Gerichtshilfe

Statt ins Gefängnis zum Pfarrer

Von Benjamin Dithmar, Hohen Neuendorf, Marie-Curie-Gymnasium
15.07.2021
, 18:23
Manuela Tetzlaff arbeitet bei der Gerichtshilfe in Brandenburg. Sie betreut Menschen, die gemeinnützige Arbeit leisten müssen, wenn sie ihre Geldstrafe nicht zahlen können.
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Zweimal laden wir die Leute schriftlich ein.“ Wenn die Einladung von Manuela Tetzlaff verschickt wird, erwartet die Empfänger kein geselliges Zusammensein bei Kaffee und Kuchen. Tetzlaff ist studierte Sozialarbeiterin und seit 20 Jahren bei den Sozialen Diensten der Justiz im Land Brandenburg tätig. Ihre Fachbereiche sind die Gerichtshilfe und die Bewährungshilfe. Kollegen kümmern sich um den sogenannten Täter-Opfer-Ausgleich.

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Den Menschen, die in Tetzlaffs Büro nach Oranienburg kommen, ist eines gemeinsam: Sie haben, im Volksmund gesprochen, „etwas auf dem Kerbholz“. Erschleichen von Leistungen, Verstoß gegen das Pflichtversicherungsgesetz, Fahren ohne Fahrerlaubnis, Diebstahl, leichte Körperverletzung oder Sachbeschädigung – das sind die Vergehen, mit denen Manuela Tetzlaff meist konfrontiert wird. „Genau genommen handelt es sich um Straftäter, die gegen das geltende Recht verstoßen haben. Wenn die Betroffenen zu uns kommen, sprechen wir aber üblicherweise von Klienten.“ Wegen ihres Vergehens haben sie eine Geldstrafe erhalten, sehen sich aber nicht in der Lage, diese zu bezahlen. Oft sind sie arbeitslos und verschuldet. In diesem Fall gibt es die Möglichkeit, die Strafe in Form von gemeinnütziger Arbeit abzuleisten. Die Gerichtshilfe arbeitet eng mit der Staatsanwaltschaft zusammen. Sie wirkt gemäß Paragraph 160 der Strafprozessordnung als soziale Ermittlungshilfe für die Gerichte und Staatsanwälte mit. Wenn es jemandem nicht möglich ist, seine Geldstrafe in einem gewissen Zeitraum zu tilgen, droht die Vollstreckung der Ersatzfreiheitsstrafe. Um das zu vermeiden, steht die Gerichtshilfe als ein Angebot der Beratung den Betroffenen zur Seite.

Sie beginnen motiviert, die Disziplin lässt rasch nach

Im Laufe der Jahre hat Tetzlaff viele Kontakte zu Einrichtungen geknüpft, in die sie ihre Klienten zur Ableistung von Sozialstunden vermitteln kann. Geeignet sind alle Einsatzorte, die einen gemeinnützigen Charakter haben wie Sportvereine, Friedhöfe oder Seniorenheime. Auch bei Pfarrer Volker Dithmar ruft sie in regelmäßigen Abständen an. Der Geistliche nimmt das Angebot der zusätzlichen Arbeitskraft gerne an. „Wir haben ein großes Kirchengrundstück, auf dem es immer viel zu tun gibt. Da freuen wir uns, wenn jemand mit anpackt. In der Regel handelt es sich um leichte Garten- oder Aufräumarbeiten.“ Pfarrer Dithmars Erfahrung ist, dass die meisten Straftäter motiviert beginnen, doch die Disziplin schnell nachlässt. Wenn jemand gar nicht mehr zur Arbeit erscheint, hält der Pfarrer mit Tetzlaff Rücksprache.

Einigen Klienten wird erst beim Ableisten der Strafe bewusst, wie lange sie brauchen, um zum Beispiel 450 Stunden abzuarbeiten. Das kann sich über Monate hinziehen. Die Höhe der abzuleistenden Stunden richtet sich nach der begangenen Straftat. Im Strafrecht gibt es, anders als beim Bußgeldkatalog, keine Festlegung der Höhe einer Geldstrafe. Daher werden die Strafen in Tagessätzen verhängt. Je schwerwiegender die Tat ist, desto mehr Tagessätze werden verordnet. Die Tagessatzhöhe wiederum hängt vom jeweiligen Einkommen und von den wirtschaftlichen Verhältnissen des Straftäters ab. Ein Tagessatz entspricht in der Regel sechs Stunden gemeinnütziger Arbeit.

