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Kanin-Hop

Nur der Rammler ist nicht interessiert

Von Lea Sager, Kantonsschule Trogen
 - 18:27

Es ist ungewohnt still in der Werkhalle der „Zurbuchen Spenglerei & Bedachungen“ in Wangen in der Zentralschweiz. Für einen Tag im Jahr wird die Werkstatt zu einem Turniergelände umfunktioniert. Inmitten des Raumes liegt die 40 Meter lange Teppichbahn, auf der in regelmäßigen Abständen zwölf bunt bemalte Hindernisse aus Holz aufgestellt sind. Gleich davor, mit gutem Überblick über den Hindernislauf, befindet sich der Schiedsrichtertisch. Hinter dem MacBook sitzt Regula Wermuth, Präsidentin des Kaninchensportvereins „Kanin Hop Schweiz“ und mit ihrer Tochter Katharina auch Organisatorin des Zurbuchen-Cups, des Turniers, das jedes Jahr ein- bis zweimal stattfindet. Ihre Brille, die sie wie einen Haarreif trägt, hält ihre kurzen silbergrauen Strähnen davon ab, ins Gesicht zu fallen. Sie trägt eine schwarze Trainerjacke, bestickt mit dem blauen Klublogo, das ein Kaninchen über vier rote Stangen sowie das Schweizerkreuz springend zeigt. Die Idee des Kanin-Hops kam vor ungefähr 35 Jahren in Schweden auf. Die Kaninchen wurden nach den Regeln – wie sie aus dem Springreiten bekannt waren – trainiert, über kleine Hindernisse zu springen. Seither wurde die Sportart immer beliebter, seit 2012 hat die Schweiz einen bisher landesweit einzigen Verein, der 52 Mitglieder zählt, wovon etwa 30, hauptsächlich Mädchen und Frauen, aktiv an Turnieren teilnehmen. „Es braucht viel Geduld und vor allem Verständnis, wenn man einem Kaninchen das Springen über Hindernisse beibringen will“, sagt die Präsidentin, die ihre Wohnung mit einem langohrigen Mitbewohner namens Jim Knopf teilt.

Entspannt schnüffelt der Zwergwidder am Teppich

Die Mitglieder trainieren ihre Kaninchen individuell ein- bis zweimal in der Woche bei sich zu Hause, auch Ruhephasen sind wichtig, damit die Tiere nicht überfordert werden. Während die anderen Teilnehmerinnen ihre Springkaninchen warmlaufen lassen und ihnen letzte Tipps zuflüstern, sind der braun-weiß gefleckte „Ananas“ und seine Trainerin schon startbereit. Entspannt schnüffelt der Zwergwidder am Teppich, während die 11-jährige Lara auf das Startsignal wartet. Doch die Interessen des Rammlers liegen gerade woanders. Er stößt die Stangen mit der Schnauze herunter und legt sich schließlich auf die Seite. Behutsam wird er von Lara zurück in seine Transportbox gebracht. „Wenn ein Kaninchen nicht will, dann darf es auch nicht gezwungen werden. Uns ist wichtig, dass das Tier im Zentrum steht und nicht dessen Halter“, erklärt Regula Wermuth. Die Hopper, so nennen sich die Trainer, kennen ihre Tiere und merken schnell, ob sie Lust haben oder nicht.

„Grundsätzlich eignen sich alle Kaninchenrassen für das Kanin-Hop. Der Charakter des Tieres ist entscheidend. Mit vorwitzigen Kaninchen lässt es sich besonders gut arbeiten“, erklärt die zweifache Mutter mit dem Blick auf den sieben Kilo schweren „Belgischen Riesen“ Cäsar, der gerade die ersten Hindernisse gemeistert hat. Es werden zwei Vorläufe gesprungen, in denen die 23 Teilnehmerinnen während der Zeit von eineinhalb Minuten versuchen, möglichst schnell so wenige Stangen wie möglich zu reißen. Für jedes beschädigte Hindernis wird ein Fehler gezählt. Mit vier oder weniger Fehlern kommt man ins Finale. Die 16-jährige Evelyn ist seit vier Jahren im Verein und tritt regelmäßig bei Turnieren an. Auf dem Arm trägt sie ihr zweijähriges Holländerkaninchen „Neo“ mit der Startnummer neun. Es trägt ein leichtes Geschirr aus Nylon, an dem eine mindestens zwei Meter lange Leine befestigt ist, so ist es im Reglement festgelegt. Die Leine und das Geschirr sollen das Tier nicht einschränken, sondern als Notbremse dienen, falls das Kaninchen erschrickt und davonrennt.

