Koprivnica-Mittelalterfestival

Heißes Eisen an der Grenze

Von Hana Tolič, Marija Vugrinec, Lorena Horvat, Gymnasium ,Fran Galovič‘ Koprivnica
Aktualisiert am 09.10.2020
 - 14:06
Eisenschmiede, Leibeigene, Ritter, Hofdamen und kostümierte Wissenschaftler treffen sich auf einem mittelalterlichen Festival im kroatischen Koprivnica.

Es ist Ende August vergangenen Jahres. Koprivnica, die kroatische Kleinstadt an der Grenze zu Ungarn, wird gerade überlaufen. Das mächtige Bollwerk der Altstadt ist vor lauter Menschen kaum zu erkennen. Die Ebene vor der alten Festung, der Wassergraben, die ersten und zweiten Bollwerke, normalerweise nur mit Gras bedeckt, verschwinden fast unter dem Gewimmel. Ritter und Knechte, Bürger, Hofdamen, Landvolk, Heermänner, Bauern, Verkäufer, junge Damen und der König mit seiner Königin flanieren durch die Menge. Nur die Leprakranken dürfen ihre Grube nicht verlassen, doch Nahrung, Getränke und andere Spenden werden in einem Eimer zu ihnen hinuntergelassen. Es ist Festzeit, die Abgeschobenen dürfen mitfeiern.

Falken schreien in der Luft

Das Mittelalter ist zum Leben erweckt worden. Vor der Hauptbühne mit dem Thron tanzen, fechten, turnen Artisten, die seit Jahrhunderten nicht zu sehen waren. Zelte samt Wappen, Schildern und Waffen stehen nebeneinander. Die Heermänner reden mit den Besuchern, dem Volk und ihren „Feinden“. Falken schreien in der Luft, Pferde werden für das Kampfspiel gesattelt. Einige Besucher gehen zu Kneipen, die Brennnessel-Bier anbieten. Auf der Speisekarte stehen Fisch- und Fleischgerichte aus einem mittelalterlichen Kochbuch. Eine Durchsage kündigt das Ritterturnier an, trotzdem bleibt eine Gruppe wie angewurzelt stehen. Mehrere Leute kommen dazu. Es sind die Eisenhersteller, die sich mit den 1400 Grad heißen Öfen beschäftigen. Jeder merkt, wie alles rundum vor Hitze glüht. Die „Leibeigenen“ und Eisenschmiede laufen aufgeregt umher. So stellt sich das Renaissance-Festival in Koprivnica seit 13 Jahren jedes Jahr den Besuchern vor. Der Archäologe Ivan Valent ist Mitarbeiter des Stadtmuseums und einer der Hauptdarsteller und erklärt: „Das Projekt begann 2017 und soll bis 2021 dauern. Es ist Teil des sogenannten TransFER-Projektes, das unter der Trägerschaft des kroatischen Instituts für Archäologie steht, wo wir mit dem Eisenherstellen experimentieren.“

Experimentelle Archäologie

Natürlich hat es einen besonderen Grund, dass ein renommiertes wissenschaftliches Institut hier mitspielt. Vier Tage lang sind die Wissenschaftler als Schauspieler aktiv. Vom Kultusministerium und anderen Quellen finanzierte Archäologie auf einem Festival ist neu. „Es hat eng mit experimenteller Archäologie zu tun“, sagt der 35-Jährige. „Seit 2007 sind einige sehr interessante Fundstellen bekannt. Sie wurden von einem Laien entdeckt und sind in den vergangenen zehn Jahren in Ausgrabungen systematisch untersucht worden. Wir fanden da Überreste einer Werkstatt und Eisenschmelzöfen mit sehr viel Schlacke. Wir wussten von vorher, dass in der Podravina-Region in der späten Antike und im frühen Mittelalter Eisenerz in die Drau-Flutebene angeschwemmt und gewonnen wurde. Wie das Erz verarbeitet wurde, blieb jedoch ein Rätsel.“ Die Eisenschmelzöfen, die die Archäologen aus Lehm bauen und mit Holzkohle feuern, werden dazu beitragen, ein Bild des damaligen Wirtschaftslebens zu zeichnen. Der angehende Doktorand sieht mit seinem kräftigen Schnurrbart wie ein Wikinger aus. Sein Bart ist sein Erkennungszeichen, besonders dann, wenn er die Schnurrbartenden aufteilt und mit Gummibändern umwickelt. Breitschultrig und mit kräftigen, muskulösen Händen, ist Valent ein lebender Beweis, was für Arbeit ein Archäologe verrichtet.

