Kino in Dorfen

Das Kino in Dorfen lassen

Von Henriette Voigt, Droste-Hülshoff-Gymnasium, Berlin
22.05.2022
, 20:28
Filme aus Asien, regionale Komödien, Blockbuster und Vormittage für Mütter und Schichtarbeiter. Das kleine Kino in Oberbayern ist auf Zack
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Es ist stockdunkel. Keine Geräusche sind zu hören, man ist komplett abgeschottet von der Außenwelt. Wenn die Leinwand mit ihrer übermächtigen Größe den ganzen Saal erhellt und das Soundsystem von allen Seiten dröhnt, dann ist das für Georg Schmederer Kino. Er ist schon sein ganzes Leben von dieser Institution fasziniert und bereist gerne die unterschiedlichsten Länder, um dort ins Kino zu gehen: „Jedes Land hat seine eigene Kultur, und das spürt man auch in der Art, wie sie Filme machen.“

Als 1997 das einzige Kino in seiner Heimatstadt Dorfen in Oberbayern schließt, flammt in dem heute 66-Jährigen schon bald der Wunsch auf, ein eigenes Kino zu gründen: „Die Menschen brauchen das als Teil ihrer Kultur und um gemeinsam etwas zu erleben.“ Er schmunzelt und erinnert sich an den Moment, in dem er die Idee seiner Frau vorschlug: „Da hat sie gelacht und gesagt: ‚Jaja, mach mal‘, weil ich immer so Schnapsideen hab.“ Als das Kino dann aus finanziellen Gründen nicht zustande kam, war er umso mehr begeistert, als ihm einige Jahre später angeboten wurde, ehrenamtlich die Leitung als Geschäftsführer eines Kinos zu übernehmen. Heute leitet der ehemalige Vertriebsleiter eines japanischen Halbleiterproduzenten das Kino „s’Kino im Jakobmayer“, das die Gemeinde als kommunales Kino eröffnet hat und das seit zehn Jahren besteht. Vor zwei Jahren wurde Georg Schmederer mit dem Kulturpreis der Stadt Dorfen ausgezeichnet.

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Matinee mit Nouvelle-Vague-Stücken

Das Kino schafft es, die Kultur der Stadt zu fördern, obwohl es nur einen Saal mit 50 Plätzen hat. Neben ein paar wenigen Blockbustern und den üblichen Kinderfilmen gibt es einige andere Genres, mit denen der typische Kinobesucher vielleicht nicht so oft in Berührung kommt. Das Matinee-Programm, das jeden Sonntag gezeigt wird, beinhaltet alte Filme aus der Zeit des Neuen Deutschen Films, aber auch französische Nouvelle-Vague-Stücke und Filme aus dem Großraum Asien. Hier sucht Schmederer auch den persönlichen Kontakt, indem er vor der Vorstellung eine zwanzigminütige Einleitung zu dem jeweiligen Film gibt, denn ohne die Hintergründe zu verstehen, vor denen diese Filme gedreht wurden, seien sie eigentlich nicht richtig zu erleben. Der ebenfalls 66 Jahre alte Rainer Schlienz ist ein wichtiger Stammgast und begeistert von diesem Programm: „Wenn ich in so einen besonderen Film gehe, komme ich nachher wieder raus und sage: Das hat sich jetzt richtig gelohnt.“ Der Rentner schätzt das Kino so, dass er oft Filme in großen Kinos auslässt und wartet, bis sie in Dorfen anlaufen.

Es sei wichtig, das Kino für jeden zugänglich zu machen, sagt der Geschäftsführer. Deshalb gibt es von Anfang an vormittags eine Vorstellung für Mütter mit ihren Babys, in der der Ton deutlich leiser ist. Über die Zeit habe sich herausgestellt, dass nicht nur Mütter diese Vorstellungen nutzen, sondern zum Beispiel auch Schichtarbeiter. Die beliebtesten Filme seien aber regionale Kriminalkomödien wie das „Kaiserschmarrndrama“, „Leberkäsjunkie“ oder „Sauerkrautkoma“ – typisch bayrisch eben.

