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Routenschrauber

Er sorgt für pink 7– und blau 6+

Von Silja Schabert, Asam-Gymnasium, München
 - 10:35

Wenn ein Besucher zum ersten Mal in eine Kletterhalle kommt, sieht er hohe Wände mit verschieden starken Neigungen und Vorsprüngen. Überall an diesen Wänden klettern an Seilen gesicherte Menschen. Dazu benutzen sie mit Händen und Füßen bunte Griffe, die an die Wände geschraubt sind. Auf den ersten Blick scheinen diese Griffe wild durcheinandergemischt an die Wand geschraubt zu sein. Tritt man näher, erkennt man auf Augenhöhe an der Wand in regelmäßigen Abständen Schilder, auf denen seltsame Angaben stehen: „pink 7-“ oder „blau 6+“. Hierbei handelt es sich um die Farbe der Klettergriffe, die zusammen eine sogenannte Route ergeben, und um die Bewertung des Schwierigkeitsgrades, wenn man mit Händen und Füßen nur die Griffe dieser Farbe beim Klettern verwendet. Der neugierige Besucher hört dann zum Beispiel, wie zwei Kletterer sich unterhalten und der eine stolz zum anderen sagt: „Ich habe gerade die pinke 7- da drüben geschafft.“ Der andere antwortet: „Wirklich? Ich habe letzte Woche den Kletterzug in der Mitte der Route nicht geschafft.“ Sein Bekannter erwidert: „Ach, dort musst du den linken Fuß auf den Griff setzen und dann mit der rechten Hand hoch zum nächsten Griff langen.“

Viel in den Bergen unterwegs

Damit an den Wänden in der Kletterhalle Routen in verschiedenen Schwierigkeiten mit interessanten und doch kletterbaren Bewegungen herauskommen, setzt die Kletterhalle sogenannte Routenschrauber ein, die mittels Hebebühne in angesperrten Wandbereichen nach oben fahren und mit Akkuschraubern die Griffe befestigen. Das passiert je Wandabschnitt etwa alle drei Monate. Einer dieser Routenschrauber ist der 36-jährige Julius Kerscher aus München. Er trägt Kletterklamotten, die braunen Haare reichen ihm bis zu den Schultern. In der Schule hat ihm besonders Mathematik Spaß gemacht. Und auch schon während der Schulzeit trieb er Sport (Klettern, Snowboarden, Skaten) und war viel in den Bergen. Nach der Schule hatte er sich zuerst für ein fünfjähriges Studium der Mathematik und der Volkswirtschaftslehre entschieden, was er nicht bereut. Nach dem Studium fragte er sich, was er damit nun beruflich anfangen könne – ob er in die Forschung gehen sollte, zu einer Bank, einer Versicherung oder in die Unternehmensberatung. Schließlich entschied er sich für Letzteres, „aus Neugier, und weil es sich so ergeben hat“, wie er sagt. Auch Unternehmensberater ist keine geschützte Berufsbezeichnung und kann viele verschiedene Tätigkeiten umfassen. Seine Arbeit lag auf dem Gebiet der Datenverarbeitung.

Er schraubt regelmäßig in zehn Hallen

Danach folgte eine Phase, in der er sich überlegte: „Arbeite ich wieder in einem großen Konzern mit weniger Freiheit und dafür mehr Sicherheit, oder möchte ich weniger Sicherheit und dafür mehr Freiheit?“ Nach einem halben Jahr traute er sich zu sagen: „Ich will mehr Freiheit.“ Er wurde freischaffender Künstler, malte, zeichnete und verdient auch bis heute Geld mit dem Verkauf seiner Bilder. Julius Kerscher kletterte während dieser ganzen Zeit weiterhin und machte schließlich das Schrauben von Kletterrouten neben der Kunst zu seinem Beruf. Momentan schraubt er vor allem in vier Hallen, insgesamt regelmäßig in zehn, das ist seine Haupteinnahmequelle. Routenschrauber ist keine offizielle Berufsbezeichnung, es gibt keine Ausbildung und kein Diplom dafür. Außer der eigenen Erfahrung als Kletterer brauchte er für diese Arbeit auch Kenntnisse über die Sicherungstechnik in der Höhe. Die erwarb er sich unter anderem durch seine Ausbildung zum Fachübungsleiter Alpinklettern, in der er viel über Seil-, Sicherungstechnik und Flaschenzüge gelernt hat.

Keine Kunst, aber ziemlich kreativ

Für ihn ist das Routenschrauben zwar keine Kunst, aber ebenfalls eine kreative Tätigkeit – ein Kunsthandwerk, das auch wieder eng mit der Mathematik zusammenhängt. Eine Kletterroute lässt sich zwar nicht mathematisch oder per App berechnen. Der Routenschrauber muss sich aber die Abfolge der Griffe, ihre Formen und die sich daraus ergebenden Bewegungen vorstellen und sie im Kopf zu einer Kletterroute zusammensetzen. Somit ist das Schrauben einer Route ein Wechselspiel aus Freiheit und Funktionalität. Am Ende soll man die Route schließlich klettern können, und die Bewegungen müssen einen Sinn ergeben. „Man hat auch einen künstlerischen Anspruch, die Route soll schön sein und nicht nur funktionieren“, erklärt Kerscher.

Seine Griffrohlinge werden professionell produziert

Aus dem Routenschrauben hat sich noch eine weitere Tätigkeit ergeben – das Entwerfen von Klettergriffen. Er schnitzt die Griffrohlinge, die dann von der Firma Allgäu Holds produziert werden. Dabei muss er vor allem darauf achten, dass der Griff sich beim Klettern gut benutzen lässt und in der Kletterroute einen Sinn ergibt. Ein Thema liegt Kerscher noch am Herzen, das mit der Mathematik, aber auch mit seinem Werdegang zu tun hat, und zwar das Umgehen mit Fehlern und Scheitern. Mit der Mathematik habe er eine Kultur kennengelernt, in der das Fehlermachen dazugehört und sogar positiv bewertet wird, solange man die Fehler erkennt und daraus lernt. Auch im Klettern sei diese Haltung wichtig, weil man nur so an kniffligen und schweren Bewegungen, die an der Grenze des eigenen Könnens liegen, arbeiten kann.

Quelle: F.A.Z.
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