Kinderbuchautorin Kirsten Boie

Bücher lesen, Glück erkennen

Von Iva Gerich, Julian Burmeister, Gymnasium Kenzingen
Aktualisiert am 24.09.2020
 - 14:40
Kinderbuchautorin Kirsten Boie über Lesen in diesen Zeiten, ihre Alltagsflucht mit Pippi Langstrumpf und verwaiste Kinder in Swasiland

Man darf nie aufhören, Kindern Hoffnung zu vermitteln“, erklärt die Kinderbuchautorin Kirsten Boie, weshalb sie unmittelbar nach dem Lockdown in Zusammenarbeit mit anderen Kinderbuchautoren, dem SWR und dem NDR Online-Live-Lesungen organisierte. Eine weitere Intention bestand darin, Kindern, die in Zeiten der Corona-Krise zum Wohle anderer Einschränkungen erleiden müssen, zu vermitteln, dass auch dieses Problem lösbar ist. Mit ihrem jüngsten Projekt, mit dem Boie Kinder und Jugendliche in ihrer Lesefähigkeit fördert, wollte sie Kindern beistehen, die allein und von zu Hause aus lernen mussten, und gleichzeitig dem weiteren Auseinanderdriften der Bildungsunterschiede durch den Corona-Lockdown entgegenwirken.

Denn Fakt sei: Kinder, die ohne äußere Motivation nicht selbständig lernen wollen oder gar können und kaum lesen, seien in diesen Homeschooling-Zeiten zurückgefallen. Die Kinder dagegen, die selbständig lernen können sowie gut und gerne lesen, hätten weitere und auch schnellere Fortschritte gemacht. „Lange bevor mir klar wurde, wie elementar wichtig Lesen ist, war Lesen für mich vor allem ein Trostspender“, blickt Boie zurück. Ein prägender Schlüsselmoment war, als ihr Vater ihr Pippi Langstrumpf vorlas, während sie krank das Bett hüten musste. Die starke und witzige Pippi half Boie nicht nur dabei, Momente der Schwäche zu überwinden, sondern auch aus dem Alltag der tristen, grauen fünfziger Jahre zu entfliehen. Die Bücher von Astrid Lindgren waren so prägend für sie, dass sie am Tag vor ihrer mündlichen Abiturprüfung zu einem Lindgren-Buch griff, dessen Lektüre sie beruhigte und ihr die Aufregung nahm.

Anfangs machte sie das wütend

„Kinder werden beim Lesen Teil der Geschichte und finden Trost und Stärkung, indem die Erfahrungen und Gefühle der Protagonisten zu denen der Kinder werden. Diese positiven Gefühle behalten sie über die Dauer des Lesens hinaus und blühen so auch langfristig auf“, erklärt die 70-Jährige. Zwar wollte sie schon als Kind Autorin werden und schrieb früh erste Geschichten. Die Weiche zur Kinderbuchautorin stellte ihr aber ausgerechnet das Jugendamt, da es ihr mit der Adoption ihres ersten Kindes verbot, den geliebten Lehrerinnenberuf weiter auszuüben. Anfangs machte sie es wütend, dass in Hamburg Adoptivmütter zu jener Zeit nicht arbeiten durften, aus heutiger Sicht betrachtet sie es jedoch als Glücksfall, dass so ihr erstes Kinderbuch „Paule ist ein Glücksgriff“ entstand. „Glück zu erkennen“ ist etwas, was Boie Kindern mit ihren Büchern unbedingt ermöglichen will. In ihrer erfolgreichsten Buchreihe, der Möwenweg-Reihe, gelingt ihr das besonders. Das normale, alltägliche Leben der Möwenweg-Kinder stellt sie in seiner Idylle dar und erzählt so, dass Kinder das Schöne daran und das mögliche Glück in zum Teil auch scheinbar langweiligen Dingen wahrnehmen.

So entwickeln sie mehr Selbstbewusstsein

Bei Lesungen in Schulen sind ihr die Kinder wichtiger als ihre Texte. Deshalb achtet sie immer auf die Reaktionen, Gefühle und Fragen der Kinder und lässt sie die Gespräche steuern. In dieser Art von Lesung soll Kindern klarwerden, dass Lesen bereichernd und schön ist. Viele Kinder aber, die sich selbst „zu doof zum Lesen“ finden oder schon nach fünf Minuten nicht mehr konzentriert folgen können, sind dem Lesen gegenüber ablehnend eingestellt. Durch ein positives Vorleseerlebnis jedoch entwickelten diese Kinder mehr Selbstbewusstsein und fänden Spaß am Lesen. „Alle Kinder sollen sich angesprochen fühlen, nicht nur diejenigen, die gerne lesen“, erklärt die Autorin, die 2007 den Jugendliteraturpreis für ihr Gesamtwerk erhielt.Sie spendete das Preisgeld an ein Projekt in Swasiland, das sich Aids-Waisen widmet. Boie reiste nach Swasiland. Vor Ort war sie erschüttert: Die Kinder hatten dort aufgrund nicht vorhandener Waisenhäuser weder Zugang zu ausreichend Nahrung und Wasser noch zu annehmbarer Kleidung. Als die Organisation, für die sie gespendet hatte, die Arbeit einstellte, gründete Boie zusammen mit ihrem Mann die Möwenweg-Stiftung und kümmerte sich direkt um jene Waisen. Trotz der harten Lebensumstände würden die Kinder häufig Glücksmomente erfahren und schöpften Freude aus schlichten Dingen, wie etwa mit Steinen und Stöcken zu spielen oder sich gegenseitig zu necken. Leseförderung spielte aufgrund des existentiellen Leids in Swasiland für Kirsten Boie anfangs keine Rolle.

Durch den Lockdown brechen Strukturen zusammen

Später jedoch ist ihr klargeworden, dass Bücher gerade solchen Kindern helfen können. „Waisen brauchen Welten, in die sie eintauchen können, um ihrem Alltag zu entfliehen und Trost und vor allem Hoffnung zu erfahren.“ So brachte Boie die Veröffentlichung des ersten Kinderbuches in der Landessprache voran und verteilte weitere englischsprachige Bücher. Kinderliteratur, wie sie seit 200 Jahren in Europa besteht, ist in Swasiland und in vielen anderen afrikanischen Ländern nicht weit verbreitet, zumal viele dort der Ansicht sind, dass Lesen bilden und nicht unterhalten oder trösten soll. Kirsten Boies Wunsch, die verwaisten Kinder zu stärken, wird aktuell durch die Covid-19-Pandemie stark bedroht. Viele neue Hindernisse stellen sich dem Projekt in dem afrikanischen Staat in den Weg. Wegen des Lockdowns brechen Strukturen zusammen: In den Einrichtungen kann die Kinderbetreuung nicht mehr so stattfinden wie zuvor, die Waisenkinder dürfen nun nur noch zur Mahlzeit kommen. Schulschließungen haben zur Folge, dass nun auch weitere Schulkinder zum Essen hinzustoßen. Die Nahrungsmittel gehen deshalb schneller aus als gewöhnlich. Boie warnt: „In Afrika werden mehr Menschen an Hunger sterben als an Corona.“

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot