Pädagoge Ernst Fritz-Schubert

Keine Nachhilfe, kein Ritalin

01.09.2010
, 06:00
Um das Leben zu meistern, brauchen Kinder Kreativität, meint der Pädagoge Ernst Fritz-Schubert
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Ernst Fritz-Schubert unterrichtet das Fach Glück und hat ein Buch darüber geschrieben, was Kinder stark macht. Dazu gehört nach seinem Verständnis auch, dass Kinder nicht nur Normen erfüllen. Das Leben sei mehr als eine akademische Veranstaltung.
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Glück kann man lernen, meint Ernst Fritz-Schubert. Der Pädagoge unterrichtet seit 2007 an einer Heidelberger Schule Kinder darin, das Leben zu erspüren und achtsam mit den Dingen, die einem begegnen, umzugehen. Ihm geht es darum zu vermitteln, dass es neben dem vordergründigen Wohlstandsglück auch das lebenslange Glück gibt, das durch die eigenen Werte geprägt wird. Er fordere keine zusätzliche Nachhilfe, sagt Schubert, er rufe nicht nach Ritalin, wenn es mit der Aufmerksamkeit nicht klappt. „Ich frage, was macht Kinder selbstverantwortlich, stark und was erhält sie gesund.“

Herr Fritz-Schubert, Sie unterrichten seit September 2007 an einer Heidelberger Schule das Fach Glück. Sind Glücksschüler besser in der Schule als ihre anderen Mitschüler?

Da kann ich Ihnen folgende Erfolgsgeschichte erzählen: Im vergangenen Jahr haben wir den Glücks-Unterricht auch in unserer Berufsfachschule angeboten. Das sind Schüler, die von der Hauptschule kommen. Wenn sie scheitern oder abbrechen, landen sie als Hilfskraft oder beginnen eine Hartz-IV-Karriere. Fast alle Schüler dieser Stufe haben den Sprung in die nächste Klasse geschafft und können in diesem Schuljahr die mittlere Reife machen oder bei entsprechend guten Noten ins Gymnasium wechseln. Das muss man sich mal vorstellen, das finde ich sehr spannend.

Wie hat der Glücks-Unterricht das erreicht?

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Wir schaffen Schlüsselerlebnisse, die zu guten Erfahrungen werden.

Zum Beispiel, dass sich keiner als Außenseiter fühlen muss?

Ja. Und oft geht es bei uns sehr spielerisch zu. So sitzt beispielsweise ein Schüler in der Mitte eines Stuhlkreises und lässt sich seine guten Eigenschaften als Komplimente wie in einer warmen Dusche auf den Rücken regnen. Oder wenn der dicke Eduard, Kind russischer Einwanderer, 120 Kilo schwer, über einen Balken läuft, den seine Mitschüler halten, und so erfährt, wie die Gemeinschaft Verantwortung für ihn übernimmt und selbst Vertrauen schöpfen kann und kein Außenseiter mehr ist. Oder die Schüler ähnlich wie Spitzensportler mental trainieren, um auf den Punkt fit zu sein. Eduard hat übrigens mittlerweile abgenommen, mit Sport angefangen, die mittlere Reife geschafft und will jetzt zur Polizei.

Und lebt dann dort Tugenden vor.

Im Idealfall, ja. Gerechtigkeit, Mäßigung, Tapferkeit und Weisheit, nehmen wir mal die Kardinaltugenden. Sie können tatsächlich zu wahren Glücksbringern werden. Leider erfahren das unsere Kinder in aller Regel nicht. Fragt man Jugendliche, wie sie sich verhalten würden, wenn sie alleine im Zigarettenladen wären, ob sie das Päckchen Zigaretten einfach mitnehmen oder warten, bis der Verkäufer zurückkommt, dann antworten sicher viele so: „Wenn ich wüsste, dass da keine Kamera ist, nichts passiert, dann bin ich schon verführt, sie ohne Bezahlung einzustecken.“ In einer Gesellschaft, in der der Ehrliche meist der Dumme ist, ist Gerechtigkeit schwer zu vermitteln. Das wäre aber eine Vorbereitung aufs gelingende Leben.

