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Holzkünstler

Harley Davidson als Holzskulptur

Von David Schaeffert, Gymnasium Kenzingen
 - 14:00

Die Motorsäge dröhnt durch den Wald. Intensiver Benzingeruch liegt in der Luft. Bertram Bilger spielt mit dem Gas und lässt die Säge aufheulen. Der große, schlanke Mann hat seine langen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Eine leuchtorange Arbeitsjacke sowie eine grüne Schutzhose, die er mit Gurten eng um die Beine geschnallt hat, sichern ihn. Mit präzisen Bewegungen treibt er seine Maschine zügig durch das Holz. Sägespäne prasseln gegen sein Gesicht und bedecken langsam den Boden um ihn herum. Bilger ist Motorsägenkünstler. Das bedeutet, dass er Holzskulpturen fast ausschließlich mit der Hilfe einer Motorsäge herstellt. Auf einer kleinen Waldlichtung außerhalb von Lahr, einer Stadt südlich von Offenburg, verbringt er, umringt von etlichen Haufen Holz und in Gesellschaft seines Rottweilers Butch, einen Großteil seiner Arbeitszeit. Auf dem Platz steht auch ein Zelt, das dem 50-Jährigen bei schlechtem Wetter als Unterstand dient und wo er sich die Kettensägen, deren Schwertlänge er gerade braucht, zur Arbeit bereitlegt. Alle anderen seiner insgesamt zwölf Kettensägen sind auf der Ladefläche seines Pickups verstaut, an dem ein kleiner Anhänger samt Kran angebracht ist.

Früher restaurierte er Antikmöbel

„Komm, Butch, gehen wir!“, ruft er seinem gutmütigen Hund nach getaner Arbeit zu. Während dieser noch durch die Sägespäne läuft, stellt Bilger die Sägen zurück auf die Ladefläche und schließt das Heck. Dass er heute mit der Motorsäge sein Geld verdient, ergab sich mehr oder weniger zufällig. Auf die Frage seiner Freunde, was er sich als Gemeinschaftsgeschenk zu seinem groß gefeierten 38. Geburtstag wünsche, wusste der damalige Antikmöbelrestaurateur zunächst keine Antwort und kam eher zufällig darauf, sich eine Motorsäge schenken zu lassen. Als er dann mitbekam, wie Holzkünstler in Kanada und den Vereinigten Staaten die Motorsäge nutzten, begann er seine neue Errungenschaft daraufhin zu testen, und es entstanden nach kurzem Probieren erste Figuren: ein Pilz und ein Bär. Mittlerweile kann er solche Skulpturen in einer halben Stunde herstellen. So befördert er nach den Sägen mehrere kleine Skulpturen ebenfalls mit Schwung auf den Anhänger, größere mit dem Kran. An der Hintertür des hohen Pickups klappt er eine kleine Rampe für den Vierbeiner aus. Mit dem ratternden Zweigespann macht sich Bilger über den schmalen, holprigen Waldweg wieder auf in Richtung Lahrer Innenstadt, zurück zu seinem Haus.

Für innen nimmt er Mammutholz

Hier angekommen, springt Butch sofort aus dem Auto und streift zwischen den unzähligen Skulpturen verschiedener Größen und Formen, wie einem imposanten Drachen, in das Geschäft. Die Sammlung hier reicht von fein ausgearbeiteten Holzherzen bis zu fast zwei Meter hohen, abstrakt gestalteten Frauensilhouetten. Daneben steht eine Skulptur, deren Holz durch einen Blitzeinschlag eine markante, gekokelte Stelle aufweist. Ein hölzerner Rinderschädel, der präzise aus dem Stamm gesägt wurde und dessen Form mit etlichen filigranen Details versehen wurde, hängt über der Ladentheke. Kontrastreiche Maserungen durchziehen das Holz der Objekte. „Man muss Qualität liefern, um sich in einem Randbereich wie diesem halten zu können“, erklärt Bilger. Fast zu 100 Prozent stellt er ein Kunstwerk mit der Motorsäge her. Nur feine Stellen wie Gesichtsmerkmale werden von Hand nachgearbeitet oder geschliffen. Die anschließende Behandlung mit Öl hängt stark von den Hölzern und dem Verwendungszweck des Objekts ab. Von den 20 Kubikmetern, die er jährlich alleine für Skulpturen benötigt, benutzt er für den Außenbereich vor allem witterungsfestes Eichenholz aus nahen Wäldern. Während Tannenholz nur drei bis vier Jahre hält, sieht eine Skulptur aus Eiche unbehandelt auch nach 20 Jahren noch gut aus. Für den Innenbereich verarbeitet Bilger am liebsten das rötliche Kirschbaumholz oder auch leichtes Mammutholz, das er jedoch nur aus Parks oder Privatgärten beziehen kann. Aufgrund des schnellen Wachstums bilden Mammutbäume deutlich größere Jahresringe, die den im Geschäft ausgestellten Holzherzen einen charmanten Charakter verleihen.