Keine Probleme mit dem Tierschutz

„Ich war zuerst skeptisch gegenüber Kanin-Hop. Dass Kaninchen an Leinen angebunden waren, war für mich ein ungewohntes Bild“, erklärt Ueli Haag, der seit 30 Jahren Kaninchen züchtet und an einer Kaninchenausstellung auf Kanin-Hop getroffen ist. Inzwischen vertritt der 72-jährige zweifache Großvater mit dem weißen Bart eine klare Haltung: „Kanin-Hop ist eine gute Sache, solange das Wohlergehen der Tiere im Mittelpunkt steht und nicht der menschliche Ehrgeiz.“ Deshalb befindet es Ueli Haag auch für gut, dass der Tierschutz einen Blick auf den Verein wirft, genauso wie er auch die Kaninchenzucht kontrolliert. „Probleme mit dem Tierschutz gab es bisher noch nie“, sagt die Kanin-Hop-Präsidentin, die selbst Kaninchen züchtet, „ganz im Gegenteil.“ Unter ihrer Leitung ist dem Sportverein der Kontakt mit ausländischen Kanin-Hop-Vereinen und dem Tierschutz wichtig. Durch die Zusammenarbeit ist das schweizerische Reglement schon viele Male ergänzt worden. „Der Kontakt mit dem Tierschutz ist eine Chance, sich zu verbessern und weiterzuentwickeln“, beteuert Regula Wermuth. „Kanin Hop Schweiz“ hat es sich wie die meisten Kaninchensportvereine zur Aufgabe gemacht, Schiedsrichter auszubilden, die den „Hoppern“ auf die Pfoten schauen. Um Schiedsrichter zu werden, muss ein Kurs besucht werden, der eine Prüfung über das Reglement, die artgerechte Haltung und den Umgang mit Kaninchen beinhaltet.

Tatsächlich sind sie sehr lernfähig

„Ich hätte mich wohl nie richtig mit Kanin-Hop beschäftigt, wenn meine Großnichte nicht Mitglied geworden wäre. Jetzt, da ich weiß, wie die Tiere trainiert werden und dass sie tatsächlich sehr lernfähig sind, hat sich mein Blickwinkel geändert“, erklärt Ueli Haag und schmunzelt, wenn er daran denkt, dass die Springkaninchen viel verwöhnter seien als Zuchtkaninchen. „Meine Kaninchen hätten bestimmt Freude, aber mir würde vermutlich die Geduld fehlen.“

Als Gewinner des Turniers räumt das Kaninchen mit dem Namen „Dalmo“ die Bahn. Er hat den Hindernislauf in 14,70 Sekunden durchsprungen und keinen Fehler gemacht. Als Sieger bekommt er die meisten Punkte in sein Startbuch. Für die kommenden Jahre will sich die Schweiz zur Verfügung stellen, die Europameisterschaft durchzuführen, wo sich die Kaninchen zusätzlich in den drei weiteren Wettkampfformen Hoch-, Weitsprung und Parcours messen können. Die letzte EM fand in Dänemark statt. In der Kategorie Weitsprung übersprang ein tschechisches Kaninchen mehr als 2,30 Meter. Im Hochsprung lautete der Topwert 0,90 Meter. Wer will da noch sagen, Kaninchen könnten nicht fliegen?

Quelle: F.A.Z.
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