Kletterseile upcyceln

Seilschaft für die Umwelt

Von Anna Beier, Karolinen-Gymnasium, Rosenheim
17.09.2021
, 12:47
Bettina Junkersdorf schenkt alten Kletterseilen neues Leben und lässt aus ihnen Taschen und Gürtel herstellen. Davon profitieren Mitarbeiter mit Handicap.
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Bettina Junkersdorf sitzt auf einem großen, grünen Sessel in ihrem Arbeitszimmer und lächelt freundlich in die Kamera. Die blonden Haare glänzen im Sonnenlicht. Nach dem Abitur studierte sie in München an der LMU Soziologie, beendete das Studium allerdings nicht. Eine ihrer großen Leidenschaften war es, Musik zu machen. Ein Semester lang studierte die Rosenheimerin Gitarre am L.A. Musicians GIT in Los Angeles und machte Jahre später einen „Master of Guitar“ über ein Fernstudium. „Neben der Band und Auftritten habe ich zusammen mit meinem damaligen Freund ein Tonstudio ausgebaut und betrieben.“ Nebenbei hat die 1,65 Meter große Frau angefangen, Hundezubehör upzucyceln. Auch ihr langjähriges Hobby Klettern gab der umweltbewussten Bayerin die Idee, alte Kletterseile upzucyceln. „Am Anfang war es ein Seil, das ich hatte, und ich habe mir überlegt, was ich damit machen könnte. Ich wollte es natürlich nicht wegwerfen, da daran ja auch Erinnerungen hängen.“ Die 39-Jährige war schon immer jemand, der nicht sofort etwas Neues kauft, sondern bedacht mit Ressourcen umgeht. Also überlegte sie sich, was man aus alten, nicht mehr brauchbaren Kletterseilen basteln könnte. Eine Situation in der Kletterhalle im oberbayerischen Stephanskirchen führte letztendlich zum Startschuss: „Ich war beim Klettern und hatte blöderweise meine Kletterschuhe vergessen, also wurde ich in den Materialraum geführt, um in den Fundsachen nach Schuhen zu suchen, die ich mir ausleihen könnte. Da sah ich dann, wie viel Material zurückbleibt, und dachte mir, vielleicht würde es Sinn machen, diese Seile zu recyceln.“

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Produktion mit der Lebenshilfe in Brandenburg

Ihr kam die Idee, überall in den Kletterhallen Tonnen aufzustellen, damit dort die alten Seile abgegeben werden können. Im Jahr 2020 verwerteten sie und ihr Geschäftspartner, mit Hilfe von Freelancern, einer Marketingagentur und der Produktionsfirma, insgesamt fünf Tonnen Kletterseil wieder. „Ich bin peu à peu kleine Schritte gegangen“, sagt die Initiatorin des Projekts, die mit ihrem Freund in Rosenheim lebt. Vieles kann aus Kletterseilen angefertigt werden. Anfangs hat Bettina Junkersdorf alles allein hergestellt: Gürtel, Taschen, Schmuck, Chalkbags oder Schlüsselanhänger. Die Produkte können auf der Website bestellt oder vor Ort in ausgewählten Bergsportläden und Kletterhallen gekauft werden. Es gibt auch Tischsets, Untersetzer und sogar Liegestühle aus alten Kletterseilen. „Alles ist bunt, um in den routinierten, vielleicht grauen Alltag etwas mehr Fröhlichkeit zu bringen.“ Ihr Wohnzimmer war gleichzeitig ihr Arbeitsplatz. „Da war mein Zuhause überhaupt kein Zuhause mehr. Ich war mit der Zeit überfordert und am Limit meiner Kräfte.“ Mit der Zeit, als das Projekt größer wurde, wurde die Produktion in die Lebenshilfe nach Guben in Brandenburg nahe der polnischen Grenze verlagert. Anfangs sei es schwierig gewesen, eine geeignete Möglichkeit für die Produktion zu finden, da viele potentielle Werkstätten absagten. Die Werkstatt in Guben bot dann die vollständige Produktion an einem Ort an. Die Produkte, die online bestellt werden, werden zurzeit noch im Lager in Rosenheim verpackt und von dort aus versendet. In naher Zukunft soll dieser Schritt nach Guben verlagert werden. Mittlerweile arbeiten dort neun Mitarbeiter mit Handicap. „Es macht total Spaß, mit diesen Menschen zu arbeiten“, berichtet die Powerfrau.

Abwechslung mit einem coolen Produkt

In dieser Werkstatt werden die Seile nach ihrer Ankunft gewaschen und vernäht. Der Ort habe durch das Projekt eine auffallende Verwandlung durchgemacht. Am Anfang seien die Wände grau und sei von Freude an der Arbeit keine Spur gewesen. Jetzt ist der Arbeitsplatz der neun Mitarbeiter zur bunten, fröhlichen Werkstatt geworden. Die Wände sind mit Kletterseilen verziert. Mit Guben ist sie in ständigem Kontakt und besucht den Produktionsort jedes Jahr für eine Woche. „Am Anfang war ich natürlich viel öfter dort, aber mittlerweile läuft dort alles.“ Für ein derartiges Projekt muss man viel Motivation aufbringen, die Bettina Junkersdorf, die damit ihren Unterhalt verdient, auf jeden Fall hat. „Es macht einfach Spaß, etwas mit seinen eigenen Händen zu schaffen und dann auch noch ein so cooles Produkt, für das nicht einmal neue Ressourcen verwendet werden mussten.“ Auf die Frage, was ihr an ihrem Beruf am meisten Freude mache, sagt sie voller Begeisterung: „Abwechslung.“ Abwechslungsreich ist Junkersdorfs Job allemal. „Mal setze ich mich an die Nähmaschine und probiere etwas aus, mal gehe ich raus und mache Bilder für unsere Website.“ Für die Musik bleibt ihr nur noch wenig Zeit. Momentan spielt sie nur noch für Freunde oder für sich Gitarre. Als Unternehmerin hat sie ein Ziel für die Zukunft: „Ich wünsche mir, dass kein Kletterseil mehr weggeworfen wird und dass Leute durch uns angeregt werden, Materialien einzusammeln und wiederzuverwerten. Man kann beim Thema Umwelt nie alles richtig machen, sonst wird man verrückt, aber man kann achtsamer sein, was man kauft und wie man mit seinen Sachen umgeht.“

Quelle: F.A.Z.
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