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Rolf-Joseph-Preis

Warum hassten sie uns Juden so sehr?

Von Sarah Borsch, Daria Wagner, Madeleine Kaiser, Johanna Spornhauer, Tabea Kilian, Goethe-Gym. Bad Ems
Aktualisiert am 17.02.2020
 - 12:38
Wie war das damals, zur Zeit des Nationalsozialismus in Bad Ems? Schüler des Goethe-Gymnasiums haben recherchiert und sind dafür ausgezeichnet worden.

Schon lange hing das Plakat des Rolf-Joseph-Preises an der Wand neben unserem Klassenraum. Doch wirklich darauf aufmerksam wurden wir erst, als eine Lehrerin unserer Schule, Benedicte Schödl, unsere Geschichtslehrerin Elisabeth Knopp ansprach, die uns daraufhin fragte, ob wir nicht an diesem Wettbewerb teilnehmen wollten. Das Interesse war anfangs groß, jedoch bedeutete es für viele eine zu große Belastung, das Projekt weitgehend in der Freizeit durchzuführen. So haben letztendlich nur wir fünf, Sarah Borsch, Daria Wagner, Madeleine Kaiser, Johanna Spornhauer und Tabea Kilian, uns auf die Suche nach „Spuren jüdischen Lebens in Bad Ems“, unserer Heimatstadt, gemacht. Nach umfangreicher Recherche, einem Zeitzeugengespräch und einem Stadtrundgang haben wir uns entschieden, unser Projekt als virtuellen Rundgang durch die Kurstadt zu gestalten. So konnten wir auch die Stimmen von Zeitzeugen bewahren. Um einen Einblick in unser Projekt zu geben, haben wir im Folgenden die eindrücklichsten Elemente zusammengestellt.

Ein freundliches Haus, inmitten alter Bäume, in warmen Farben gemalt – so hat es der Maler Rudolf Kaster gesehen: unser altes Schulgebäude. Es ist abgerissen, es gibt keine Spuren mehr. Oder doch? Edith Dietz ging hier als jüdisches Mädchen zur Schule. Ihrer Familie gehörte das angesehene Modegeschäft Königsberger im Herzen der Kurstadt – im Haus Germania. Ihr Vater hatte dem Haus diesen Namen gegeben. Er war wie schon sein Vater Stadtverordneter in Bad Ems. Bei einer Sitzung der Stadtverordneten starb er 1933 an einem Herzschlag. Vermutlich war er in dieser Sitzung aus dem Gremium ausgeschlossen worden – weil er Jude war.

Das Mädchen vom Modehaus Königsberger

Doch auch Edith Dietz, geborene Königsberger, hat die Taten der Nationalsozialisten zu spüren bekommen. Die Schule war für sie und ihre Schwester unerträglich. So schreibt sie: „Warum hassten sie mich und alle anderen Juden so sehr? Waren wir wirklich so schlecht und unwürdig, deutsch zu sein? Stundenlang stellte ich mich vor den Spiegel. Sah ich anders aus als meine Schulkameraden? Ich konnte keine Unterschiede feststellen. Kein Mensch glich wie ein Ei dem anderen. Ich verstand sie nicht, die Kinder, die mich beschimpften, die braunen und schwarzen Soldaten, die diese Lieder sangen, die Bekannten, die uns auf der Straße mieden.“ Ein Zitat, das uns ganz besonders im Gedächtnis geblieben ist. Es wird einem so deutlich, wie unerklärlich und schrecklich es gewesen sein muss, ausgestoßen zu sein. Auch Ediths Familie wurde Opfer der Nationalsozialisten. Ihr Onkel nahm sich 1938 das Leben, da ihm die Reichspogromnacht das Leben unerträglich gemacht hatte. Ihre Mutter starb 1940 in Köln. Dort wollte sie ihr Krebsleiden behandeln lassen, was ihr in Bad Ems verweigert wurde – weil sie Jüdin war.

Edith Dietz selbst musste 1935 die Schule verlassen und lebte nach einem Jahr in Köln und Worms schließlich in Berlin. Als sie erfuhr, dass ihre verbliebenen Verwandten deportiert werden sollten, flüchtete sie zusammen mit ihrer Schwester in letzter Sekunde in die Schweiz. Nach Kriegsende kehrte sie ihrem Mann zuliebe nach Deutschland zurück. Jedoch sagte sie, sie habe sich nie wieder als Deutsche gefühlt, sondern immer als Europäerin.