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Und damit wieder ein Schlüssel zum Glück?

Sagen wir, ein weiterer Schlüssel. Neulich haben mir zehn von zwanzig jungen Fußballspielern auf die Frage, was sie sich als Ziel vorstellen, gesagt: einen rasanten Sportwagen, um damit den Mädchen zu imponieren und als Zeichen des Wohlstands. Wenn es mir gelingt, den Jugendlichen zu vermitteln, dass es neben dem vordergründigen Wohlstandsglück das lebenslange Glück gibt und dass das durch die eigenen Werte geprägt wird, habe ich viel erreicht.

Das hört sich richtig altmodisch an.

Ich bin ja auch ein alter Kerl.

Ich habe altmodisch gesagt.

Bezogen auf Bildungsinhalte, bin ich das auf jeden Fall. Warum sollen denn eigentlich Bildungsideale, wie sie in der antiken Philosophie beschrieben werden, veraltet sein.

Ihr Buch liest sich zum Teil wie eine große Klageschrift darüber, was alles schiefgegangen ist.

Ich beschreibe nur die Widrigkeiten und Hindernisse, denen sich die Kinder und Jugendlichen gegenübersehen.

Eltern zum Beispiel, die ihre Kinder überfordern . . .

. . . alles Mögliche in sie hinein projizieren. Oder denken, sie müssten ihren Kindern einen guten Schulabschluss mitgeben, weil die Zeiten so unsicher sind, so einen ungeheuren Erwartungsdruck aufbauen. Oder ihnen alles erlassen und sie mit einem Krankheitslabel versehen. Dabei gibt es so viele Möglichkeiten, die Kinder stark zu machen, damit sie den Widrigkeiten anders begegnen, sie als Herausforderungen begreifen, die es zu überwinden gilt. Vielleicht auch, wie sie dazu beitragen können, für sich und andere eine bessere Welt zu konstruieren.

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Sind Sie dann nicht ein Reparaturbetrieb?

Nein. Ich setze ja nicht an den Symptomen an, sage nicht, jetzt ist Disziplin angesagt. Ich fordere keine zusätzliche Nachhilfe oder rufe nach Ritalin, wenn es mit der Aufmerksamkeit nicht klappt. Ich frage, was macht Kinder selbstverantwortlich, stark und was erhält sie gesund.

Auch gesundes Essen oder ausreichende Bewegung.

Das gehört alles zusammen.

Das hört sich so banal an.

Ja, aber zu wenige machen es.

Sie ärgern sich ja auch, dass Kindern zu leichtfertig der Stempel „krank“ aufgedrückt wird.

Wenn in einer fünften Klasse ein Junge bei einer Aufmerksamkeitsübung, nämlich zu entdecken, welche Geräusche die Natur macht und dabei zufällig ein Vogel wunderschön singt, völlig aus der Reihe tanzt, mir hinterher sagt, er könne nicht anders, er habe ADHS und das Attest dabei - dann ist das ein Zeichen dafür, dass man dem Jungen keine Chance mehr einräumt. Der ist sozusagen entschuldigt. Oder bei mir war einmal ein Junge in der Sprechstunde mit seinem Skateboard. Ich fragte ihn, warum er das Skateboard mitgebracht habe. Darauf antwortete die Mutter: „Ich habe meine Handtasche ja auch dabei.“ Wenn ich von vornherein alles entschuldige, führe ich Kinder auf einen falschen Weg.

An wen richtet sich Ihr Buch eigentlich, an Eltern, an Lehrer, an Didaktiker? Ist es ein Ratgeber?

Es richtet sich an die Gesellschaft, an die Eltern, an die Schule, an die Politik. Es soll nachdenklich machen.

Darüber, dass das, was augenblicklich geschieht, korrekturbedürftig ist?

