Westsahara-Flüchtlingslager

„Viele haben ihre Familien nie wiedergesehen“

Von Jone del Río Aguirre, Deutsche Schule Bilbao
Aktualisiert am 04.11.2020
 - 14:23
Ein baskischer Lehrer reist mit Schülern in Flüchtlingslager der Westsahara, um zu helfen. Er findet, obwohl diese Menschen nichts haben, zeigen sie uns alles.

Die Erfahrungen, die wir in den Flüchtlingslagern gemacht haben, lassen mich die Welt mit anderen Augen sehen“, sagt Josu Etxaburu aus der baskischen Hafenstadt Ondarroa. Seit 21 Jahren unterrichtet er am Öffentlichen Institut Elorrio im gleichnamigen baskischen Städtchen Baskische Literatur und Technologie. 16 Jahre lang war er der Direktor der Schule. „Ich möchte meinen Schülern auch eine andere Weltperspektive anbieten, weshalb ich mich für Projekte wie Sahara Libre eingesetzt habe.“ Das ist zehn Jahre her. Zuvor wurde Etxaburu von seinen Freunden motiviert, nach Algerien zu fahren. „Schon ab meiner ersten Reise in die Flüchtlingslager nach Algerien wusste ich, dass dieses Erlebnis auch von meinen Schülern geteilt werden sollte“, sagt er begeistert. Er sprach mit der baskischen Saharaui-Behörde und der Frente Polisario, einer militärischen und politischen Organisation in Westsahara, die für die Unabhängigkeit Westsaharas kämpft. „Wir haben nur positive Rückmeldungen bekommen, unser Projekt konnte jetzt erst richtig beginnen.“

Gefoltert und ins Gefängnis gesteckt

Als Marokko nach dem Abzug der Spanier 1975 Westsahara besetzte, flohen rund 200 000 Saharauis nach Algerien, wo sich in der Provinz Tindouf auch das provisorische Hauptquartier der Exilregierung befindet. „Es ist unvorstellbar, von deinem Zuhause zu fliehen und alles zurückzulassen. Deshalb wollen wir ihr Leben in den Flüchtlingslagern ein wenig verbessern, denn sie hängen von humanitären Hilfen ab.“ Seit 43 Jahren warten die Saharauis auf ein Referendum, um ihr Land zurückzubekommen. „Viele Familien wurden bei den Kriegen damals getrennt und haben sich nie wiedergesehen. Das Einzige, was sie wollen, ist in ihre Heimat, in ihre Häuser zurückzukehren, ihre Familien wiederzusehen und die miserablen Bedingungen in den Flüchtlingslagern zurückzulassen.“ Dieses Referendum hat aber nie stattgefunden. Josu Etxaburu und seine Schüler haben ein Heft erstellt, in dem Geschichten von Saharauis dargestellt werden. Der Lehrer zeigt auf eine Frau darin. „Amainatu Haidar ist beispielsweise eine Aktivistin aus Westsahara, die sich für die Menschenrechte einsetzt. In Marokko wurde sie gefoltert und mehrmals in das Gefängnis gesteckt.“

Westsahara war eine ehemalige spanische Kolonie

„Zusammen mit dem Rathaus aus Elorrio, von dem wir ökonomisch unterstützt werden, mit der Ikastola Txintxirri und der Hilfsorganisation Lawjad, die seit Jahren den Flüchtlingslagern in Algerien hilft, haben wir es ermöglicht, dieses Projekt durchzuführen“, erklärt der Lehrer stolz. Jährlich besuchen ungefähr 30 Schüler und Schülerinnen des Instituts und der Ikastola Txintxirri aus Elorrio die Flüchtlingslager, wo sie in Familien untergebracht werden. Ein Flugzeug wird gemietet und holt die Schüler am Flughafen Bilbaos in Loiu ab und landet einige Stunden später auf dem Militärflughafen in Tindouf. Die Reisen werden immer von der Frente Polisario bestimmt, die die Flüchtlingslager verwaltet. „Vor einigen Jahren hatten wir eine Versammlung in Bilbao, zusammen mit den Mitgliedern der baskischen Saharaui-Behörde und der Frente Polisario. Sie entschieden, uns in die Flüchtlingslager nach Amgala zu schicken, da dort viel mehr Hilfe benötigt wird“, erklärt der Lehrer. Die Provinz Algeriens, in der sich die Flüchtlingslager befinden, heißt Tindouf. In dieser kleinen Provinz befinden sich mehrere Lager wie Ausred, Smara, Dakhla und Amgala. Die Flüchtlingslager wurden nach alten Städten benannt. Es werden drei Schüler oder Schülerinnen jeweils zusammen mit einem Betreuer in einem Haus aufgenommen. Mit den Saharauis zu kommunizieren ist für die Basken kein Problem. „Man darf nicht vergessen, dass Westsahara eine ehemalige spanische Kolonie war, weshalb viele einigermaßen Spanisch sprechen, und sonst müssen wir ein wenig erahnen, was sie sagen.“

