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Rolf Joseph

Erschütternde Lebenslinien eines Überlebenden

Von Paula Schnauder, Luise Schulz, Katholische Schule Liebfrauen, Berlin
 - 11:16

Mein ganzes Überleben damals, das war nur Glück.“ Er wurde von der Gestapo verfolgt, misshandelt und gefoltert. Damals sprang er dem sicheren Tod mehr als einmal mit letzter Kraft von der Schippe. Trotz allem verlor Rolf Joseph nie sein verschmitztes Lächeln, wenn er Schülern über sein Schicksal berichtete. „Er war für uns etwas zwischen Großvater und Lebensidol“, erinnert sich Simon Strauß, einer von ihnen. Mit seiner neunten Klasse am Evangelischen Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin-Schmargendorf besuchte Strauß an einem Freitagabend die Synagoge in der Pestalozzistraße. Nach dem Gottesdienst kam der damals 83-jährige Rolf Joseph auf die Schüler zu und sagte, er berichte oft in Schulklassen über seine furchtbare Vergangenheit. „Ein echter Holocaust-Überlebender, flüsterte damals ein Mitschüler“, erinnert sich Strauß, der zu der Zeit 14 Jahre alt war. „Natürlich war Herr Joseph schon ein älterer Herr, aber er hatte eine unglaubliche Ausstrahlung und faszinierte uns so, dass wir beschlossen, uns noch einmal in einer kleinen Gruppe mit ihm zu treffen“, erzählt der heute 28-jährige Strauß. So entstand nach vierjähriger Arbeit die Biographie Rolf Josephs mit dem Titel „Ich muss weitermachen“. „Wir haben es als einen Auftrag gesehen, seine Geschichte aufzuschreiben, damit sie nicht in Vergessenheit gerät“, erklärt Fabian Herbst, einer der sechs Autoren.

Vom Fuball ausgeschlossen

Rolf Joseph wurde am 11. Dezember 1920 in Berlin-Kreuzberg geboren. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 sollte seine bis dahin glückliche Kindheit zu Ende sein. Die Diskriminierung begann durch den Ausschluss der talentierten Brüder Rolf und Alfred Joseph aus der Fußballmannschaft. „Das hat sie natürlich sehr fertiggemacht. Und auch wir als Schüler konnten uns so etwas sehr gut vorstellen. Das war ein einfaches Bild für etwas sehr Schreckliches“, sagt Strauß. Die meisten Mitschüler der jüdischen Brüder übernahmen die nationalsozialistische Ideologie, verbunden mit dem Hass auf alles Jüdische. Nachdem Joseph aus Angst vor weiterer Schikane immer seltener am Unterricht teilnahm, musste er 1934 die Schule endgültig verlassen. Er begann eine Lehre als Tischler und wurde nach großen Bemühungen in einer Tischlerei fest angestellt.

Nach Theresienstadt deportiert

Letztendlich verließ er seinen Arbeitsplatz, weil die Verfolgung immer ausgeprägter wurde und er mit seiner Familie fliehen wollte. Eine Nachbarsfamilie hatte versprochen, ihnen zu helfen. Als die beiden Brüder ihre Hilfe wirklich in Anspruch nehmen wollten, hatte die Familie zu große Angst vor den Konsequenzen und wies sie ab. In genau diesen dreißig Minuten, in denen sich die Brüder Joseph hilfesuchend bei den Nachbarn befanden, wurden ihre Eltern aus der Wohnung abgeholt und abtransportiert. Ohnmächtig sahen die Jungen sie nur noch dieses letzte Mal, wie sie schreiend und schluchzend in dem Transporter verschwanden. Wie alte Möbel wurden sie hineingeschmissen, um auf die Mülldeponie gebracht zu werden, ins KZ Theresienstadt, so erzählte es Joseph den Schülern. „Zu erkennen, dass uns da jemand gegenübersitzt, der Geschichten, die man sonst nur aus dem Schulbuch kennt, wirklich erleben musste, hat uns für das Leben geprägt“, ist Simon Strauß überzeugt.

Von der Gestapo ausgepeitscht

Die Brüder Alfred und Rolf Joseph waren nun obdachlos und gezwungen, für eine Zeit auf dem nackten Waldboden und auf Bahnhofstoiletten zu schlafen. Der 22-jährige Rolf Joseph fand schließlich Unterschlupf bei der Lumpensammlerin Marie Burde und Alfred bei der Familie einer Freundin. Nach wenigen Wochen wurde Rolf gefasst und eingesperrt. Er wurde von der Gestapo ausgepeitscht, damit er Informationen über seinen Bruder und dessen Versteck preisgab, was er aber nicht tat. Nach sechs Wochen Bunkerhaft erfuhr Joseph, dass er nach Auschwitz abtransportiert werden sollte. „Während er uns das erzählte, aßen wir Kekse“, erinnert sich Strauß. „Ein verstörendes und paradoxes Szenario.“

Seine Peiniger kamen zurück

Erst war Joseph, wie er es den Schülern erzählte, „direkt froh darüber, aus dem ollen Bunker rauszukommen“, doch nachdem er von Mitgefangenen über ihr drohendes Schicksal aufgeklärt wurde, entschloss er sich zu fliehen. Auf dem Weg ins Konzentrationslager sprang er aus dem fahrenden Zug. Doch nach ein paar Tagen wurde er erneut gefasst und brutal geschlagen, was zur Folge hatte, dass er bis zu seinem Tod unter epileptischen Anfällen litt. Während er in der Zelle darauf wartete, weiter gefoltert zu werden, erinnerte er sich daran, dass ihm ein Bekannter erzählt hatte, dass die Gestapo-Männer Angst vor Epidemien hätten. Obwohl er unter starken Schmerzen litt, sammelte er seine Kräfte und zerkratze sich den Körper. Als seine Peiniger zurückkamen und seinen roten, geschwollenen Körper fragend ansahen, eröffnete er ihnen, dass er Scharlach habe. „In so einer Situation noch solch einen Plan durchzusetzen – das erinnert mich an den Rolf Joseph, den ich kennenlernen durfte, denn Aufgeben war für ihn nie eine Option“, berichtet Strauß. Panisch wurde ein Arzt zur Untersuchung gerufen, und Joseph hatte große Angst, dass seine Tarnung auffliegen würde. Wieso sollte der Arzt ihn auch nicht verraten?

Immer engagiert, nie verbittert

Zu seiner großen Überraschung deckte der Arzt ihn aber, und er wurde in das Jüdische Krankenhaus gebracht. Auch dort verriet man ihn nicht, denn die Ärzte vor Ort waren keine Nationalsozialisten. Nach zwei Wochen Quarantäne kam eine Krankenschwester in sein Zimmer gestürmt und warnte ihn, dass die Gestapo auf dem Weg sei, um ihn abzuholen. Zu der Zeit war Joseph auf ungefähr 40 Kilogramm abgemagert, so dass er durch ein paar aufgebogene Gitterstäbe am Fenster passte. In dem Moment war es ihm egal, ob er den Sprung aus dem zweiten Stock überleben würde. „Trotz all dieser schrecklichen Erlebnisse, die er uns schilderte, sprach er nie verbittert. Er war immer engagiert, seine Lebensgeschichte zu erzählen“, erläutert Herbst. Joseph brach sich bei dem waghalsigen Sprung einige Wirbel an, schaffte es aber noch zu Marie Burde nach Hause, wo seine Genesung mehrere Monate dauerte.

Er besuchte zahlreiche Schulklassen

Ende April 1945 wurde Joseph von mehreren russischen Soldaten umringt, die ihn fragten, ob er von der SS sei. Er verneinte und überzeugte sie davon, dass er ein Jude sei. Infolgedessen bekam er eine Bescheinigung, mit der er unbehelligt in Berlin bleiben durfte. Rolf Joseph arbeitete bis 1983 in der Deutschen Waggon- und Maschinenfabrik und ging dann in Rente. Zusammen mit seiner ersten Frau setze er sich dafür ein, dass die Menschen, die ihm während der NS-Zeit geholfen hatten, angemessen geehrt wurden. Auch besuchte er bis zu seinem Tod im Jahr 2012 zahlreiche Schulklassen. „Es war mein Wunsch, mit meinen Vorträgen die Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, auch, damit sich so etwas Schreckliches nicht wiederholt“, zitiert ihn Fabian Herbst.

Quelle: F.A.Z.
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