Ökologische Orangenplantage

Zu jedem Baum hat Jesús einen Bezug

Von Miriam Mutschler, Max Scheidel, Gymnasium Kenzingen
Aktualisiert am 08.10.2020
 - 13:07
Die ökologische Orangenplantage im Hinterland Valencias bereitet einem spanischen Paar eine Menge Arbeit und viel Freude. Geliefert wird nach ganz Europa.

Orangenduft erfüllt das Klassenzimmer, da Schüler begeistert die Saftpressen bedienen. Erst vor ein paar Tagen stand die Orangenkiste noch in Carcaixent, einer Kleinstadt im valencianischen Hinterland. Dort machte Isabel Llansola Bellido, Besitzerin einer Orangenplantage, in einem sanierten Wiegeraum mit hohen, weißen Wänden, liebevoll dekoriert mit alten Werkzeugen und Wagen, vier Tage zuvor alle Kisten mit frisch geernteten Orangen und Zitrusfrüchten zum Versand bereit. „Isabel kümmert sich um die Bestellungen, ich gehe jeden Tag die ganze Plantage ab, um alle anstehenden Arbeiten im Blick zu haben“, beschreibt Jesús Sancho Cogollos, der in der dritten Generation die Plantage führt, via Skype seinen Aufgabenbereich. Seit der Wirtschaftskrise 2009 betreibt das Ehepaar den fünf Hektar großen Huerto de San Eusebi. Sie wohnen in einem Herrenhaus und nutzen das Nebengebäude mit Lager- und Verkaufsraum. Stolz zeigen sie Besuchern auch die kleine Kapelle mit einem Glockenturm.

Freunde teilen sich Bestellungen

„Das war ein langer und steiniger Weg, sich von dem konventionellen Orangenanbau abzugrenzen“, blicken die beiden auf zehn Jahre zurück. Am Anfang machte die Plantage viel Arbeit, bis sich die Abläufe in der Zitrusfrucht-Anlage und Administration einspielten. Heute wird nach ganz Europa geliefert an Großhändler, Gruppen von Freunden, die sich die Bestellungen aufteilen, an Schulen, Hotels, Restaurants und Einzelkunden. Im Verkauf haben sie, was Reichweite und Schnelligkeit angeht, große Fortschritte gemacht. Unterstützt werden sie von ihrem 43-jährigen Sohn Jesús Sancho Llansola, der hauptberuflich Forstwirt ist und sich um organisatorische Aufgaben wie den Webauftritt und Online-Handel kümmert. Von Oktober bis Mai ernten sie die Zitrusfrüchte und schicken sie sofort an den Endverbraucher, so dass diese noch in derselben Woche, meist donnerstags, in Deutschland, Frankreich oder Österreich ankommen. Isabel, die sechs bis sieben Orangen täglich verzehrt, bietet ein großes Angebot: verschiedene Orangensorten, die über die ganze Saison verteilt reif werden, Zitronen, Mandarinen, Grapefruits, Limequats und Kumquats. Das Paar organisiert Führungen für Besucher, damit diese ihr Konzept kennenlernen. „Mit den Besuchern die Freude über die besondere valencianische Kulturlandschaft und das historische Erbe zu teilen bedeutet uns viel.“ Gäste von Kanada bis Argentinien, Slowenien bis Neuseeland, Sri Lanka, Saudi-Arabien, den Vereinigten Staaten, Italien und Deutschland haben ihre Plantage schon besichtigt. Auch viele Schüleraustauschgruppen kommen. Gerne erlaubt sich Jesús einen Spaß und streckt ihnen die erste Zitronensorte entgegen, die es auf der Iberischen Halbinsel gab und die noch auf seiner Plantage wächst: eine menschenkopfgroße Zitrone mit sehr wenig Fruchtfleisch.