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„He Kleene, wat willst du denn hier?“

Um die persönliche Situation des Klienten besser einschätzen zu können, besucht Tetzlaff ihn zu Hause – unangemeldet. „Viele entwickeln Vermeidungsstrategien. Manchmal sieht man das daran, dass der Briefkasten überquillt. Der Einblick in das häusliche Umfeld gibt mir wichtige Hinweise dafür, wie ich meinen Klienten am besten helfen kann. Zum Bespiel kann ich feststellen, ob jemand aus gesundheitlichen Gründen gar nicht in der Lage ist, gemeinnützige Arbeit zu leisten, oder ob zu Hause Kinder sind, die betreut werden müssen.“ Allerdings kommt es vor, dass sich gefährliche Situationen ergeben. „Einmal kam ich in eine Küche, in der zwei betrunkene Männer am Herd kochten und mich mit Berliner Dialekt begrüßten: ,He Kleene, wat willst du denn hier?‘ Da muss man lernen, sich abzugrenzen und den Leuten zu erklären, dass man vom Amt ist.“ Gleichzeitig zeigt sie Einfühlung: „Man muss auch verstehen, dass nicht immer alle freundlich sind, wenn ich vor der Tür stehe. Viele haben einen Groll auf die Justiz und die Polizei, weil sie schon oft mit ihnen in negativer Weise zu tun hatten.“ Wenn ihr die Tür nicht geöffnet wird, folgt ein Schreiben mit einer Frist von einer Woche. Sollte sich der Klient nicht melden, wird der Vorgang an die Staatsanwaltschaft geschickt. Dann geht es relativ schnell, und der Straftäter muss seine Ersatzfreiheitsstrafe antreten.

Eine feste Stelle ist ein Sechser im Lotto

Die positiven Fälle aber überwiegen. „Drei Viertel der Klienten schaffen es, ihre Strafe durch gemeinnützige Arbeit oder durch Ratenzahlung zu tilgen. Manchmal dauert es zwar lange, aber dann hatte mein ewiges Erinnern und Hinterherrennen auch einen Sinn.“ Besonders gerne denkt sie an einen Fall zurück: „An einem alten Grenzschutzwachturm war jahrelang ein Scheinwerfer kaputt. Keiner hat den wieder zum Laufen gebracht. Ich hatte einen Klienten, der war mit solchen Dingen affin und hat den Scheinwerfer in seiner eigenen Werkstatt repariert. Das stand sogar in der Presse.“ Selten geschieht es, dass ein Klient durch seine gemeinnützige Arbeit eine feste Stelle in der Einrichtung bekommt. „Das ist dann wie ein Sechser im Lotto.“

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Wenn Tetzlaff Probleme hat, einen Klienten zu vermitteln, fragt sie gerne bei Dithmar nach. Er nimmt oft die Fälle mit schwierigen Begleitumständen und sagt: „Kürzlich arbeitete ein junger Mann bei uns, der einen Hund hatte, den er abgöttisch liebte und den er nicht allein zu Hause lassen wollte. Der Hund war alles andere als ein Schoßhündchen – groß und wild. Deshalb hat keine andere Einrichtung den Mann genommen. Ich habe mir einen Plan ausgedacht. Der Mann hat im Pfarrgarten gearbeitet, sein Hund war mit einer zehn Meter langen Leine an einem Baum festgebunden. So hatten sich beide im Blick, und Herrchen konnte seine Strafe zufriedenstellend abarbeiten.“ Solche Erlebnisse sind für Manuela Tetzlaff der Grund, weshalb sie ihren Klienten mit Empathie begegnet: „Da kannst du jemandem ein wenig helfen und ein bisschen Hoffnung spenden und ihn vor allem vor dem Gefängnis bewahren.“ Tatsächlich hat sie erlebt, dass sich nach Jahren ein ehemaliger Straftäter bei ihr meldet und sich für die Unterstützung bedankt. Dann gibt es nicht Kaffee und Kuchen, aber Zeit für ein freundliches Gespräch.

Quelle: F.A.Z.
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