Natur am Grenzstreifen

Natur pur statt Todesstreifen

Von Jael Hirschbrunn, Johann-Philipp-von-Schönborn-Gymnasium, Münnerstadt
Aktualisiert am 09.10.2020
 - 14:30
Die ehemalige innerdeutsche Grenze ist zu einem Paradies für Pflanzen und Tiere geworden. Die Artenvielfalt an der ehemaligen Grenze weckt Interesse aus Korea.

Die meisten Menschen verbinden die ehemalige innerdeutsche Grenze mit ihrer Grausamkeit und Lebensfeindlichkeit. Heute kann man eine andere, geradezu lebensfreundliche Landschaft entlang des Grenzstreifens entdecken: das Grüne Band. Offiziell startete das Projekt am 7. Dezember 1989, als Naturschützer aus Ost und West sich in Hof trafen. Einer von ihnen war Kai Frobel. Für den 60-Jährigen, der Bart und Brille trägt, begann das Projekt viel früher. „Ich bin in Sichtweite der innerdeutschen Grenze aufgewachsen, allerdings auf der Westseite. Im Landkreis Coburg in der Ortschaft Hassenberg. Als Teenager habe ich begonnen, Vogelarten zu beobachten.“ Durch das naturkundliche Interesse des Vaters gab es im Haus die drei wichtigsten Dinge, die man dafür braucht: „Ein Fernglas, einen Fotoapparat und ein Vogelbestimmungsbuch.“ Schon damals fiel ihm auf, „dass diese scheußliche Grenze gleichzeitig auch eine Schatzkammer voll mit seltenen Tierarten war“.

Die Bundesgrenzschützer kannten ihn

Er begann 1976, 14 Kilometer der Grenze gezielt zu untersuchen und sie für eine Abiturarbeit aufzuschreiben. „Das war bundesweit die erste Publikation, die auf den Artenreichtum des Grenzstreifens hinwies.“ Die Kartierarbeiten erweiterte Frobel mit anderen Jugendlichen auf 140 Kilometer, etwa 10 Prozent der Gesamtlänge der innerdeutschen Grenze. Diese Ausflüge zur Grenze waren ungefährlich, solange man auf der Seite der BRD blieb. Bei den Bundesgrenzschützern war er bald bekannt wie ein bunter Hund. „Aber es gab Bereiche, die waren so spannend, dass ich ab und zu auf DDR-Gebiet gegangen bin. So an einem schönen Bach, dessen Mitte die Grenze war. „Dort gab es seltene Libellen- und Muschelarten. Im Bach und vor allem am Ostufer hätte mich niemand entdecken dürfen. Die DDR-Grenzsoldaten hätten schießen oder mich verhaften können. Das war immer mit Herzklopfen verbunden.“ Frobel kannte die Positionen der Soldaten, so dass er das Risiko, erwischt zu werden, minimierte. „Der naturnahe Bach ist noch da, die Muscheln sind noch da, und der Biber ist neu gekommen.“

Der Streifen wurde sich selbst überlassen

Frobel studierte in den 1980er Jahren Geoökologie in Bayreuth. Dort ist er heute Honorarprofessor an der Fakultät für Biologie, Chemie und Geowissenschaften und hat einen Lehrauftrag für Naturschutz und Landschaftspflege. Er engagierte sich im bayrischen Landesverband des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland, BUND, und stieg dort hauptberuflich ein. Mit seinem Team in Nürnberg und 20 Mitwirkenden für den Naturschutz in Bayern ist er für das bundesweite Grüne Band zuständig. Wie kam es zu dem Artenreichtum? „Entscheidend war, dass dieser Streifen wegen der speziellen Grenzsituation weitgehend sich selbst überlassen wurde. Es wurde keine reguläre Land- oder Forstwirtschaft betrieben, die Natur konnte einfach nur Natur sein.“ Durch das Engagement der Naturschützer blieb der durchschnittlich 100 Meter breite und knapp 1400 Kilometer lange Grenzstreifen auch nach der Wiedervereinigung weitflächig ungenutzt. Genaue Untersuchungen haben ergeben, dass dort mindestens 1200 Arten der Roten Liste Deutschlands, die besonders gefährdet sind, in 146 verschiedenen Biotoptypen ein Zuhause gefunden haben. Die 18 000 Hektar Fläche gilt als das größte Biotopverbundsystem Deutschlands. Eine Art, die, obwohl sie in Thüringen bereits als ausgestorben galt, profitierte, ist die Wanstschrecke. „Hört man Mitte Juni bis Ende Juli aus hochstehenden Wiesen ein immer lauter werdendes Sirren, was erst in Zick-Laute übergeht und dann wie ein absterbender Motor verklingt, hat man sie gefunden. Sie ist eine bis zu 4,5 Zentimeter grüne Heuschrecke mit schwarzen Punkten und einem ausgeprägten Sattelschild. Die räumliche Nähe der Lebensräume im Grünen Band helfen ihr zu überleben, denn die Wanstschrecke kann nicht fliegen und mit ihrem dicken Bauch nicht weit springen. Um nicht auszusterben, müssen sich die verschiedenen Populationen mischen.“

Gorbatschows Autogramm auf Pässen

Dank Hubert Weiger, dem früheren Vorsitzenden des BUND im Eichsfeld bei Göttingen, gibt es seit dem 19. Juni 2005 das Grüne Band Europa. „Diese Veranstaltung war ziemlich bewegend, weil Michail Gorbatschow auf Einladung des Bundesumweltministeriums teilgenommen hat“, erinnert sich Frobel. „Viele der 3000 Teilnehmer haben ihre alten DDR-Pässe mitgenommen und sich darauf ein Autogramm von Gorbatschow geben lassen.“ Das Band reicht vom Eismeer bis zum Schwarzen Meer und ist 12 500 Kilometer lang. Säugetiere wie Braunbär, Elch und Kegelrobbe, Insekten wie Wildbienen, Libellen und seltene Pflanzen wie Arnika oder das Wismarer Fingerkraut leben in Wiesen, Flüssen, Wäldern und tosendem Meer. Die Idee fruchtet auch 8000 Kilometer von Deutschland entfernt in Korea, das in Süd und Nord geteilt ist. Die Grenze dazwischen ist ungenutzt und kann wortwörtlich florieren. Seit 15 Jahren steht Frobel mit südkoreanischen Naturschützern in Kontakt. Diese wollen, sollte es zu einer Wiedervereinigung kommen, ein ähnliches Projekt in die Wege leiten. „Der Grenzstreifen ist dort zwar nur 250 Kilometer lang, aber vier Kilometer breit.“

1000 Hektar durch Spendengeld

Doch auch für die deutsche Erinnerungslandschaft gibt es noch Ziele: Zunächst wäre da der Lückenschluss am Grünen Band. Denn der Lebensraumverbund ist noch nicht durchgängig naturnah. Anfangs nahmen die Lücken, insbesondere intensiv genutzte Ackerflächen, noch etwa 13 Prozent der Gesamtfläche ein. Sie konnten auf 11 Prozent reduziert werden. Das ist unter anderem durch zahlreiche Spenden möglich geworden. „Man kann einen symbolischen Anteilsschein am Grünen Band im Wert von 65 Euro erwerben oder auch Pate werden. Die Spenden werden für Ankäufe und Naturschutzmaßnahmen des BUND im Grünen Band genutzt. Wir haben mittlerweile über 1000 Hektar mit diesem Spendengeld erworben“, berichtet Frobel. „Für die Spender machen wir Exkursionen, wo vor Ort gezeigt wird: Welche Fläche haben wir mit ihrem Geld erworben und warum? Das ist ein wunderschönes, ökologisches Geschenk.“

In Thüringen und Sachsen-Anhalt gilt ein Schutzstatus. „Der gesamte ehemalige Grenzstreifen wurde dort als Nationales Naturmonument ausgewiesen. Das ist so eine Art kleinerer Nationalpark und passt auch vom Begriff her perfekt zum Grünen Band“, findet Kai Frobel. Diese beiden Bundesländer nehmen 1106 Kilometer vom Grünen Band ein. Der BUND hofft, dass die anderen Anrainerländer dem Beispiel folgen. Ein weiterer Schutzstatus auf den hingearbeitet wird, ist das Unesco-Weltnatur- und Kulturerbe. „Es bietet die Möglichkeit, die Breite und Länge des Risses, der durch dieses Land gegangen ist, heute noch zu erleben. Es ist ein lebendiges Denkmal.“

Quelle: F.A.Z.
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