<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Hüttenwirtschaft

Hüttenzauber mit Grünkernchili und kaltem Wasser

Von Tina Gruber, Karolinen-Gymnasium, Rosenheim
 - 11:32

Aussteigerin Christine Steil ist seit sechs Jahren Hüttenwirtin der Breitenberghütte in Brannenburg bei Rosenheim und kann sich nichts Schöneres vorstellen. „Des is scho genau meins“, schwärmt die 54-Jährige mit einem strahlenden Lächeln. Sie ist froh über den Ausstieg aus ihrem früheren Alltag. Ein paar Jahre vor ihrem 50. Geburtstag brauchte sie eine Veränderung. „Mir hat’s einfach nicht mehr getaugt“, sagt die aus Feldkirchen-Westerham zwischen München und Rosenheim stammende Frau mit den grau-braunen Naturlocken. Sie gab ihren Beruf als Sekretärin auf und wollte vorerst nur reisen. Den Kopf freizubekommen und herauszufinden, was sie machen will, war Ziel ihrer einjährigen Wohnmobil-Tour durch Europa. Auszuwandern konnte sie sich nicht vorstellen, lieber wollte sie in den oberbayerischen Bergen bleiben. „Dabei gehe ich gar nicht gerne in die Berge“, verrät sie schmunzelnd. Sie schaut sie lieber an. „Aber kochen und Gäste bedienen mochte ich schon immer.“ Deshalb entschied sie sich, erstmal auf Berghütten zu jobben, um herauszufinden, ob das Hüttenleben überhaupt eine Option für sie ist. Bald merkte sie: „I wui a Hüttnwirtin sei!“

Die Münchner kommen

Nach zweijähriger Suche fand sie eine passende Lokation: die 1928 erbaute Breitenberghütte. Im August 2012 pachtete sie die auf 1050 Metern gelegene Hütte von den Naturfreunden Rosenheim. Die Wirtschaft hat die kräftige Aussteigerin mit ihrer 47-jährigen Lebensgefährtin Martina Huber aus Bruckmühl gemütlich mit alten Kommoden und Sofas eingerichtet. In der Stube stehen braune Tische und Stühle. Martina Huber, eine schlanke Frau mit braunem Kurzhaarschnitt, ist seit 15 Jahren an Christine Steils Seite. Die traumhafte Aussicht mit Blick auf den Ort Flintsbach und die Berge, die man im Sommer von der Terrasse hat, können die zwei Betreiberinnen und das zwölfköpfige Team nur selten genießen. Steil ist im Service mit dem Bedienen beschäftigt, und Huber hat in der Küche alle Hände voll zu tun. „Am Wochenende kommen die Münchner“, berichtet sie, „aber auch viele einheimische Familien.“ Unter der Woche hat sie überwiegend ältere Gäste, aber auch immer mehr junge Leute packt die Wanderlust. Die Wirtinnen sind fünf Tage in der Woche auf der Hütte – Montag und Dienstag ist Ruhetag – und übernachten dann auch dort, denn ihr Tag beginnt um fünf Uhr morgens.

Von 12 bis 14 Uhr ist Stresszeit

Als Erstes bereitet Christine Steil das Frühstück für die Übernachtungsgäste vor. Viel Zeit für das eigene bleibt den Frauen nicht, Martina Huber muss die komplett selbstgemachten Speisen und Christine Steil die Tische für die Mittagsgäste vorbereiten. Um 10 Uhr kommen bereits die ersten hungrigen und durstigen Gäste auf den Südhang des Breitenbergs. Ist die Landschaft von einer dichten Schneedecke bedeckt, freuen sich die wenigen Wanderer umso mehr auf die kachelofenbeheizte Hütte. Huber bekocht ihre Gäste mit klassisch bayerischem Essen, aber auch vegetarisch und sogar vegan – vom deftigen Wurstsalat bis zum fleischfreien Grünkernchili. Dabei meint die gelernte Industriemechanikerin humorvoll, dass der netteste Gast der Veganer sei, denn dieser ist überglücklich, wenn er hüttenuntypisches, veganes Essen bekommt. „Das ist etwas, was uns von den anderen Hütten unterscheidet“, betonen die beiden. Die Zeit von 12 bis 14 Uhr nennt Steil „Stresszeit“.

Bei viel Schnee streikt das Quad

„98 Prozent der Gäste sind nett und lieb, aber es gibt ja immer Ausnahmen.“ So hatten sie schon Übernachtungsgäste, denen die, wie angekündigt, ganz einfache Hüttenausstattung mit Schlaflager und ausschließlich kaltem Wasser nicht gefiel. Dabei mussten die Frauen schon die eine oder andere Beleidigung einstecken. Ab und zu hat Christine Steil ihren Ausstieg bereut, es gebe einfach solche Phasen, in denen man sich denke: „Warum hast du das gemacht?“ Doch wenn das Geschäft gut läuft und die Leute glücklich sind, geht das wieder vorbei. Damit das so ist, müssen die Lebensmittel und Getränke erst einmal auf den Berg gebracht werden. Diese Hürde bewältigen sie entweder mit dem Lada oder dem Quad inklusive Anhänger. Die technisch begabte Martina Huber ist für die anfallenden Arbeiten rund um die Geräte und sämtliche Hausmeisterarbeiten zuständig. „In einem Winter mit viel Schnee streikte das Quad, und wir hatten kein Fahrzeug mehr, um den Weg hochzufahren. Wir waren auf die Hilfe eines Bauern und seinen Traktor angewiesen. Kurzerhand haben wir die Ware in eine Zinkbadewanne umgeladen, die er auf dem Gefährt dabei hatte, und konnten problemlos die Hütte erreichen“, berichtet Steil.

Tage mit vier Gästen

Mit solchen Hürden hat sie nicht gerechnet, aber dieses Geschäft ist auch allgemein schwer kalkulierbar. Es gibt Tage, an denen die Hütte voll besetzt ist und jeder Mitarbeiter allerhand zu tun hat, aber auch welche, an denen nur vier Personen den Tag über verteilt kommen. Dieser Beruf ist eben abwechslungsreich – in jeder Hinsicht. Die Natur und „dass es stad is“ genießen die beiden besonders. Die ständige Geselligkeit mit den Leuten ist ebenfalls ein schöner Aspekt der Hüttenbewirtschaftung, jedoch muss man auch durchgehend verfügbar sein, was auf die Dauer anstrengend werden kann. Deshalb sind ihre Freizeitaktivitäten banal. Steil strickt, und Huber ist mit einem ruhigen Fernsehabend zufrieden. „Mal wieder auf den Flohmarkt gehen“ empfinden sie als eine schöne Abwechslung zum Alltag. Doch wirklich planen können die beiden ihre Freizeit nicht, denn sie müssen ständig damit rechnen, dass ein Mitarbeiter ausfällt, für den man einspringen soll. In ihren alten Bürojob würde Steil nicht mehr zurückwollen. Wie lange sie auf der Hütte bleiben wird, weiß sie nicht. „Vorerst scho“, aber körperlich werde die Arbeit als Wirtin nicht immer möglich sein. Martina Huber kann sich alles für ihre Zukunft vorstellen. Als Angestellte bei einer anderen Hütte arbeiten, „so ganz ohne Sorge und Verantwortung“, bis zur Kasse bei einem Discounter wäre alles eine mögliche Alternative.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenRosenheim