MainPop BandCamp

„Kein Ponyhof, ein BandCamp“

Von Constanze Faust, Johann-Philipp- von-Schönborn-Gymnasium, Münnerstadt
Aktualisiert am 04.11.2020
 - 16:01
Das „MainPop BandCamp“ ist zum wichtigsten Workshop für Bandnachwuchs in ganz Süddeutschland geworden. Talent hat viel mit dem Umfeld der jungen Künstler zu tun

Das ist der schönste Job der Welt, die Arbeit mit den jungen Musikern ist sehr erfüllend“, sagt der 65-jährige Peter Näder über seine MainPop-Workshops, die er im unterfränkischen Hammelburg an der Musikakademie hält. Jedes Jahr organisiert der ehemalige Popularmusikbeauftragte der Bayerischen Musikakademie Band-Camps und zog bis jetzt mehr als 3000 Jugendliche aus Unterfranken, aber auch aus Hamburg, Berlin und sogar Amerika an. Dozenten wie Pola Roy von „Wir sind Helden“ und Schlagzeuger Benny Greb gaben ihr Wissen an junge, motivierte Musiker weiter. „Es ist kein Ponyhof, so ein BandCamp“, sagt Näder. Die Teilnehmer sind von 9 Uhr fast bis Mitternacht viereinhalb Tage pausenlos mit Lessons, Workshops, Coachings und Vorträgen beschäftigt. Sie müssen zwei neue selbstgeschriebene Songs erstellen und zum Abschlusskonzert vor Publikum performen. So ist das „MainPop BandCamp“ zum wichtigsten und größten Workshop für Bandnachwuchs in ganz Süddeutschland geworden.

Lieblingsprojekt elektronische Musik

In der Pionierzeit der ersten sieben Jahre sind eine Reihe weiterer Ideen in die Tat umgesetzt worden. Näder nennt sein Lieblingsprojekt: den I/O Workshop für elektronische Musik. Anders als die populäre Musik ist diese Gattung keine Adaption aus der angloamerikanischen Kultur, sondern auf europäischem Boden entstanden. Ein Grund mehr, sie zu fördern, wie Näder meint. Indem die Teilnehmer eigene Soundmodule bauen, Klangkollagen kreieren, Beats basteln und Fieldrecordings machen, „wird der Anatomie des Klanges auf den Grund gegangen“. Da sich begeisterte junge Musiker mit den gleichen Interessen treffen, entstehe eine mitreißende Dynamik. Verstärkt durch die Möglichkeiten, die die Musikakademie bietet, und das Zusammenleben Gleichgesinnter unter einem Dach.

In Bayern gibt es zurzeit vier Popularmusikbeauftragte, die haupt- oder ehrenamtlich tätig sind. Es ist eine „Spezialität Bayerns“, erklärt Benjamin Haupt, neuer Popularmusikbeauftragter des Bezirks Unterfranken und in Würzburg beheimatet. In Oberbayern, der Oberpfalz, Mittelfranken und Unterfranken wird diese Position besetzt. Bis zum 1. Mai war Peter Näder für diesen Job in Hammelburg als Beauftragter für Unterfranken zuständig. Anfangs hatte diese Stelle weder einen richtigen Arbeitsplatz noch einen Etat. Für den Bezirk war es damals nicht mehr als ein Versuchsballon, erläutert Näder, der 2001 erste und einzige hauptamtlich beschäftigte Popularmusikbeauftragte in ganz Bayern. „Auf Seiten der Regionalpolitik gab es durchaus Berührungsängste.“

Begabten soll der Weg nicht verbaut werden

Nach den ersten Erfolgen, großem medialen Interesse und Auszeichnungen wie etwa auf der Popkom in Berlin wurde dem Bezirk schnell klar, dass er mit seiner Popularmusikförderung selbst populärer geworden ist. So wurde der Bezirk Unterfranken zum Vorreiter in Sachen Popmusik für ganz Bayern. Der zweite Hauptamtliche wurde erst Jahre später nominiert und sitzt im Bezirk Oberbayern in der Landeshauptstadt. Die Anerkennung für diese Art der Ausbildung wuchs. An der Universität Würzburg gibt es eine Professur für Popularmusik. Näder ist für den Tonkünstlerverband Bayern der Sprecher für die bayerischen Profis in Sachen Populäre Musik. Die Aufgabe eines solchen Beauftragten ist es, die Breite in der Musikszene zu fördern. Von Talentförderung wollen sie dabei nicht reden, so Haupt und Näder, da das nur einen kleinen Bereich der Musikerförderung ausmache. „Talent hat auch viel mit dem Umfeld zu tun“, sagt Haupt. Ob ein Instrument und Akzeptanz zu Hause vorhanden sind, mache einen weit wichtigeren Teil aus. Begabten solle der Weg nicht verbaut werden. „Wir wollen auch nicht die Schüler ins Profilager ziehen und dann verhungern lassen“, meint Näder. „Dennoch hat unser Nachwuchs einen hervorragenden Ruf an den deutschen Pop-Hochschulen. Nach dem Studium haben sich bisher alle ehemaligen MainPoper im Profi-Leben etabliert. Jens Schneider, ein langjähriger Teilnehmer unserer Angebote, hat als Songwriter und Produzent schon mehrere Goldene und sogar schon eine Platin-Schallplatte überreicht bekommen.“ Den Spagat zwischen Verwaltung und Musik zu schaffen fordere Kraft und Nerven. „Wir sind keine Verwaltungsmenschen, und das ist auch gut.“ Man müsse vor allem als Musiker überzeugend sein. „Man muss seine Lederjacke gegen eine Krawatte tauschen können“, sagt Haupt. Das bereite vielen Probleme.