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Breite Samtsessel und modernste Technik

Der Saal ist steil gebaut, sodass man etwas sehen kann, „selbst wenn ein Zwei-Meter-Mann vor einem sitzt“. Es gibt selbstverständlich Rollstuhlplätze und die modernste Technik. Die Qualität der Leinwand und des Tons liegen Schmederer besonders am Herzen, da er sich noch erinnert, wie schlecht diese im alten Dorfener Kino waren. Die Sessel sind breit und in rotem Samt, „wie sich das halt für ein Kino gehört“, lacht er. In der Pandemie sind, gemäß der Abstandsregelung, Teddybären auf den frei zu haltenden Sitzen platziert. Sie haben Masken auf oder unter dem Kinn, je nachdem, wie die Verordnungen lauten. Das Kino ist Teil eines Kulturzentrums, in dem noch eine Gastronomie und ein Veranstaltungssaal mit eingebunden sind, durch den man läuft, um zum Kino zu gelangen. Dadurch beleben sich die „drei Säulen“ des Zentrums gegenseitig. Das Ambiente beschreibt Schmederer stolz als gemütlich und entspannt.

Ein typischer Kinobesucher holt sich oft ein Glas Wein von einem Restaurant am Marktplatz und nimmt es mit in die Vorstellung. Dort erscheint dann Schmederer häufig persönlich und unterhält sich mit den Gästen. Von den eher „erfahrenen Gästen“ werden hier auch oft Filmwünsche und weitere Anregungen geäußert. Er könne immer genau erkennen, wenn Leute zum ersten Mal da seien, wie sie unsicher seien, wo es denn langgehe, und wie süß sie die Teddybären fänden. Danach wird beim Abendessen mit den Freunden analysiert, was an dem Film so spannend war. Gerade das gehört zum Kino für Schmederer dazu, die Gespräche, Emotionen und Diskussionen, die dabei entstehen. Das Kino verbindet sozial.

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Dass er fast jedes Mal auf das Filmtheater angesprochen wird, wenn er oder seine Frau Inge in der Stadt unterwegs sind, zeigt, dass das Kino Gesprächsthema unter den Leuten ist. Außerdem steht Schmederer mit einigen Gästen in regem E-Mail-Kontakt und tauscht sich mit ihnen über Vorschläge aus. Die Gäste kommen auch aus größeren Kreisstädten der Umgebung und manchmal sogar aus München. Er erklärt, dass sie oft den weiten Weg auf sich nehmen, um einen bestimmten Film zu schauen, den es gerade nirgendwo anders gibt, und dann nach dem ersten Besuch so begeistert über die Vielfalt des Programms und die persönliche Stimmung sind, dass sie stets wiederkommen. Altersmäßig sieht es nicht anders aus: Schmederer erlebt mit, wie Dreijährige ihren ersten Film sehen und 90-jährige Mütter, die dachten, sie beträten in ihrem Leben kein Kino mehr, von ihren 60-jährigen Töchtern im Rollstuhl hereingeschoben werden. Viele sind verwundert, dass sich solch ein kleines Kino heutzutage hält in einer Zeit, in der riesige Ketten die Branche überschatten. Doch das kleine Kino scheint mit seiner individuellen Atmosphäre genau das zu sein, was sich einige schon lange herbeisehnen. Viele Menschen sind der Meinung, dass die Corona-Krise das Ende für die Branche bedeutet, doch in Dorfen läuft es seit der Wiedereröffnung im Mai 2021 verhältnismäßig gut. Schmederer denkt nicht, dass das Kino aussterben wird: „Es ist einfach zu emotional und ein komplett anderes kulturelles Erlebnis als zu Hause.“

Quelle: F.A.Z.
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