Orgelbauer

Im Land der Pfeifen

Von Anna-Lena Löwer, Hermann-Staudinger-Gymnasium, Erlenbach am Main
Aktualisiert am 04.11.2020
 - 15:45
Deutscher Orgelbau ist ein Weltkulturerbe. Manche Orgeln sind so groß wie ein Haus. Ein Meister seines Fachs über seine Kunstwerke.

König aller Instrumenten“, nannte Mozart die Orgel. Hätte er gewusst, dass Hans-Georg Vleugels, mit seinem Sohn Inhaber der Orgelmanufactur Vleugels, gute 240 Jahre später seine Werke gegen Holzwürmer, Mäuse und Siebenschläfer verteidigen muss, die seine Instrumente zum Fressen gernhaben, wäre er wahrscheinlich vom Glauben abgefallen. Im beschaulichen Hardheim im nordbadischen Neckar-Odenwald-Kreis kennt sich Vleugels bestens mit allen Orgeltypen aus. Hausen die Tierchen in seinen Bauwerken, bringt das Probleme mit. Sie leben nicht nur in den Pfeifen, sondern auch in der empfindlichen Mechanik. Diese feine Mechanik ist so konstruiert, dass sie über Holzleisten, Wellen, Drähte und Winkel den Druck, den der Organist auf die Tasten ausübt, weiter bis zu den Ventilen und der Windlade leitet. Dieses kompliziert wirkende System führe dazu, dass der Organist eine Taste drückt und seinen gewollten Ton spielen kann, erklärt Vleugels. Er zieht an einem der Holzteilchen, dabei bewegt sich ein Schwung anderer Holzleisten mit. „Es ist besonders wichtig, dass das alles weitgehend reibungsfrei funktioniert, da manche Mechanikdistanzen bis zu 20 Meter betragen können. Wenn die Mechanik dann zu sehr reibt oder blockiert, ist es später schwer oder unmöglich, den Ton locker anzuspielen, den der Organist gerade braucht. Denn dann brauchte er statt der sonst üblichen 120 bis 150 Gramm pro Taste Elefantenfüße an den Armen, um den Druck aufzubauen, der für die Tastenbewegung nötig ist.“ Die Mechanik bewegt noch einen löchrigen Holzstreifen: „Dieser Lochstreifen führt dazu, dass nicht alle Register gleichzeitig klingen und dass verschiedene Klangfarben des Instrumentes einzeln oder in Gruppen angespielt werden können, und er wird ebenfalls von der Mechanik bewegt.“

Kleine Werkstätten sorgen für Stimmungen und Wartungen

Das Zentrum für den Orgelbau liegt im deutschsprachigen Raum mit etwa 50 000 Orgeln. Die meisten wurden von einem Teil der rund 400 Orgelbau-Betriebe gebaut, die heute noch registriert sind. Darunter befinden sich zahlreiche Kleinstunternehmen, die nur für Arbeiten wie Stimmungen oder Wartungen in Frage kommen. Das Familienunternehmen ist einer der 30 größeren Betriebe, die in der Lage sind, neue Orgeln zu bauen und große zu restaurieren. „Schön ist, dass ich weiß, dass auch unsere Kinder und Enkel meine Orgeln noch anschauen, hören und fühlen können, auch wenn ich schon lange nicht mehr lebe“, sagt Hans-Georg Vleugels. Vielseitig müsse man sein. So spielen beim Entwerfen und Bearbeiten des Holzgehäuses, der Technik und der Pfeifen seine Fähigkeiten als Schreiner sowie die des Architekten und Musikers zusammen. „Man sollte schon wissen, wie eine Orgel sicher steht, nicht dass sie später den Kirchenchor unter sich begräbt!“ Ob in Seoul, Moskau, Prag oder Madrid und vielen deutschen Städten, überall stehen Orgeln made in Hardheim. An den Transport einer Orgel für die älteste christliche Kirche in Südkorea erinnert sich Vleugels. „Wir haben die Orgel voll funktionsfähig in der Werkstatt aufgebaut.“ In Containern wurde sie nach Seoul transportiert, um von einem Vleugels-Team in fünf Wochen aufgebaut zu werden. Eine kleine Vleugels-Orgel steht in einer Kapelle des Vatikans beim ehemaligen Papst Benedikt XVI. Sie hat drei Register. Vleugels bisher größte gebaute Orgel steht in der Aschaffenburger Herz-Jesu-Kirche und hat 63 Register. „Sie hat die Größe eines mehrstöckigen Hauses, deshalb benötigt man Treppen und Laufgänge in der Orgel, um sie zu warten. Man kann also durch die Orgel laufen.“

Quelle: F.A.Z.
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