Sie sollten den Innenhöfen Glanz verleihen

„Die Orange oder Zitrone wurde von den Arabern im Mittelalter als Zierbaum nach Spanien gebracht, um den Gärten und Innenhöfen Glanz zu verleihen“, sagt José Manuel Fernández, ein pensionierter Geschichtslehrer aus Carcaixent. Erst Ende des 19. Jahrhunderts breitete sich die Orange als Speisefrucht auf den Plantagen in Murcia, Mallorca und Valencia aus, nachdem die bisherige Exporttradition in der Region La Ribera, in der Carcaixent liegt, schlagartig zugrunde ging. Aufgrund der Seidenraupenkrankheit Anfang des 19. Jahrhunderts wurde die Seidenproduktion von der Orange abgelöst. Die hohe Nachfrage in ganz Europa veränderte die valencianische Wirtschaft komplett: Der Export und die Herstellung in großen Massen schufen neue Arbeitsplätze und förderten den Bau von Fabriken und Lagerhallen. Die Eisenbahn entwickelte sich, Carcaixent bekam einen zweiten Bahnhof. Die Gesellschaft in Valencia wurde sozial modernisiert, Frauen gingen schon viel früher zur Arbeit als an anderen Orten. Der Wohlstand zeigte sich neben der Installation von Abwasserversorgung und Elektrizität durch den Aufschwung des Kulturlebens in Carcaixent. Neben der Erneuerung von Schulen, Musikkapellen und Theatern wurden Gebäude errichtet, wie der Hauptbahnhof oder die zentrale Markthalle in Valencia. Heiter blickt José Manuel darauf zurück, als er zu Studienzeiten Freunden half, auf deren Plantage Unkraut zu jäten. „Am Abend konnte ich mich vor Rückenschmerzen kaum noch bewegen, so dass mir klar war, dass Geschichtslehrer der passende Beruf für mich ist.“

Ab dem dritten Jahr tragen die Bäume Früchte

„Zu jedem Baum hat Jesús ein besonderes Verhältnis“, sagt Isabel über ihren Mann, der das Unkraut maschinell entfernt. Auf der Plantage gibt es 2900 Bäume, einige sind mehr als 150 Jahre alt. Das Paar verkauft Mandarinen der Sorte Comuna von Bäumen, von denen schon ihre Großeltern geerntet haben. Die alten Bäume bedeuten Jesús viel, so dass er sie nicht ersetzt, obwohl der Ertrag nach 30 Jahren abnimmt. Ab dem dritten Jahr tragen sie Früchte, diese sind aber erst ab dem fünften Jahr für den Verkauf brauchbar. Jesús bewässert das ganze Jahr mit Tröpfchen-Bewässerung aus einem eigenen Brunnen. Schädlingen begegnet er ausschließlich mit ökologischen Methoden. Die Saison beginnt mit den ersten Mandarinen im Oktober und endet im Mai mit der Sorte Valencia. Die reifen Früchte ernten sie von Hand ohne die übliche Nachbehandlung, die die Früchte schön aussehen lässt und unnatürlich lange haltbar macht.

„Der Orangenanbau hat an Bedeutung verloren. Nur wenige Bauern können allein von ihm leben“, bedauert das Paar den Strukturwandel. Zwar sehen noch einige die Landwirtschaft als zweite Einkommensquelle an und sind bereit, ihre Produkte auch zu niedrigen Preisen zu verkaufen als Ergänzung zum Einkommen. Dass die Orangenbauern nicht angemessen entlohnt werden, liegt an der Einfuhr von Orangen aus südafrikanischen Ländern. Dort sind die Löhne niedriger, die Gesundheitskontrollen seltener und die Preise tief. Deshalb können die spanischen Kleinbauern die Preise nicht nach oben treiben. In Folge dessen geben viele ihre Felder auf und ersetzen sie durch andere Südfrüchte, wie Kaki, Kiwi oder Granatapfel. Einige Orangen werden nur noch als Hobby und aus Nostalgie aufrechterhalten, bestätigt eine Spanierin aus Carcaixent, deren Schüleraustausch mit einem deutschen Gymnasium wegen der Pandemie kurz vor der ersten Begegnung platzte. Ihre Großeltern besitzen einen Huerto, in dem angebaut wird, die Familie feiert und Paellas zubereitet. Durch die wochenlange Ausgangssperre stieg die Nachfrage bei Jesús und Isabel deutlich: „In jeder Krisenzeit merkt man, wie wichtig die Landwirtschaft ist und dass gute Nahrung die Grundlage unseres Leben ist.“

Quelle: F.A.Z.
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