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Goethe als Gärtner

Wo Goethe Steine schleppte

Von Justin Müll, Gymnasium Kenzingen
 - 21:22

Gärten können viele Geschichten erzählen“, sagt Angelika Schneider. Die Gartendenkmalreferentin steht im Weimarer Park an der Ilm neben Goethes Gartenhaus, einem weißen, im 16. Jahrhundert erbauten Weinbauernhaus. Es hat ein graues Holzschindeldach, an der südlichen Giebelwand wächst Wein, an der Nord- und Westseite ranken Tapetenrosen. Vor dem Hauseingang befindet sich ein sternförmiges Mosaikpflaster, von dem ausgehend ein von bunten Malven umrahmter Kiesweg durch Goethes Garten verläuft. Die frühe Morgensonne scheint durch die dicht belaubten Bäume am Hang hinterm Haus über das weite Grün des Parks. Seit 1987 ist die studierte Landschaftsarchitektin bei der Klassik Stiftung Weimar als Referentin für Gartendenkmalpflege tätig und heute zuständig für die beiden Gärten Goethes am Gartenhaus und am Stadthaus in Weimar, wo sie zuvor zunächst drei Jahre als Gärtnerin arbeitete. „Ein Gartendenkmal ist immer ein lebendiges Denkmal, wodurch sich meine Arbeit vielfältig gestaltet“, sagt die 63-Jährige. Zu praktischen Aufgaben zählt es beispielsweise, den Bestand zu begutachten oder die Arbeitsabläufe der Gärtner zu kontrollieren. Ebenso nimmt sie einen Bildungsauftrag wahr, indem sie Inhalte für Führungen, Publikationen, Vorträge oder Ausstellungen aufbereitet. „Durch die vielfältige Arbeit bilde ich mich ständig weiter“, freut sie sich. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, dass der Garten möglichst so erhalten wird, wie er sich zu Zeiten Goethes präsentierte.

Das Grundstück schenkte ihm der Herzog

„Die Vielgestaltigkeit ist das Charakteristikum von Goethes Garten am Gartenhaus“, schwärmt Schneider über den sogenannten Garten am Stern. „Seine Einheit wird in der Harmonie der verschiedenen Gartenbereiche erreicht: dem Gemüsegarten, dem Obstgarten und dem englischen Gartenteil.“ Das Grundstück bekam Goethe von Herzog Carl-August geschenkt. Die Malvenallee führt durch den westlichen Teil des Gartens und wird von einer Lindenallee gekreuzt, an deren Ende eine Sitzecke mit weißen Garnituren eingerichtet ist. In diesem Teil wurden damals Erdbeeren und Gemüse wie Spargel oder Rüben angebaut, was jetzt so allerdings nicht möglich sei, da dieser Anbau intensive Pflege benötige. Auf den Rabatten blühen violette Glockenblumen, gelbe und blaue Schwertlilien sowie rosafarbenes Seifenkraut. Am Ende der Malvenallee führt ein steiler Treppenweg zur Streuobstwiese. Hier stehen Obstbäume wie Äpfel, Birnen, Kirschen oder auch Walnüsse. Am schattigen Hang hinter dem Haus gelangt man zu dem von Eichen, Ahorn, Kiefern, Linden und Kastanien dicht bewachsenen englischen Teil des Gartens. Am Sitzplatz, den der Dichter 1782 für seine gute Freundin Charlotte von Stein, ähnlich einem Altar, errichtet und ihr gewidmet hat, erklärt Schneider: „Von dieser Stelle aus konnte Goethe, bis zum Bruch ihrer Freundschaft 1786, oft zusammen mit Charlotte von Stein über den Garten und die weitläufigen Ilmauen bis hin zur Stadt blicken.“

Recherche mit Tagebüchern, Briefen und Rechnungen

Auch wenn die Grundstrukturen des Gartens seit Goethes Einzug 1776 die gleichen geblieben sind, ist das Ziel, das frühere Aussehen des Gartens möglichst genau zu rekonstruieren, noch nicht erreicht. „Jedes durch die Forschung neu entdeckte Detail vervollständigt das Bild über den Garten ein Stück weiter. Das Forschen ist wie ein Puzzlespiel“, erklärt die Denkmalpflegerin. Zu den bereits durchgearbeiteten Quellen wie Tagebüchern, Briefwechsel, Rechnungen Goethes zieht sie historische Pläne, Bildmaterial und Reisebeschreibungen heran. Aber noch immer tauchen auch heute unerforschte Quellen auf. „Goethe hat sein Leben gut dokumentiert der Nachwelt hinterlassen.“ Aus Goethes Korrespondenz mit seiner Ehefrau Christiane Vulpius oder seinem Sohn August erfährt man einiges darüber, welche Pflanzen sich wo im Garten befanden, oder auch, dass damals Tiere wie Hühner und Hasen dort lebten, die der Sohn umsorgte. Aufgrund ihres starken Interesses an Geschichte und Kunstgeschichte liebt Schneider besonders die detektivische Spurensuche im Archiv.

