch langjährigen Kletterern unterlaufen Routinefehler, die zu einem fatalen Absturz führen können. Deswegen besteht Lennart auf Partnercheck, Selbstkontrolle und Überprüfung des Materials. So kontrollieren sie gegenseitig die Knoten, in denen sie sich eingebunden haben.

Zusammen kochen, slacklinen, etwas erleben

Schließlich gibt Vallerie das Signal: „Du kannst anfangen.“ Lennart kann sich nun darauf verlassen, dass alles seine Richtigkeit hat und sie ihn zuverlässig sichert: „Es hat was mit Vertrauen zu tun. Der Partner sichert dich die ganze Zeit, hält also dein Leben in seinen Händen. Dadurch entsteht ein ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl.“ Man hilft sich, wenn Material vergessen wurde, tauscht Erfahrungen aus, will gemeinsam etwas schaffen. Konkurrenzkampf ist da fehl am Platz. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl zeigt sich bereits in den Kinderkletterlagern, die sich wachsender Beliebtheit erfreuen. „Beim Klettern geht es vor allem auch um das Miteinander, zusammen kochen, slacklinen, Spiele spielen, draußen sein, etwas erleben“, schwärmt Vallerie. „Die Kinder haben Spaß an der Bewegung, am Toben in der Natur. Doch sie lernen auch, sich auf eine Sache zu konzentrieren und nicht sofort aufzugeben, wenn eine schwierige Passage kommt.“

Fix und fertig und bedingungslos glücklich

Lennart ist schon vom Waldboden abgehoben und konzentriert sich auf die vor ihm liegende Wandpassage. Eine schwierige Stelle, und bis zu dem einzigen Ring, der ihn absichern würde, ist es noch ein Stück. Er sammelt seine Gedanken und konzentriert sich nur auf den nächsten Griff, die Ausführung des nächsten Trittes. Alles andere tritt in den Hintergrund. Lennart spürt die Anstrengung seines Körpers. Lange wird er sich so nicht mehr halten können. Jetzt heißt es, Ruhe zu bewahren. Denn geklettert wird vor allem auch mit dem Kopf. Es geht darum, seine Angst zu überwinden und über sich hinauszuwachsen. Er schafft es. Genauso wie seine Nachsteigerin Vallerie. Fix und fertig und doch bedingungslos glücklich oben auf dem Gipfel zu stehen, zusammen die Aussicht zu genießen und gemeinsam mit dem Bergsteigergruß „Berg Heil“ diese Freiheit zu erleben, das ist Klettern.

Quelle: F.A.Z.
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