Palm-Stiftung

Nominierte in Haft und unter Beobachtung

Von Maja Böhm, Nina Miletic, Johann-Philipp-Palm-Schule, Schorndorf
Aktualisiert am 04.11.2020
 - 14:09
Ehrung für unbekannte Vorbilder in aller Welt: Eine Stiftung aus der Provinzstadt Schorndorf und ihr hochgestecktes Ziel, Meinungsfreiheit zu fördern.

Alle zwei Jahre sucht die Palm-Stiftung im baden-württembergischen Schorndorf unter den für Meinungs- und Pressefreiheit Engagierten der ganzen Welt zwei Preisträger aus. Getreu dem Motto „Für Freiheit gegen Gewalt“ schenkt der gemeinnützige Verein aus dem idyllischen Remstal besonders denen Aufmerksamkeit und Unterstützung, deren Einsatz für diese unabdingbaren Voraussetzungen der Demokratie bisher keine internationale Beachtung gefunden hat. Der usbekische Journalist Salidjon Abdurakhmanov, Preisträger von 2014, war in Haft, als er von seiner Nominierung erfuhr. Dass da draußen, zumal im Ausland, jemand von ihm und seiner Arbeit wusste, hat ihm Kraft gegeben. Und die habe er auch gebraucht, berichtet Marieluise Beckhoff von der Stiftung, die ihn im Sommer 2019 kennengelernt hat. Begeistert beschreibt sie seine unbezwingbare Neugier auf andere Menschen und die vielen kleinen Begegnungen auf dem Markt, in Gaststätten, überall habe er Kontakte gesucht und herstellen können, mit und sogar ohne Hilfe seiner Dolmetscherin.

Projekte in der Oberlausitz

Marieluise Beckhoff ist eine von zwei Projektmanagerinnen, die sich familienbedingt eine Stelle teilen. Sie ist vom Engagement der Preisträger immer wieder angetan, diese Leute inspirieren sie auch bei dem anderen Kerngeschäft der Stiftung, denn die Förderarbeit „gilt im besonderen Maß der Stadt Schorndorf, wo die Familie Palm seit 1534 als Apotheker ansässig ist“. So definieren das die Stiftungszwecke. „Wir haben einen richtigen Gemischtwarenhandel, lauter kleine Projekte.“ Sie zählt auf: Zusammenarbeit mit Schulen, Gestaltung des Tages der Menschenrechte, auch in Zusammenarbeit mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Sanierungen von denkmalgeschützten Objekten und deren sozial orientierte Weiternutzung, Kooperation mit dem Braunauer Kurzfilmfestival, Demokratie-Bildungs-Projekte in der von hoher Jugendarbeitslosigkeit geprägten sächsischen Oberlausitz.

Die Oberlausitz ist die Heimatregion der Stiftungsgründerin Maria Palm. Und das österreichische Braunau? Auch da klärt die Familiengeschichte den Zusammenhang: Ein Johann Philipp Palm wird in der Palm’schen Apotheke in Schorndorf 1776 geboren, diese Apotheke prägt heute immer noch das Fachwerkensemble des Marktplatzes. Palm wird Buchhändler in Nürnberg, verlegt und vertreibt dort 1806 die anonym verfasste Schrift „Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung“, die sich gegen die imperiale Politik Napoleons richtet. Den Verfasser kennt man nicht, also werden die Buchhändler verhaftet, Palm wird in die Garnisonstadt Braunau am Inn gebracht und dort am 26. August 1806 – weil er den Autor nicht preisgibt – drei Stunden nach seinem Todesurteil durch ein französisches Militärgericht erschossen. Johann Philipp Palms Vermächtnis ist das Bekenntnis zur Meinungs- und Pressefreiheit.

Gefühl der Mitschuld als Soldat im Zweiten Weltkrieg

Und damit ist dieses Vermächtnis auch der Grundstein zum größten Projekt: dem internationalen Johann-Philipp-Palm-Preis für Meinungs- und Pressefreiheit mit einem Preisgeld von insgesamt 20 000 Euro, der seit 2002 alle zwei Jahre verliehen wird. Diese Auszeichnung dient dem Ziel der Demokratieförderung, die den Stiftern Johann-Philipp und Maria Palm besonders am Herzen lag. Aber auch der Stiftungsgründer selbst hatte wohl aus einem Gefühl der Mitschuld, das er als Soldat im Zweiten Weltkrieg auf seine Schultern geladen hatte, Anlass genug, sich in der Familientradition im Bereich der Demokratieförderung zu engagieren, wie Marieluise Beckhoff andeutet. Geredet habe Philipp Palm aber darüber nie.

Das Besondere ist, dass das Kuratorium versucht, nicht diejenigen auszuzeichnen, die sich im Kampf für Presse- und Meinungsfreiheit bereits einen Namen gemacht haben. Um solche Menschen zu finden, kooperiert die Stiftung eng mit Organisationen wie Amnesty International, Reporter ohne Grenzen, Journalisten helfen Journalisten e. V., die Kandidaten aus aller Welt vorschlagen und deren Hintergrund vor Ort überprüfen. Weil die Preisträger noch unbekannt seien, sei die Wirkung der Auszeichnung umso bedeutender. Eine der Preisträgerinnen 2018 war Štefica Galić, Menschenrechtsaktivistin, Fotografin und Journalistin aus Bosnien, die laut Beckhoff „völlig am Boden war, bevor sie den Preis bekommen hat und mit sich und ihrem Berufsleben abgeschlossen hatte“. Sie habe durch die Bestätigung ihrer Arbeit wieder Kraft getankt.

Personenschutz für ein Kuratoriumsmitglied

Das sind die positiven Seiten – die negativen gibt es aber auch: Wer für Meinungsfreiheit kämpfen muss, macht das meist in einem Unrechtsregime und riskiert damit viel. Immer wieder würden Menschen vorgeschlagen, die in Haft seien, oft ohne Prozess. Im Vergleich dazu wirke ein Preis aus Schorndorf „klein und unbedeutend“, provoziere aber auch nicht unbedingt Repressalien, insofern sei Schorndorf geradezu ein idealer Austragungsort. Dennoch habe man auch schon nicht eingeladene Beobachter aus fernen Landen registriert, ein Kuratoriumsmitglied stehe unter Personenschutz, was eine Menge Organisationsaufwand bei der Veranstaltung bedeute, den man aber gerne auf sich nehme. Am 6. Dezember findet die zehnte Verleihung statt: Die Aktivistin Bushra al-Maktari aus dem Jemen und der chinesische Autor Gui Minhai wurden am 16. Mai ausgewählt.

Quelle: F.A.Z.
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