Er wählte statt modischer Büste lieber einen Quader

Als Goethe dem Ruf nach Weimar folgte, kam es besonders durch den Einfluss Rousseaus zu einem gesellschaftlichen Wandel, der sich mit dem Grundsatz „Zurück zur Natur“ umschreiben lässt. „Es vollzog sich ein starker Umbruch auch im gesellschaftlichen Denken dieser Zeit.“ Damals regierte die Herzogin Anna Amalia und bemühte sich, die mit hohen Schulden belastete Haushaltskasse des Weimarer Herzoghauses zu sanieren. Besonders nach dem Schlossbrand 1774 entwickelte sich die neue Sicht auf die Natur. Das Schloss wurde nicht sofort wieder aufgebaut, die vormundschaftlich regierende Herzoginwitwe übergab im darauffolgenden Jahr die Regierungsgeschäfte an ihren mündigen Sohn und zog in das kleinere Wittumspalais gegenüber dem heutigen Nationaltheater ein. Für Feste wurden die vorhandenen Garten- und Parkanlagen in der Residenz und der umliegenden Sommersitze genutzt und nach und nach umgestaltet. Goethe empfing täglich Gäste in seinem Garten am Stern, wo gefeiert, Tee oder Kaffee getrunken, musiziert und Zeremonien abgehalten wurden. „So herrschte zu jener Zeit in den Gärten ein buntes Treiben. Dass Goethe den Garten auch immer wieder philosophisch in den Blickpunkt rückte, zeigt sich beim Stein des Glücks“, meint Schneider voller Begeisterung, als sie sich am Ende der Malvenallee vor der Sandsteinskulptur befindet, ein Quader, auf dem eine Kugel steht. „Es ist überraschend für diese Zeit, dass Goethe entgegen der Mode keine Büste, sondern ein nicht figurales, symbolgeladenes Kunstwerk hier im Garten errichten ließ.“ Der Quader steht für die Basis, die feste Verankerung im Boden, die der Mensch benötigt, die Kugel für die Gedanken, die ständig frei in Bewegung sein sollen. Die Besucher berührten gern diesen Stein, in der Hoffnung, etwas Glück aus diesem Garten mitnehmen zu können. „Glück kann immer nur ein Moment sein“, stimmt Schneider mit dem Dichter überein.

Sie blühen nur einen Monat lang

Glücklich ist Schneider vor allem in den Momenten, wenn sie durch Goethes Garten wandelt und die Blumen sieht. Eines der schönsten Erlebnisse ist für sie während der Zeit der Rosenblüte. „Die alten, aus der Goethezeit stammenden, meist nur einen Monat blühenden Rosensorten duften viel intensiver als neuere Züchtungen. Dann durchzieht ein einzigartiger Duft den Garten.“ Für sie sei das Arbeiten in der Natur seit der Kindheit ein wichtiges Lebenselixier. So freut sich die Thüringerin, wenn sie an ihrem Feierabend im eigenen Garten arbeitet. Wie Angelika Schneider, die auf einem Bauernhof nahe Weimar aufwuchs, war auch Goethe viel in seinem Garten tätig. Er schleppte Steine, wählte die Gartenpflanzen und Gemüsesorten aus oder bestrich Schnittstellen geschnittener Bäume mit Wachs, um die Wunde zu verschließen. Auch die gestalterische Planung des Gartens übernahm er, um Wege und den Garten insgesamt nach seinen Vorstellungen anzulegen. Zurückgezogen in der Natur holte er sich Inspiration. „Goethe war ein gründlicher Naturbeobachter, der alles ihm besonders auffallende notierte, analysierte und verglich.“ Er beschäftigte sich mit verschiedenen Wissenschaften, von Botanik, Zoologie über Anatomie bis hin zu Geologie und Chemie. Seine Studien im Garten stellen den Ausgangspunkt vieler seiner naturwissenschaftlichen Erkenntnisse im Pflanzenreich dar, wie etwa das Wissen, das er im Buch „Die Metamorphose der Pflanzen“ darlegt.

Er trug Gedichte vor und verschickte Saatgut

„Der Garten, insbesondere der am Stern, blieb für Goethe bis zu seinem Lebensende ein wichtiger Rückzugsort“, erklärt Angelika Schneider. Noch im Februar 1832, einen Monat vor seinem Tod, legte er die wichtigsten Maßnahmen für das kommende Gartenjahr fest. Er kümmerte sich leidenschaftlich um viele Details. Um Dinge, die das Leben lebenswert machen. So führte er für die Kinder die Ostereiersuche ein, trug dort Freunden Gedichte vor und ließ ihnen die ersten Erdbeeren oder den ersten Spargel bringen. Oft verschickte er Saatgut an Angehörige und Freunde. Bei längerer Abwesenheit tauschte sich Goethe in Briefen freudig mit seinem Sohn darüber aus, was dieser im Garten am Stern erlebte. „Hier im Garten kommt man dem Menschen Goethe sehr nahe“, findet die Referentin.

Quelle: F.A.Z.
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