Edith Dietz hat viel gegen das Vergessen getan, so schrieb sie das Buch „Den Nazis entronnen“, aus dem sie an ihrer alten Schule, unserem Goethe-Gymnasium, vor vielen Jahren vorlas und die Fragen der Schüler beantwortete. Ihr war es sehr wichtig, ihre tiefgreifenden Erinnerungen an jüngere Generationen – wie unsere – weiterzugeben.

Das verwüstete jüdische Altersheim

Auch Lies Ebinger widmet sich dieser Aufgabe. Sie lebte als christliches Mädchen zur Zeit des Nationalsozialismus in Bad Ems. In einem spannenden und emotionalen Zeitzeugeninterview berichtete sie uns über die Reichspogromnacht: „Kein Mensch war mehr zu sehen, keine Fensterscheibe war mehr ganz, und die Laternen gaben kaltes Licht von sich. Die Angst vor Verhaftungen hielt die Personen, die helfen wollten, von allen Handlungen zurück. Das NS-Regime hatte die Bevölkerung eingeschüchtert und voll im Griff.“

Die damals 12-Jährige war am Morgen des 11. November 1938 mit ihrer Freundin auf dem Weg zum Bäcker, als die beiden Mädchen das verwüstete jüdische Altersheim erblickten: „Die aufgeschlitzten Federbetten hingen aus den Fenstern, ein Konzertflügel lag auf der Straße.“ Am Vorabend hatten die Nazi-Horden die Bewohner, etwa achtzig alte und hilflose Menschen, mit Gewalt in den Keller getrieben und dort eingesperrt. Erst Tage später fand die Polizei in den Trümmern Schmuck und Erinnerungsstücke der Bewohner wieder.

Das jüdische Altersheim in Bad Ems hatte 1938 noch keine lange Geschichte hinter sich: Ab 1897 wurde das Gebäude als israelitisches Zentral-Waisen- und Mädchenheim genutzt, jedoch nur bis 1929. Nach Umbauten diente es dann als Erholungs- beziehungsweise Altersheim für jüdische Lehrer, Kantoren und Beamte. Heute ist das Gebäude ein normales Wohnhaus, und kaum jemand kennt seine bedeutungsvolle Vergangenheit. Nur eine Gedenktafel, 1989 gestaltet von Lies Ebinger in ihrer keramischen Werkstatt, erinnert an die dunkle Historie des Altenheims.

Zertrümmerte Holzbänke der Synagoge

Auch den Mittelpunkt des jüdischen Lebens in Bad Ems, die Synagoge, haben die Nazis in der Reichspogromnacht nicht verschont. Lies Ebinger sieht die Bilder vor sich: „Auf der Straße lagen zertrümmerte Holzbänke, und im Inneren türmten sich die Trümmer bis zur Empore auf.“ Angezündet worden sei die Synagoge jedoch nicht, da eine zu große Gefahr bestanden habe, dass das Feuer sich auf die nahe gelegenen Gebäude ausbreiten könnte.

Beter hatten sich hier seit mehr als 100 Jahren versammelt. Die ersten Baupläne stammen aus dem Jahr 1833, jedoch verhinderte ein evangelischer Pfarrer den Bau, da das Grundstück in der Koblenzer Straße 15 direkt an das des Pfarrhauses grenzte. Vier Jahre später begannen die Bauarbeiten dann in der Römerstraße 65. Am 18. Juli 1837 wurde die Synagoge von Bad Ems eingeweiht. 50 Jahre später wurde sie erweitert. Zur Wiedereinweihung am 24. Juni 1887 erschienen der Bad Emser Gemeinderat sowie Vertreter der evangelischen und der katholischen Kirche, Bürger und Gäste. In der „Emser Zeitung“ stand: „Die hiesige Kultusgemeinde hat alle Ursache, stolz zu sein auf das so schön restaurierte Gotteshaus.“

Für die jüdischen Frauen war die Synagoge mehr als ein Ort zum Beten, wie Bernhard Strauß 1987 in einem Interview mit dem Stadtarchivar Dr. Hans-Jürgen Sarholz berichtete: „Die frommen Frauen sind nur in der Mikwe (Bad der Synagoge) baden gegangen.“ Auch während des Gottesdienstes habe es strenge Vorschriften gegeben: „Die Männer saßen unten und die Frauen oben auf der Empore. Außerdem durften nur Männer die Tora tragen.“