Für Valent gibt es nichts Schöneres

„Die Ausgrabungsarbeiten nehmen etwa 30 Prozent meiner Zeit ein. Alles andere ist nötige Büroarbeit, Katalogisieren, Messen, Fotografieren; Funde einpacken und verschicken.“ Er berichtet über Ausgrabungen im nördlichen Teil einer mittelalterlichen Kirche vor zwei Jahren: Nachdem die Erde bis in zwei Meter Tiefe ausgehoben worden war, gaben die Archäologen die Grabung auf. 2019 kamen sie jedoch zurück und fingen an einer anderen Stelle an zu graben. Der Aushub vom Vorjahr war teilweise von Wind und Wetter bewegt worden. Ein Arbeiter grub daher ein bisschen Erde an einer Ecke aus. „Nicht tiefer als zwei Zentimeter, und da war er, der wichtige Fund, den wir im Vorjahr gesucht hatten.“ Es handelte sich um eine Grabstelle, die auch datiert werden konnte.

Valent erzählt, dass sein Beruf viel Zeit in Anspruch nimmt, weil er ständig während der Grabungssaison unterwegs ist. Gerne und geduldig nimmt er dafür die Recherchen und körperlich anstrengende Arbeit auf sich. „Wenn ich mit den richtigen Leuten arbeite, die ihre Arbeit und die Methodologie kennen, gibt es nichts Schöneres.“ Schon im zweiten Studienjahr habe man ihn zu Ausgrabungen im nordwestlichen Teil Kroatiens eingeladen. Auf den Inseln und in Istrien arbeitete er unter anderem mit einem Team aus Frankreich, wo er später als Gast einige Monate vor seiner Diplomarbeit verbracht hat. In der Provence half er bei Ausgrabungen in mittelalterlichen Klöstern.

Der Leiterin des Instituts blieb die Luft weg

Die Darsteller sind alle Familienmitglieder der beteiligten Wissenschaftler, Mitstreiter rund um die Hauptschmiede, Valent und Robert Čimin, den Direktor des Stadtmuseums. Alle sind kostümiert und sehen aus wie Menschen aus der Zeit, als Eisenverarbeitung alltäglich betrieben wurde. Die erwähnten Wissenschaftler sind Mitarbeiter des kroatischen Instituts für Archäologie, der Abteilung für Antike und Mittelalter. Renato Labazan, Direktor und verantwortlicher Organisator des Festivals und Direktor des Tourismusverbandes der Stadt Koprivnica, erklärt, wie wichtig für sie alle diese Möglichkeit ist, der Öffentlichkeit ihre Arbeit näherzubringen. „Der Leiterin des Instituts für Archäologie blieb die Luft weg, als ihr klarwurde, dass mehr als 50 000 Leute ihr und ihren Mitarbeitern bei der Arbeit zuschauen werden“, sagt er lachend. „Nirgendwo haben die Archäologen des Instituts so eine Gelegenheit bekommen wie hier bei uns auf diesem Festival, so eine Menge von Leuten zu unterrichten, ihnen zu erklären, zu beschreiben und nahezubringen, was für Arbeit, Untersuchungen und Ziele sie als Wissenschaftler haben.“ Seit dieses Festival gegründet wurde, habe er sich jedes Jahr immer neue Zentralthemen ausgedacht. „Wir hoffen, dass die Museumsleute es verstehen werden, dass unsere Veranstaltungen eher touristisch als wissenschaftlich sind.“ Für ihn bedeute das, dass die Eisenöfen willkommen seien, solange die Besucher Interesse dafür zeigen. Da das TransFER-Projekt langsam ausläuft, erwartet er, dass die Museumsleute Vorschläge machen. „Denn diese experimentelle Archäologie hat in der Tat viele bezaubert. Und es wäre schade, wenn diese Veranstaltungen verschwinden würden, ehe die Besucher sich satt daran gesehen haben.“
Es habe schon einige Probleme gegeben, unter anderem bei der Sicherheit der Besucher. 50 000 kamen im vorigen Jahr. Das sei immer schwieriger zu lenken. Das gilt auch für die zeitliche Planung des Eisenschmelzens, denn wenn zum Beispiel das Turnier stattfindet, sollte es der Höhepunkt der Stunde sein. Die Öfen ließen sich aber dann nicht abschalten, sagen die Archäologen. Während der nächsten zwei Jahre werden die Archäologen des Stadtmuseums und Instituts ihre gesamten Funde, Ergebnisse und weiteren Pläne der interessierten Öffentlichkeit in Koprivnica vortragen. Ivan Valent, der „Wikinger“, erklärt, dass er sich noch zwei weitere Jahre riesig darauf freut, nach einem anstrengenden Arbeitstag am Schmelzofen „ein kaltes Bierchen trinken zu dürfen“.

Quelle: F.A.Z.
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