Am liebsten macht er Verrücktes

Nur etwa die Hälfte seiner Arbeiten passiert seinen Laden. Bei den restlichen Skulpturen handelt es sich um Auftragsarbeiten von privaten oder öffentlichen Auftraggebern. Bei den Arbeiten, die sich je nach Aufwand zwischen 50 und weit über 1000 Euro bewegen, liebt Bilger die Herausforderung, neben den Dauerbrennern wie Eulen und Adlern auch noch nie zuvor gemachte Formen anfertigen zu dürfen. „Wenn ich etwas Neues, Verrücktes oder Abstraktes schaffen soll, macht mir die Arbeit am meisten Spaß.“ Im Auftrag der nahe gelegenen Gemeinde Meißenheim verarbeitete er zum Beispiel eine genau auf halber Strecke zwischen zwei Orten stehende, kranke Eiche zu einer Skulptur. Die Idee des Gemeinderats, mehrere Säulen mit aufgesetzten Kugeln aus dem Baum zu sägen, entwickelte Bilger weiter und kreierte einen Entwurf, der eine abstrakte Menschengruppe zeigt. Große und kleinere menschliche Körperformen sägte er zunächst aus einem kleinen Holzstück zu einem Modell. Sein Vorschlag kam an, so dass er ihn dann in größerem Maßstab aus dem 3,5 Meter hohen und zwei Meter dicken Stamm innerhalb von drei Tagen herausarbeiten durfte.

Risiken nimmt der Familienvater in Kauf

„Alles, was in einen Stamm reinpasst, kann ich sägen“, behauptet Bilger. Nur die Größe des Baumstammes setze ihm Grenzen, nicht die Wünsche der Kunden. In vielen Gärten hat er so Baumstämme in verrückte Skulpturen wie eine Harley Davidson oder in beliebte Comicfiguren verwandelt. Dieses breite Spektrum stellt er auch für jene Kunden zur Schau, die ihn zu Geburtstagen, Firmenjubiläen oder Weihnachtsmärkten buchen, um die Gäste zu beeindrucken. „Ich weiß nicht, wie oft ich auf dem Weihnachtsmarkt schon völlig verschwitzt im T-Shirt gearbeitet habe!“ Auf Gerüsten klettert er um besonders mächtige Baumstämme herum und sägt aus unterschiedlichen Positionen die Formen aus dem Holz heraus. In Stoßzeiten sägt er bis zum späten Abend und am Wochenende. Auch wenn das für ihn kräftezehrend ist und die Selbständigkeit für den Familienvater Risiken birgt, nimmt er dies gerne in Kauf und bedauert nicht, 1998 seine gut bezahlte Stelle als Industriemeister Metall und stellvertretender Betriebsleiter an den Nagel gehängt zu haben. Von diesem Schritt ist seine berufstätige Frau fasziniert: „Als ich ihn kennenlernte, war ich beeindruckt, dass er seinen eigenen Weg geht.“ Ihr Mann sagt zufrieden: „Die Zeit meines Lebens wollte ich einfach in etwas investieren, woran ich Freude habe. Diese Entscheidung war für mich die richtige. Ich bin glücklich.“

Freude am Gestalten
Quelle: F.A.Z.
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