Familie Bernstein bei katholischen Mietern

Die Nationalsozialisten löschten die jüdische Gemeinde in Bad Ems aus. Einige Jahre nach Kriegsende wurde die Synagoge an einen einheimischen Geschäftsmann verkauft, der sie 1955 schließlich abriss und ein Wohnhaus an ihrer Stelle baute. Um an die ehemalige Synagoge zu erinnern, kam im Jahr 1986 der Vorschlag auf, einen Gedenkstein in den Bürgersteig einzulassen, dies wurde aber von der jüdischen Kultusgemeinde Koblenz abgelehnt, da man nicht auf solch eine Gedenktafel treten solle, wie Bernhard Strauß erklärt. Aber im Zuge der Neugestaltung der Römerstraße wurde das Vorhaben 2010 doch realisiert.

In der Nachbarschaft der Synagoge lebte Familie Bernstein. Ein Foto aus den frühen dreißiger Jahren zeigt die jüdische Familie, die bei ihren katholischen Mietern sitzt und mit ihnen zusammen Weihnachten feiert. Das Bild drückt eine harmonische, festliche und ausgelassene Stimmung aus. Dies war für die damalige Zeit jedoch nicht selbstverständlich, denn Juden wurden zuhauf ausgegrenzt oder verfolgt. Aus Angst, selbst verfolgt zu werden, wollte keiner mit einer jüdischen Familie befreundet sein. Keiner wollte solch ein Risiko eingehen.

Familie Bernstein hatte im Jahre 1869 ihr eigenes Hutgeschäft eröffnet. Es lief trotz Judenhass, der von einigen Seiten deutlich spürbar war, gut. 1938 war es jedoch mit dem Frieden für die jüdischen Familien schlagartig vorbei. Es war der 10. November, als über Nacht Geschäfte und Wohnungen der Bad Emser Juden von Angehörigen der SA zertrümmert wurden. Betroffen war auch die Familie Bernstein. Das Hutgeschäft der Familie wurde von SA-Angehörigen mit Hilfe von einigen Zivilisten und Jugendlichen ausgeräumt. Außerdem wurde ihre komplette Wohnung demoliert. Ganz besonders betroffen machten uns die Ereignisse des folgenden Tages. Lies Ebinger berichtete uns, dass Kinder mit den übrig gebliebenen Hüten der jüdischen Familie auf der Straße Fußball spielten, als wäre der vorige Tag so nie geschehen.

Später wurde das Haus der Familie zu einem „Judenhaus“ erklärt. Das bedeutet, dass von dem Zeitpunkt an christliche Bewohner das Haus verlassen mussten und dort diejenigen Juden, die noch lebten, zusammengepfercht wurden. Nachdem sie dort „gesammelt“ worden waren, gelangten sie erst nach Friedrichssegen in ein Arbeitslager, dann durch riesige Transporte über das Konzentrationslager Theresienstadt nach Auschwitz in das Vernichtungslager. So endete leider das Leben viel zu vieler unschuldiger Juden.

Der Vater wurde nach Auschwitz verschleppt

Das Schicksal der Familie Strauß nahm uns besonders mit. Sie wohnte gegenüber von unserer Zeitzeugin Lies Ebinger in der Friedrichstraße. Die gute Nachbarschaft endete am 10. November 1938, nicht am 9. 11., da sich die Bad Emser zunächst weigerten, gegen ihre jüdischen Mitbürger vorzugehen.

Die Familie bestand aus Bernhard und Emma Strauß und ihren Söhnen Horst, Willi und Günter sowie der Großmutter Netta. Der Familienvater war Jude, seine Frau evangelisch. Ihre Kinder waren ebenfalls evangelisch. Der Vater wurde 1938 noch vor der Reichspogromnacht über Sachsenhausen nach Auschwitz verschleppt. Die Mutter Emmi musste ihre Kinder allein versorgen. 1941 kamen ihre älteren Söhne Horst und Willi in Fürsorgeerziehung und wurden 1942 nach Hadamar gebracht. Sie wurden dort in der Tötungsanstalt mit Medikamenten umgebracht. Sie waren erst 12 und 14 Jahre alt. Ihr Vater, Bernhard Strauß, überlebte in Auschwitz und kehrte 1946 als einziger Jude nach Bad Ems zurück. Er veranlasste die Umbettung seiner Söhne vom jüdischen Teil des Friedhofs in den angrenzenden christlichen Teil. Ihr Grab soll immer an das Schicksal der Brüder erinnern.

