Psychoonkologe

Es hat ihn frei gemacht zum Leben

Von Beryl Benenati, Kantonsschule Trogen
Aktualisiert am 04.11.2020
 - 17:21
Der Schweizer Bruno Wiederkehr über seinen Weg vom Mechaniker und Seiltänzer bis zum Psychoonkologen, der der Körperarbeit vertraut.

Guet, i bi Psychotherapeut, i mach vielfältigi Arbet, Lüüt hend jo vielfältigi Problem“, sagt Bruno Wiederkehr auf die Frage, welchen Beruf er gerade ausübe. Der Mann in Sweatshirt und Jeans sitzt in einem roten Ledersessel in der Hotellobby des Naturhotels Chesa Valisa im Kleinwalsertal, den Rücken zur Glasfront nach außen gewandt. Es hat soeben aufgehört zu schneien. Vor ihm ein runder Holztisch, darauf eine weiße, zur Hälfe abgebrannte Kerze in einer Tonschale. Der 67-Jährige, der selbst mit 40 Jahren an Leukämie erkrankt ist, hat sich in den vergangenen Jahren der psychologischen Betreuung von Krebspatienten, der Psychoonkologie, gewidmet. Dabei verfolgt er den Ansatz der Körpertherapie. Aufgrund seiner eigenen Erkrankung kann er sich gut in das Empfinden der Patienten hineinversetzen. Zu ihm kommen Klienten, die nicht nur den Krebs „wegmachen“ wollen, sie müssen sich mit ihrer Krankheit intensiv auseinandersetzen. „De Chrebs isch jo e chräftigi Chranked, wo vo üs au e chräftigi Antwort brucht, liechti Antworte gits döt nöd.“

Schwarzes oder Schweres in der Brust

Körpertherapie bedeutet, dass während eines Gesprächs vor allem ein Augenmerk auf das Befinden des Körpers gelegt werden muss. Ursprünglich psychische Probleme sind auch am Körper sichtbar – zumindest für den Therapeuten. Diese können in Form von Verspannungen, Schmerzen an diversen Stellen des Körpers auftreten. Durch Gespräche können Lokalität, Empfinden, Farbe und Bewegung der körperlichen Auswirkungen des Problems ermittelt werden. Ein Patient kann eine depressive Verstimmung beispielsweise als etwas Schwarzes oder etwas Schweres in der Brust wahrnehmen. Andere beschreiben ihre Probleme mit dem Bild von „Schlamm, Moos“. Dieser Prozess der Wahrnehmung der Probleme kann auf einen Lösungsweg deuten, der sich auf körperlicher Ebene wie auf die Seele auswirken kann. „Mir sind ebe nöd nur ’Blablabla-Mensche‘, wo über e sogenannti Vernunft redet und denkt, sondern mir sind au Körper und Seel.“

Umgehen mit einem Schicksalsschlag

Sein Beruf sei deshalb so wichtig, da viele Menschen Probleme haben, mit einem Schicksalsschlag wie einer Krebsdiagnose umzugehen. „Und das merked mir jo, wie mir nöd klar chömmed. Und de Organismus wöt jo wieder klar werde“, sagt Wiederkehr. Motivationsverlust bei der Arbeit oder geistige Leere könnten zu Verunsicherung führen. Für uns sei diese Unklarheit ein Störungsbild, mit dem wir uns nicht einfach zufriedengeben wollten, erklärt Wiederkehr. Ganz wichtig sei es deshalb, dass diese Unklarheit nicht in einer Diagnose abgehandelt, sondern professionell betreut und behandelt wird.

Nachdem Wiederkehr selbst seine Diagnose erhalten hatte, wurden ihm nicht mehr viel Chancen auf Leben zugeschrieben. Heute lebt er den Umständen entsprechend jedoch gesund und unbeschwert weiter. Ein Kollege Wiederkehrs, der jahrzehntelang in einem Spital als Psychoonkologe tätig war, sagte rückblickend: „Wenn ich in dem Menschen, der zu mir kommt – egal in welchem Stadium, egal mit welcher Diagnose – wenn ich das Lied finde, welches er vom Morgen bis zum Abend gerne singt, dann habe ich in jedem Fall 50 Prozent Heilungschancen.“ Und das unterschreibt auch Bruno Wiederkehr.

Viele Kunststücke beherrschte er auf Anhieb

Mit der Frage konfrontiert, wie der schmalgewachsene gebürtige St. Galler zu seinem jetzigen Beruf kam, lächelt er fast schelmisch. Angefangen hatte er als Maschinenmechaniker – ein Beruf, mit dem er sich aber nie ganz identifizieren konnte. Durch einen älteren Lehrling kam er mit der Jugendarbeit in Kontakt. Nach seiner Lehre wurde ihm bewusst, dass er als Maschinenmechaniker nicht weiterfahren wollte. Er entschied sich, Lehrer zu werden. Durch den Mangel an Lehrkräften konnte er eine zweijährige Umschulung absolvieren. Zu dieser Zeit kam er durch einen Turnlehrer mit Akrobatik und Tanz in Kontakt. Dieser wurde rasch auf sein Talent aufmerksam, da Wiederkehr viele Kunststücke bereits auf Anhieb beherrschte. Er begann dadurch mit diversen Tanzarten, stellte aber fest, dass sein besonderes Interesse dem akrobatischen Tanz galt. Durch den auf Anhieb geglückten Versuch, ein Seil zu überqueren, zwar noch sehr wackelig, aber eben geglückt, beschloss er, sich in diesem Bereich weiterzuentwickeln – neben seiner hauptberuflichen Tätigkeit als Lehrer. Seinen Aufschwung als Zirkusartist erlebte er schließlich beim Zirkus Roncalli als Seiltänzer und Trapezakrobat.

Nach einer Saison vor bejubelndem Publikum empfand Bruno Wiederkehr den ganzen Trubel und das Gespielte einer Show als sinnlos und verlor seine Motivation. Die Kunst, die er verkörperte, wurde vom Publikum lediglich von außen betrachtet. Der Kontakt mit dem Körper war ihm aber stets ein großes Anliegen. Er orientierte sich neu und wurde Körpertherapeut, bald auch im Bereich der Psychiatrie, daraus wurde später dann der „körperorientierte Psychotherapeut“.

Der Sterbeweg war für ihn eine Art Lebensweg

Zusammen mit zwei anderen Psychotherapeuten praktiziert er heute in einer Gemeinschaftspraxis in St. Gallen. Wiederkehr atmet tief durch, nach einer Pause setzt er neu an und betont: „Ich bin immer wieder und vo Neuem mim Herz gfolget ... und denn isch die Chrankheit cho – Halleluja.“ Und trotz allen Schreckens und der Nebenwirkungen sieht er die Krankheit im Nachhinein als Geschenk. Für ihn war der sogenannte Sterbeweg eine Art Lebensweg: „Es het mi wie frei gmacht zum sterbe, aber es het mi au frei gmacht zum lebe.“ Die Einschränkungen, die der Krebs mit sich bringt, haben für Bruno Wiederkehr klare Vorteile. Seine Grenzen zu bemerken und diese zu akzeptieren bringt den zuvor so fieberhaft gesuchten Frieden und lässt vielleicht das Lied wieder erklingen.

Quelle: F.A.Z.
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