Mit den besten Absichten, aber den schlechtesten Ansätzen

Allerdings hätten sie beim ersten Besuch „komplett danebengeschossen“, erzählt der 58-jährige Baske. „Wir sind mit den besten Absichten, aber mit den schlechtesten Ansätzen hingeflogen. Was sie nicht brauchen, ist, dass du den heiligen König spielst und ihnen Spielzeug oder Klamotten schenkst.“ Krankenhäuser gibt es kaum, und selbst diese haben kaum medizinische Versorgung. Gemüsegarten oder Lebensmittelmärkte gibt es wenige. Aufgrund des Wassermangels ist das Duschen in den Lagern von Amgala kaum möglich. Die Familien leben in Zelten, die sie Jaimas nennen. Die Saharauis sind ursprünglich Nomaden. „In den Flüchtlingslagern sind die Jaimas ihr Schlafort. Sowohl die Küche als auch die Toiletten befinden sich außerhalb der Jaima. Zudem gibt es eine große Gemeinschafts-Jaima, in der die Saharauis gemeinsam Tee trinken und reden.“

In diesen zehn Jahren brachten die Schüler des Instituts und der Ikastola Txintxirri immer neue Projekte ein, die mit der Zeit realisiert wurden. „Das erste Projekt, das wir verwirklicht haben, war ein Fußballplatz für die Kinder der Flüchtlingslager. Seit 43 Jahren sind die Flüchtlinge in den Lagern. Die Kinder wurden dort geboren ohne Zukunft, weshalb wir ihnen mit einem Fußballplatz ein Lächeln in ihre Gesichter zaubern konnten.“ Für einige Familien haben sie Gemüsegärten angelegt. Ein Drucker sowie Schulmaterial wurde gekauft, um besser unterrichten zu können. „Es gibt drei Schulen in den Flüchtlingslagern, Kindergarten, Grundschule und eine Schule, die bis zur 10. Klasse geht. Nur diejenigen, die es sich leisten können, haben die Chance, in Algerien eine Schule zu besuchen.“

Informieren, damit man endlich reagiert

Die für Januar geplante Reise konnte aufgrund eines angeblichen Attentats auf Spanier in den Flüchtlingslagern nicht stattfinden. „Meine Schüler waren sehr traurig, doch sie haben sich nicht unterkriegen lassen und die Traurigkeit in Kreativität umgewandelt.“ Die Jugendlichen der beiden Schulen in Elorrio luden Videos auf Instagram und Youtube hoch, um die schlechten Bedingungen in den Flüchtlingslagern deutlich zu machen und Menschen zu motivieren zu spenden.

„Meine Freunde und deren Familien aus Sahara bitten ständig, dass, wenn wir nach Hause zurückkehren, wir alle über die miserablen Zustände informieren, damit man endlich reagiert.“ In Elorrio sieht man viele Menschen mit Pullis, auf denen „Sahara Libre“ und Lawjad steht. „Ich habe mein Versprechen eingehalten. Meine Schüler und Schülerinnen haben diese Pullis kreieren lassen, die wir verkaufen, damit die Armut in den Flüchtlingslagern nicht vergessen wird. Ich gehe zurück und denke, ich habe viel für sie getan, aber in Wirklichkeit haben sie mir viel mehr gegeben als ich ihnen. Man fragt mich, wie ich behaupten kann, dass man mehr von ihnen bekommt, wenn sie eigentlich nichts haben“, sagt er gerührt. „Das Lächeln eines Kindes, einer Mutter, eines Vaters oder einer Großmutter und dazu ihre Bescheidenheit ist das, was sie uns anbieten. Sie lehren uns Werte und Prinzipien, die man nirgends lernt. Obwohl sie nichts haben, zeigen sie uns alles.“

Quelle: F.A.Z.
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