Der jüdische Friedhof lag ursprünglich, wie es im 18. Jahrhundert üblich war, weit außerhalb der Stadt. Ende des 19. Jahrhunderts waren etwa 40 Gräber belegt, und der Friedhof musste erweitert werden. Der neue Teil umfasst heute etwa 140 Gräber. Angehörige des Kurgastes Meyer Schick aus Moskau stifteten 1881 zu seinem Gedenken eine Taharahalle, wo der Leichnam vor der Bestattung rituell gewaschen wurde. Die Vorhalle ließ Ludolf Rosenheim 1929 zum Andenken an seine Eltern Lina und Louis erbauen.

An diesem Ort brachten Emser Bürger 1988 eine Gedenktafel für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus aus Bad Ems an. Wir fanden viele vertraute Namen wieder. Fanny Königsberger, die Tante von Edith Dietz, war mit 75 Jahren erst nach Friedrichssegen und dann nach Theresienstadt deportiert worden, wo sie starb. So berichtete es ihr Schwager auf einer Postkarte aus dem Konzentrationslager. Auch die Namen von Setta Bernstein und Ida Emmel aus der Römerstraße begegnen uns. Und wir erinnern uns an Netta Strauß und ihre Kinder Karola und Walter und ihre Enkel Horst und Willi, die in Hadamar ermordet wurden.

Wir besuchten die Gräber der Familien Königsberger und Strauß. Bernhard Strauß hatte sich nach seiner Heimkehr aus Auschwitz bis zu seinem Tod 1989 darum gekümmert, dass der jüdische Friedhof in Ordnung gehalten wurde. Die Gräber selbst bleiben auf einem jüdischen Friedhof unverändert, weil dies zum jüdischen Glauben gehört. Kleine Steine auf den meisten Gräbern zeigen, dass jemand an die dort Begrabenen denkt.

Unsere Generation muss dafür sorgen

Auch wir wollen an unsere jüdischen Nachbarn erinnern, die verfolgt und in den Tod getrieben wurden, weil sie Juden waren. Wir denken natürlich oft darüber nach, warum es überhaupt so weit kommen konnte. Leider können wir die Vergangenheit nicht ändern, aber wir können an sie erinnern und dürfen sie nicht in Vergessenheit geraten lassen. Wir, unsere Generation, müssen dafür sorgen, dass so etwas Schlimmes nie wieder passiert.

Das Projekt „Auf den Spuren jüdischen Lebens in Bad Ems“ hat uns verändert: Wir haben viel mehr Respekt vor dem Judentum bekommen. Wir gehen nicht mehr achtlos an Stolpersteinen vorüber, denn wir kennen die Schicksale jüdischer Mitmenschen, die infolge des Holocausts ihr Leben verloren. Unsere Sicht auf die Vergangenheit hat sich geändert, weil wir sie mit Personen verbinden. Besonders berührt hat uns das Gespräch mit unserer Zeitzeugin Lies Ebinger, die uns einen Einblick in ihre Kindheit gewährte und uns so die Vergangenheit nahebrachte. Es gibt nicht viele Menschen, die über diese Zeit sprechen, und deswegen sind wir Lies Ebinger sehr dankbar.

Danken möchten wir auch den Initiatoren des Rolf-Joseph-Preises, die uns all diese bewegenden Erfahrungen ermöglicht und uns in Berlin in einer ergreifenden Veranstaltung den Rolf-Joseph-Preis verliehen haben. Danken möchten wir schließlich der Jüdischen Gemeinde der Synagoge Pestalozzistraße in Berlin für die Möglichkeit, an ihrem Schabbat-Gottesdienst teilzunehmen. Es war für uns alle eine neue Erfahrung und hat uns zutiefst berührt.

Sarah Borsch, Daria Wagner, Madeleine Kaiser, Johanna Spornhauer, Tabea Kilian, Goethe-Gymnasium, Bad Ems

Informationen zum Preis - Schüler können mitmachen

Der Rolf-Joseph-Preis wird jährlich verliehen und lädt Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 8–11 zu Beiträgen zum Jüdischen Leben damals und heute ein. Weitere Infos unter: www.rolfjosephpreis.de

Quelle: F.A.Z.
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