Freilichtbühne Kreuzlingen

Schlechtes Wetter macht den Schauspielern keine Angst

Von Lavinia Fuchs, Kantonsschule Kreuzlingen
22.05.2022
, 20:28
Auf der Kreuzlinger Freilichtbühne muss heute niemand mehr schreien. Das war früher anders, berichtet die Ko-Leiterin, Schauspielerin und Regisseurin Astrid Keller.
ANZEIGE

Das hellblaue Wasser glitzert im Licht der Abendsonne, die für jedes Theaterstück eigens gebaute Bühne steht am Bodenseeufer, die Stimmen des Publikums verklingen, und die Schauspieler sind bereit. Die Atmosphäre ist voller Vorfreude und gespannter Erwartung. Jeden Sommer von Juli bis August führt das Schweizer See-Burgtheater im Kreuzlinger Stadtpark ausgewählte Stücke vor. Die Tribüne besteht aus zehn Reihen und sichert 400 Zuschauern den Blick auf das Bühnenbild mit dem See im Hintergrund. Sie wird nach dem Festspiel wieder abgebaut. Ein Bistrozelt verkauft regionale Produkte, wie selbst gebrautes Bier, Würstchen und Brezeln. Der Park ist ein Ort des Zusammenkommens: Es gibt das Schloss Seeburg, das Seemuseum, Tierpark, Spielplatz, Tennis- und Minigolfplätze sowie ein Restaurant.

Das in den Neunzigerjahren von Gregor Vogel und Hans-Ruedi Binswanger gegründete Theater spielte zu Beginn im Schloss Seeburg und zog nach einigen Jahren an das 30 Meter entfernte Ufer um. Die Mitbegründerin Astrid Keller machte mit ihrem Mann Leopold Huber das Theater groß, nachdem sie 1994 offiziell die Leitung übernommen hatte. Als Ko-Leiterin, Regisseurin und Schauspielerin ist sie in alle Entscheidungen eingebunden. Seit 1976 ist die heute 65-Jährige „mit Aufs und Abs“ in der Theaterbranche tätig. Ein „Ab“, das Keller noch lange nach dem Vorfall beschäftigte, hatte sich während des Stückes „Land ohne Worte“ von Dea Loher ereignet. Während die Schauspielerin einen eineinhalbstündigen Monolog hielt, erlitt einer der Zuschauer einen Herzinfarkt. Die Situation zwischen Fiktion auf der Bühne und der Begebenheit im Publikum war verwirrend. „Ich spielte etwas auf der Bühne, einem Zuschauer ging es schlecht, aber ich konnte nicht fragen, ob er Hilfe brauche, weil ich wegen des Theatergesetzes weiterspielen musste.“ Das Theatergesetz besagt, dass keiner auf der Bühne das Spiel abbrechen darf. Die einzige dazu berechtigte Person ist der Abendspielleiter. Die gebürtige Schaffhauserin absolvierte eine Schauspielausbildung am Max-Reinhardt-Seminar in Wien und spielte bisher mehr als 150 Rollen. Highlights waren das von ihr inszenierte Stück „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ im See-Burgtheater und „Der Bettelstudent“ in Vaduz. Aber auch andere nationale und internationale Schauspieler aus der Schweiz, Deutschland und Österreich wirken in den Vorstellungen mit. Klassiker wie „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch, Brechts „Dreigroschenoper“ und „Die Schweizermacher“ von Rolf Lyssy führte das Theater bereits auf.

ANZEIGE

Bis die Mikrofone ausgehen

Das Konstanzer Stadttheater in der deutschen Nachbarstadt, das ebenfalls jeden Sommer am Münsterplatz Freilichtvorstellungen gibt, stelle keine Konkurrenz dar: „Eine Gegend kann nicht genug Theater haben.“ Die Mutter von drei erwachsenen Kindern sagt, dass das Schauspiel sich letztendlich qualitätsmäßig durchsetzen muss, „wenn man nicht gut genug ist, kommen die Leute nicht“. Damit die Worte der Schauspieler auch die letzten Reihen erreichen, werden die ausgebildeten Stimmen über Mikrofone verstärkt. Das war aber nicht immer so: Eine lange Zeit hatte das See-Burgtheater keine Mikrofone, weswegen die Schauspieler häufig schreien mussten. Heute ist das Ensemble glücklich darüber, Mikrofone nutzen zu können, über die Variation der Tonlage kann der Schauspieler seine Rolle gestalten. „Durch die Schreierei ist viel von der Interpretation der Rollen weggenommen worden“, sagt die Frau mit dem grauen Bob. Schlechtes Wetter macht den Schauspielern keine Angst: „Wir spielen, bis die Mikrofone ausgehen.“ Tatsächlich werden die Schauspieler sogar sehr oft nass, aber daran sind sie gewöhnt. Zum Beispiel gab es 2021 bei 18 von 20 Aufführungen des Stücks „Die Schweizermacher“ immer wieder Regenschauer. Bei starken Stürmen muss die Vorstellung aufgrund der hohen schwankenden Laubbäume, die das Areal umgeben, jedoch abgebrochen werden.

Bühnenbildner für „Lysistrata“

Damit kleinere Böen der Bühne nichts anhaben können, achtet der Bühnenbildner Damian Hitz penibel darauf, dass diese stabil gebaut wird. Der 52-Jährige ist für den Entwurf und den Bau des Modells zuständig. Er wurde in der Vergangenheit zweimal vom See-Burgtheater engagiert und ist auch in diesem Sommer als Bühnenbildner für das Stück „Lysistrata“ verantwortlich. Das für den Bau am meisten verwendete Material ist Holz, das mithilfe von Holzdispersionsfarbe vor Wettereinflüssen geschützt wird. „Denn alles, was nass wird, kann sich verziehen, vollsaugen oder rutschig werden“, sagt der gelernte, braunhaarige Metallbauer. Damit die Bühne perfekt zum Stück passt, muss der Bühnenbildner „sich auf den Raum einlassen“, erklärt der im Kanton Nidwalden geborene Mann. Absolute kreative Freiheit hat er allerdings nicht: Der Künstler muss sich mit der Regie absprechen, um deren Vorstellungen und Wünsche, das Bühnenbild betreffend, erfüllen zu können. „Neben den Arbeitsstunden spielt auch die Höhe des Budgets eine entscheidende Rolle.“ Im herkömmlichen Theater ist die Bühne ein fest stehender Bestandteil des Saals. Am See ist das anders: „Man muss sich entscheiden, wo man die Tribüne hinstellt und wo gespielt werden soll.“ Zudem ist es wichtig, darauf zu achten, dass die Feuerwehrzufahrten frei gelassen werden.

ANZEIGE

Kurzarbeitergeld und Gönnerverein

Die Folgen der Corona-Pandemie haben sowohl das Burgtheater als auch der Bühnenbilder Damian Hitz zu spüren bekommen. Aufgrund der Maßnahmen des Schweizerischen Bundesamtes für Gesundheit durfte das Theater nur noch zwei Drittel der Plätze füllen. Die Anzahl der Vorstellungen beließ das Theater bei 20, und die Preise der Tickets wurden nicht erhöht. Da das See-Burgtheater die Kapazität der Tribüne nicht komplett ausnutzen konnte, geriet es in der vergangenen Spielsaison ins Minus. Finanziell wird es von der Corona-Hilfe nicht unterstützt. „Wenn die Stücke nicht stattgefunden hätten, hätten wir Hilfe bekommen, aber so nicht“, erklärt die Schweizerin. Trotz des Minus hat sich das Stück „Die Schweizermacher“ während der Pandemie aber gelohnt. „Es ist gut angekommen, und die Leute haben darüber gesprochen. Das Minus war vielleicht nicht so lustig, aber wir haben ja etwas auf der Seite und den Gönnerverein, der uns unterstützt. So kommen wir schon raus.“ Damian Hitz bekam die Konsequenzen zu spüren, weil viele Stücke, für die er Bühnenbilder geplant hatte, ausgefallen sind. Er bekam Kurzarbeitergeld. Das Jahr 2021 war auch in der Schweizer Theaterbranche ein Stau, beschreibt der Freischaffende: „Alle haben geprobt und nicht gespielt.“ Für die Zukunft hat das See-Burgtheater das Ziel zu wachsen. „Natürlich denken wir jetzt auch langsam an die Nachfolge und wollen das Theater gut übergeben, dass es ja nicht stirbt und der jüngeren Generation erhalten bleibt“, verrät Astrid Keller.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Baufinanzierung
Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
Automarkt
Finden Sie Ihren Gebrauchtwagen
50Plus
Serviceportal für Best Ager, Senioren & Angehörige
ANZEIGE