Förster übers Waldsterben

Gerippe statt Baumkrone

Von Niklas Heepe, Humboldt-Gymnasium, Bad Pyrmont
Aktualisiert am 08.10.2020
 - 13:58
Eine Försterin und ein Förster aus dem Weserbergland über den Kampf gegen den Klimawandel, über Hitze, Schädlinge und sterbende Wälder.

Seit Sturm Friederike 2018 sind mindestens 250 000 Hektar des deutschen Waldes abgestorben. Diese Größe kann man sich knapp als die Fläche des Bundeslandes Saarland vorstellen. Das Ende des Waldsterbens ist, trotz unserer forstwirtschaftlichen Maßnahmen gegen den Klimawandel, noch lange nicht in Sicht“, sagt Frank Heepe, Förster in dritter Generation. Der 57-Jährige betreut eine besondere Form des Privatwaldes in Niedersachsen, nämlich rund 1500 Hektar Genossenschaftswald. „In meinen über 30 Jahren Erfahrung habe ich meine Arbeit nie als Job, sondern immer als Berufung gegenüber der Natur angesehen. Einen Baum über zehn, 20 oder auch schon 30 Jahre begleiten zu dürfen ist für mich etwas sehr Besonderes und erfüllt mich mit Stolz. Doch wenn ich heute in die Baumkronen der Bäume blicke, die ich damals noch als Waldarbeiter selbst gepflanzt habe, sehe ich häufig vertrocknete Blätter und Nadeln oder teilweise nur noch leblose Gerippe von toten Bäumen, die unter dem Klimawandel zugrunde gehen.“ In seinem Wald im niedersächsischen Weserbergland gehören die Fichten und seit den trockenen Sommern 2018, 2019 die Buchen zu den besonders betroffenen Baumarten.

Kein Harz gegen den Borkenkäfer

„Je nach örtlicher Lage übernehmen die heimischen Wälder elementare Funktionen, auf die niemand von uns verzichten kann. So sichern sie unsere Trinkwasserversorgung, indem sie den Wasserhaushalt des Bodens regulieren. Zugleich reinigen sie unsere Atemluft durch das Binden von Kohlenstoffdioxid“, erklärt Evelyn Puls. Die 53-Jährige betreut hoheitlich rund 34 000 Hektar Wald im nördlichen Südniedersachsen und im südlichen Nienburger Bereich. „Die Wälder prägen unser Landschaftsbild und übernehmen eine wichtige Rolle im Bereich des Biotop- und Artenschutzes.“ Über diese Funktionen hinaus wird Wäldern eine Bedeutung zugeschrieben, die heute für viele wichtiger denn je ist: Erholung. „Die Auswirkungen des Klimawandels machen sich vor allem in den immer längeren Trockenphasen im Frühjahr und Sommer bemerkbar, in denen Wasser nur noch in tiefer gelegenen Bodenschichten gespeichert ist. Viele Bäume erreichen diese Schichten jedoch nicht mit ihren Wurzeln. Dadurch kann der Baum oftmals nicht ausreichend Harz produzieren, um sich gegen Schädlinge wehren zu können“, betont Frank Heepe, während er mit seinem Wanderschuh trockene Erde aufwirbelt.
In Deutschland ist der Borkenkäfer weit verbreitet und gilt als gefährlichster Schädling für den Wald, da er praktisch sämtliche Nadelbäume befällt und eine hohe Reproduktionsrate hat. „Der Borkenkäfer bohrt sich durch die Rinde des Baumes und zerstört die direkt darunter verlaufenden Saftbahnen des Baumes, um sich zu vermehren. Dadurch kann der Baum kein Wasser mehr aus dem Boden in die Baumkrone und in die Nadeln ziehen und stirbt früher oder später ab.“ In normalen Jahren könne der Nadelbaum durch die Produktion von Harz Schädlinge abwehren, wofür allerdings Wasser erforderlich sei. Besonders gefährdet für Schädlingsbefall sind Monokulturen, da der Schädling dort schnell eine große Menge derselben Baumart befällt. „Durch die anhaltende Trockenheit wird das ökologische Gleichgewicht gestört, wodurch der Grundwasserspiegel sinkt und die Trinkwasserversorgung in Gefahr ist“, betont Evelyn Puls. Aufgrund des flächigen Absterbens in weiten Teilen Deutschlands entstehen nicht nur ein ökologischer Schaden, sondern auch enorme wirtschaftliche Einbußen.

Douglasie, Roteiche und Elsbeere trotzen der Hitze

„Vor einigen Jahren hatten wir bei der Fichten-Durchforstung noch einen Reingewinn von 20 bis 40 Euro pro Kubikmeter, während wir mittlerweile durch das Überangebot an Schadholz an einen Punkt angelangt sind, an dem die Waldbesitzer kaum noch einen Gewinn aus dem Verkauf des Holzes erzielen“, sagt Heepe. „Dadurch werden dann natürlich auch Milliarden von Geldern in Deutschland vernichtet, die potentiell hätten erwirtschaftet werden können.“ Die Bekämpfung von Schädlingen ist nicht die einzige Arbeit, die die leidgeprüften Förster leisten, um die Schäden einzudämmen. Eine wichtige Maßnahme ist die Wiederaufforstung der Wälder mit standortgerechten Baumarten, die aus heutiger Sicht mit dem Klimawandel am besten klarkommen. „Durch die Pflanzung oder Saat gibt es viele Möglichkeiten, um die Baumartenzusammensetzung an die veränderten Klimabedingungen anzupassen“, sagt Puls. In weiten Teilen des Weserberglandes werde die Buche zunächst die Hauptbaumart bleiben und ergänzt werden. „Zu den neuen Arten gehören die Douglasie, Roteiche, Elsbeere, Esskastanie, Schwarznuß und auch die Kiefer.“ Heepe sagt: „Diese neuen Baumarten sind wichtig für den Fortbestand unserer Wälder, da sie besonders gut auf die veränderten Anforderungen des Klimas an die Pflanzen eingestellt sind und mit längeren Trockenperioden besser umgehen können. Bei diesen neuen Baumarten ist sichergestellt, dass sie die heimischen Buchen, Stiel- und Traubeneichen unterstützen und nicht im Bestand gefährden.“

„Eine zweite Erde haben wir nicht“

Förster können nur die Folgen des Klimawandels bekämpfen, nicht die Ursachen. Dazu sei ein weltweites Umdenken der Menschen notwendig. „Denn eines ist klar, eine zweite Erde haben wir nicht“, sagt Heepe. Die Politik spielt in dieser Übergangsphase eine wichtige, unterstützende Rolle. „In Zeiten von Arbeitsspitzen soll sie die Einstellung von zusätzlichem Personal und praxisnahe Fördermöglichkeiten im kleinen und mittleren Privatwald ermöglichen“, erklärt Evelyn Puls. „Jeder Einzelne von uns kann etwas gegen den Klimawandel leisten, indem er seinen ökologischen Fußabdruck verringert. Denn Klimaschutz fängt im Kleinen an.“ Seine CO2-Emissionen eindämmen, indem man mehr Fahrrad fährt, weniger Fleisch isst und bewusster einkauft, um seine Müllproduktion gering zu halten, sind einfache Möglichkeiten.

Quelle: F.A.Z.
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