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Glasperlenkunst

Feuer und Flamme für Glasperlen

Von Fiona Zirngast, Kantonsschule Limmattal, Urdorf
 - 12:53

Einmal in der Woche geht Alice Grossenbacher in das Gemeinschaftsatelier „Perlenballett“, eine Glasperlenwerkstatt in Urdorf bei Zürich: Ein großer, quadratischer Tisch mit vier Arbeitsplätzen nimmt den meisten Platz in dem lichtdurchfluteten Raum ein. Regal und Kommode sind mit Büchern und Materialien gefüllt. In der Luft hängt ein leichter Gasgeruch. Acht Frauen zwischen 35 und 65 Jahren teilten sich das Atelier. Zwei verkaufen einen Teil ihrer Produkte. „Mein Ziel ist es ebenfalls, meine Perlen zu verkaufen, doch im Moment bin ich noch zu wenig gut“, sagt Alice Grossenbacher. Sie trägt eine Jeansbluse, die dunkelbraunen, leicht gelockten Haare fallen ihr offen auf die Schultern.

Drehen schützt vor Schmelzen

Aber Übung macht den Meister. Als Erstes taucht sie ein Metallstäbchen, genannt Perlendreherdorn, in ein Trennmittel, damit die fertige Perle später gut ablösbar ist. Nun sucht sie sich zwei verschiedenfarbige, vier Millimeter dicke Glasstäbchen aus. Auf dem Plan steht eine Wasserfallkugel. Als Erstes wird die Grundperle geformt. Die Frau erhitzt das Metallstäbchen langsam über einer sauerstoffhaltigen Flamme. Der zugemischte Sauerstoff verstärkt die Flamme und hebt die Farben des Glases hervor. Nun hält sie auch den Glasstab in die Flamme. Langsam beginnt dieser zu glühen und zu schmelzen. Sobald sich an der Spitze ein Tropfen bildet, setzt die Hobbykünstlerin diesen auf das Metallstäbchen an. Das Glas klebt nur dort, wo das Stäbchen erhitzt wurde. Das Metallstäbchen muss immer gedreht werden, damit die heranwachsende Perle auf keiner Seite abkühlt oder zu heiß wird und wegschmilzt. Die andere Hand hält so lange den schmelzenden Glasstab in die Flamme, bis genug Glas auf das Metallstäbchen aufgedreht ist. Es steht immer eine Tasse mit Wasser bereit, falls ein Stückchen Glas abtropfen sollte.

Spiel zwischen Schwerkraft und Hitze

Die Frau dreht die Kugel so lange, bis sie mit der Form fürs Erste zufrieden ist. Sie darf jedoch nicht aufhören, den Metallstab zu drehen. Das geschmolzene Glas bleibt wie dickflüssiger Honig, bis sie es ein wenig abkühlen lässt. Nun kommt die zweite Farbe zum Zug. Wieder lässt sie einen Tropfen an der Spitze des schmelzenden Glasstabes bilden, mit dem sie nun Streifen aufträgt. Unter ständigem Drehen werden diese langsam in die Grundperle eingeschmolzen. „Es ist ein Spiel zwischen Schwerkraft und Hitze“, erklärt die Primarlehrerin. Je länger sie die Streifen erhitzt und die Perle dreht, desto mehr fallen sie in der Mitte der Perle nach unten und lassen dadurch das Wasserfallmuster entstehen. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Von Streifen, Spiralen, Blümchen, herausstehenden oder eingeschmolzenen Punkten über flache, kugelrunde, viereckige, große und kleine Perlen bis zu Tieren und Cupcakes ist alles möglich. Gegenüber arbeitet eine andere Perlenkollegin. Sie trägt eine Jacke, an deren Reißverschluss ein selbsterschaffenes Glasnilpferdchen baumelt. An den Ohren, um den Hals und das Handgelenk trägt sie selbstgemachten Glasschmuck. Gerade arbeitet sie an Mini-Erdbeeren, aus denen sie Ohrringe machen will.

Abkühlen im Körnertopf

„Gewisse Sachen kann man steuern und andere weniger“, meint Alice Grossenbacher. Hellblaues Glas glüht in der Flamme in wunderschönem Rosa, während Schwarzes rot und Rotes braun wird. Elfenbeinfarbiges Glas bildet dunkle Ränder am aufgetragenen Muster, hellgrünes franst aus. „Es ist interessant, wie das Glas miteinander reagiert und welche Strukturen es bildet.“ Die Wasserfallperle kühlt in der Zeit in einem Topf voller Sandkörner von 600 auf 800 Grad ab. Würde sie bei normaler Zimmertemperatur gelagert, hätte sie einen Kälteschock und würde zerspringen. Sie gibt die Wärme an die Körnchen ab und kann so langsamer abkühlen. Erst nach einer Stunde kann man das Resultat genau betrachten.

Kostspieliges Hobby

Glasperlen ist ein kostspieliges Hobby. Die billigsten Glasstäbe bekommt man für 1,60 Franken den Meter, die teuersten kosten bis zu zehn Franken für dreißig Zentimeter, was man für eine Perle gerade etwa braucht. Auch der Raum stellt gewisse Anforderungen: Er muss ebenerdig sein und einseitig vollständig geöffnet werden können. Nur so kann das Gas, das schwerer ist als Luft, vollständig entweichen. Zudem muss der Vermieter einverstanden sein, dass mit Gas gearbeitet wird. „Es ist eine riesige Erleichterung, dass wir den Raum zu acht teilen können.“ So haben sie Gesellschaft, können sich helfen, Materialien und Werkzeuge teilen. Es braucht Geduld und Erfahrung, bis man das Handling mit den Glasperlen verinnerlicht hat. „Jemand hat einmal gesagt: Die ersten 1000 Perlen sind Übungsperlen. Erst danach beginnt es richtig.“

Bei der 1000 Glasperle

Für die Pädagogin überwiegen die schönen Seiten an der Glasperlenkunst. „Ich finde es faszinierend, was kontrolliertes Feuer für Veränderungen bringen kann.“ Aus einem Glasstab wird ein kleines Kunstwerk. „Ich möchte gerne mit den Perlen Geschichten erzählen.“ Für die gut 50-Jährige hat das viel mit Symbolik zu tun. „Wenn ich jemandem eine Glasperle schenke, dann immer aus einem bestimmten Grund.“ Sei dies ein Wirbel, ein Farbtupfer als Hoffnungsfunken oder eine andere Struktur, die in einer Perle versteckt ist. „Ich glaube, demnächst bin ich bei meiner 1000. Glasperle angekommen.“

Quelle: F.A.Z.
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