Ja, wir müssen zurück zur klassischen Bildung. Das heißt, die Schüler fähig zu machen, mit allen Dingen, die in ihrer Welt geschehen, auch umgehen zu können. Intelligenz zeigt sich eben nicht nur in guten Noten oder im Ranking des Pisa-Tests. Um das Leben zu meistern, benötigt man Kreativität, um neue Ideen zu entwickeln, die analytische Fähigkeit, diese Ideen richtig einzuschätzen, soziale Kompetenzen, die Gedanken auch umzusetzen, und letztlich auch die Erkenntnis, ob sie der Gemeinschaft wirklich zuträglich sind. Wir müssen uns endlich klarmachen, dass das Leben weit mehr als eine akademische Veranstaltung ist.

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Also weg von der Wissensgesellschaft?

Genau. In der müssen erfolgreiche Schüler und Studenten vor allem Normen erfüllen. Wissen ohne Erkenntnis ist aber Unbildung, damit kann man vielleicht bei Günther Jauch Millionär werden, aber sonst nützt es wenig. Ein zweites Problem liegt darin, dass in der heutigen Informationsgesellschaft, in der es in erster Linie nicht mehr um Wichtigkeit, sondern um Dringlichkeit geht, Schüler nicht lernen, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Der „wichtige“ Anruf, die „dringende“ SMS, Kinder und Jugendliche eilen von einem Termin zum nächsten. Leider bleiben dadurch die wirklich wichtigen Dinge auf der Strecke. Ich frage mich, ob das unserer Gesellschaft auf Dauer guttut.

Und Ihre Glücks-Schüler haben das alles tatsächlich verinnerlicht?

Die Schüler des Glücksunterrichts sehen im Vergleich zu anderen Vierzehn- bis Siebzehnjährigen im Leben mehr Sinn, trauen sich mehr zu, schätzen Familie und Schule mehr und wissen deutlich besser, was sie wollen oder nicht. Das haben unsere wissenschaftlichen Untersuchungen eindeutig ergeben.

Die Idee, das Fach Glück zu nennen, das war Marketing, oder? Mittlerweile geben immerhin zwanzig weitere Schulen Unterricht in Sachen Glück.

Ja, klar. Aber wenn man Impulse setzen will, muss man natürlich auch ein wenig provozieren.

Sie setzen sich damit auf den Zug der Glücksbuch-Produzenten.

Ist es nicht sinnvoll in einer Zeit, in der vor allem materiell so viel Glück verheißen wird, in der Schule zu beleuchten, was Glück wirklich bedeuten kann?

Was ist nun Glück?

Das ist ein Idealzustand, der nach Fortdauer oder Wiederholung strebt, der einerseits vom Himmel fallen und sich auf einen kleinen Moment beschränken kann. Der andererseits sich in einem sinnvollen Leben widerspiegelt. Dieses sinnvolle Leben muss aber erst einmal erspürt werden. Dazu gehört für mich, dass man etwas bewirken will, dass man achtsam ist, mit den Dingen, die einem begegnen, mit den Menschen, mit der Natur, und sich darüber nicht so wichtig nimmt, in Selbstvergessenheit gerät. Und dass man erkennt, dass man auch aus Leid, aus Niederlagen wachsen kann.

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Das könnte doch die Familie lehren, dann brauchte man Sie gar nicht?

Ich gebe Ihnen recht. Wenn das Prinzip Glück für alle gelten würde, dann wäre das Unterrichtsfach Glück obsolet.

Auf dem Foto im Klappentext des Buches strahlen Sie wie ein Honigkuchenpferd. Dann muss zumindest für Sie dieses Prinzip gelten.

Wenn ich zurückblicke, gibt es viele glückliche Momente und Gründe, zufrieden zu sein. Glück ist aber für mich auch die freudige Erwartung der Zukunft. Ich bin ein optimistischer Mensch, der meistens gute Laune hat, da wird mit dem Foto nichts vorgegaukelt. Ein Sauertopf könnte wohl kaum jemandem glaubhaft versichern, dass er Glück unterrichtet.

Das Gespräch führte Cornelia von Wrangel.

Ernst Fritz-Schubert: Glück kann man lernen. Was Kinder stark fürs Leben macht. Ullstein 2010. 19,95 Euro

Quelle: F.A.S.
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