Nach dem Erfolg der Beatles

Durch die Initiative Näders wurde das Projekt Heimat ins Leben gerufen, eine CD wurde produziert. Der Hersteller von High-End-Equipment Bowers & Wilkins aus England setzte die zweite CD-Produktion, die Scheibe Visions & Voices, als Reverenz-CD zur Vorführung ihrer kostspieligen Lautsprecher ein. Näder erhielt mit neun Jahren klassischen Gitarrenunterricht. „Damals wurde eigentlich nur Geige, Klavier und Blockflöte an deutschen Musikschulen unterrichtet. Mit dem Erfolg der Beatles wurde aus einem Akkordeon-Lehrer dann eben notgedrungen ein Gitarrenlehrer.“ Ein solcher brachte Näder das Gitarrenspiel bei. „Durch die Teilnahme an einem Kurs für klassische Gitarre der Hochschule für Musik Stuttgart habe ich dann erfahren, dass ich vier Jahre alles falsch gemacht habe.“ Parallel lief noch ein Meisterkurs, in dem er Romulo Lazarde aus Venezuela kennenlernte. Schließlich wurde er Schüler des klassischen Gitarristen. Näders musikalische Karriere begann jedoch als Rockmusiker. Er war Gitarrist und Sänger der Band „Spy“. Gleich zu Beginn schloss man einen Plattenvertrag mit Ariola. Erfolg hatten sie zunächst nur in amerikanischen GI-Clubs. „Wir sind aus deutschen Sälen herausgeflogen“, lacht er. „Foxtrott war damals angesagt. Die Menschen konnten nicht nach der Musik von Spy tanzen.“ Um ihre Popularität zu steigern, mussten sie auf Drängen ihres Labels ihr Genre auf bayerisch gefärbte Pop-Musik umstellen. Eine Stärke des Schlagzeugers war es, Dialekte zu imitieren, er wurde zum neuen Sänger der fortan „Relax“ heißenden Gruppe. Der Hit „Weil i di mog“ schaffte es nach oben in die Charts und führte zu etlichen Fernsehauftritten und einer Tour durch Österreich, der Schweiz und Deutschland. „Relax war ganz nett. Man wurde da auch schon mal von Lufthansa nur für einen Pressetermin nach Wien chauffiert. Aber mit Rock ’n’ Roll hatte das Ganze nichts mehr zu tun. Viel sinnvoller war für mich damals schon das Unterrichten in Gitarre, Chor und Musikerziehung an der Fachakademie für Sozialpädagogik in Schweinfurt.“

Sieben Bands, aber das Tourleben fehlte

Sein 30 Jahre alter Nachfolger Benjamin Haupt fing im Alter von sechs Jahren mit dem Gitarrenunterricht bei einer älteren Musiklehrerin an. Mit elf bekam er einen jungen Lehrer und wurde über moderne Lieder motiviert. „Seitdem legte ich die Gitarre nicht mehr aus der Hand.“ Obwohl Haupt in sieben Bands spielte, fehlte ihm das große Tourleben. Er war als Gitarrist, Songwriter und Sänger engagiert und hat Musikpädagogik an der Würzburger Universität studiert. Im vergangenen Jahr veröffentlichte Haupt unter Konstantin Weckers Label eine Platte.

Menschliche Begegnungen sind in dieser Industrie von großer Wichtigkeit. Die globale Pandemie erschwere vieles. „Wir befinden uns in einer prekären Situation“, sagt Haupt. Der Musikunterricht entfalle, der CD-Verkauf liege fast still. Auch durch das Fehlen von Auftritten wird der kommerzielle Erfolg der Künstler behindert. Liveclubs, die sich bis jetzt selbst finanziert haben, bekämen keine Förderung. Wichtig sei es, diese zu erhalten, so dass sie nach der Krise noch existierten. Die erste Amtshandlung von Benjamin Haupt als Popularmusikbeauftragter war es, allen Teilnehmern zu berichten, dass das 19. BandCamp dieses Jahr entfallen müsse. Er ist dankbar für digitale Kommunikationsmöglichkeiten, findet jedoch, „dass beieinandersitzen und eine Cola trinken“ um Welten anders und besser sei.

Quelle: F.A.Z.
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