Rudern über den Atlantik

4444 Seemeilen rudern

Von Boyana Ruseva, Galabov-Gymnasium, Sofia
16.09.2021
, 18:55
Vater, Sohn und der Atlantik: Am Anfang hatte der junge Bulgare Angst vor dem gewaltigen Ozean und wohl auch davor, erst nach drei Monaten zum ersten Mal wieder Land zu sehen.
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Land! Wir sehen seit drei Monaten zum ersten Mal wieder Land! Barbados, wir kommen.“ Am 6. Oktober 2020 um 12 Uhr legt ein kleines, weißes Boot am Ufer der Antilleninsel an. Nach 105 Tagen und geruderten 4444 Seemeilen ohne Pause – einem Wechsel alle zwei Stunden – gehen Maksim und sein Vater Stefan Ivanov an Land. Maksim besucht die 11. Klasse der St.-George-Schule in Sofia. Der 17-Jährige nimmt an Debatten teil, bereitet sich auf die Universität vor, und manchmal an Wochenenden fährt er den ganzen Tag leidenschaftlich mit dem Rad. Sein Vater Stefan ist Immobilienunternehmer von Beruf. Der 48-Jährige weckte die Leidenschaft für Abenteuer in Maksim. Vor zwei Jahren scherzte der Vater, dass sie in der Zeit vor den Orkanen den Atlantischen Ozean von Osten nach Westen mit einem einzelnen Ruderboot überqueren. Vor der Reise lesen Maksim und sein Vater viel über das Rudern, den Ozean, das Bootbauen. Mithilfe von Freunden bauen sie selbst nach den angelesenen Informationen in zwei Jahren ein Boot. Der Motor fehlt, nur zwei Ruder sind vorhanden. Neverest ist sein Name: „You should never rest until you reach your Everest“, erklärt Maksim. Die Familie ist selbstverständlich besorgt. Maksims Mutter und Schwester sagen, dass sie jede mögliche Minute den beiden Abenteurern durch die Koordinatensysteme folgen und sie sich täglich am Telefon hören sollen.

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„Erfahrung ist der Mörder meiner Angst“

Der Tag des Aufbruchs war der 14. Juni. Vater und Sohn befinden sich allein inmitten des unendlichen Ozeans. Stürme ziehen auf. Gewitter und Blitze, neun Meter hohe Wellen, räuberische Haifische, Schäden am Navigationsgerät oder am Boot, die zum Untergang führen können. „Am Anfang hatte ich Angst. Ich will nicht aufgeben, und ich kann nicht mehr. Falls wir in der Mitte des Nichts eingesperrt bleiben, würde es das Ende sein“, berichtet Maksim. Ideen mussten entwickelt werden, wenn etwas entzweiging. Das Boot ist jeden Tag mit hundert Litern Wasser überflutet. Die Wassermengen sind abzupumpen. Der Autopilot bricht zusammen, die Solarzellenplatten, die das Navigations- und Kommunikationssystem laden, hören auf zu funktionieren. Die Ruderanlage geht kaputt. Ohne sie können Vater und Sohn sich nicht in der gewünschten Richtung bewegen. Nach der sechsten Reparatur ist sie fester als zuvor. Die Solarzellenplatten stellen beide wieder her, indem sie die Halbleiter zwischen ihnen und den Geräten verstärken. Die Verbindung mit der Familie ist wieder da. „Diese Bedingungen zwingen meinen Körper und meinen Geist, sich anzupassen. Anfänglich, als wir den Boden des Boots von Seeschnecken befreiten, bin ich ängstlich vor Haifischen gewesen. Nach zwei Wochen habe ich mich daran gewöhnt. In Pausen springe ich sogar ins Wasser, um mich abzukühlen. So mache ich die Angst um mein Leben zum Herrn meines Schicksals, zum Herrn meines Lebens. Meine Erfahrung ist der Mörder meiner Angst.“

„Das Wichtigste ist die psychische Einstellung“

Eine positive Sichtweise den alltäglichen Dingen gegenüber wird zum Schlüssel. Jede zweite Stunde muss ein Wechsel stattfinden. Statt an die stickige Kajüte zu denken, freut sich Maksim darauf, in der Pause ein Buch zu lesen oder einen Podcast anzuhören. Die meisten Tage spricht er mindestens eine Stunde mit Freunden und Verwandten am Handy. „Ich stelle mir vor, dass der Mensch vor mir steht, und unterhalte mich mit ihm. Es ist nicht leicht, aber schenkt mir Kraft.“ Diese Methode erleichtert es, die Pflichten zu erledigen. „Heute denke ich über die heutigen Probleme nach, morgen werde ich über die zukünftigen Probleme nachdenken. Ich wusste, dass wir eines Tages unser Ziel erreichen werden.“ Ruhe und Zuversicht haben geholfen. „Das Wichtigste ist die psychische Einstellung! Ich bin in eine Zen-Zone geraten“, sagt er lachend. Wenn sie niedergedrückt sind, geben sie sich doppelt Mühe. Zwei Stunden brauchen sie, um 200 Meter zu überbrücken. Für die Zeit, den Wechsel zwischen beiden durchzuführen, verlieren sie fast 200 Meter. Der Wind mit einer Geschwindigkeit von mehr als 200 Stundenkilometern treibt sie zurück. „Es ist furchtbar! 30 Sekunden Pause, und der Trübsinn kehrte zurück und stellte uns auf null.“ Der Ozean stärkt die Psyche eines Menschen. „Ich beginne das Wichtige zu schätzen, das Leben und die Gesundheit, und sie nicht als Gegebenheiten anzunehmen. Mein Vater ist sehr stolz auf mich“, sagt Maksim froh. „Wir sind zu einem einzigen Menschen geworden.“ Lächelnd sagt er: „Ich kann es nicht glauben, als David aus Französisch-Guayana uns trifft, um uns mit Lebensmitteln zu versorgen. Einen anderen Menschen erblickt er. Ich schaue aus, als ob ich ein Außerirdischer wäre.“

Unterstützung für die Organspende

Vor der Reise entscheiden sich die Ivanovs, die Organspende in Bulgarien zu unterstützen. „Wir wollen uns für etwas Karitatives in Bulgarien entscheiden und erfahren, dass es hier ein großes Problem mit der Organspende gibt.“ Sie hoffen mit ihrer Reise die Aufmerksamkeit hierfür zu erhöhen. Auf ihrem Boot sind die Zeichen des bulgarischen Fonds, der die Organspende unterstützt. 105 Tage dauerte das Abenteuer. Nach dem Rückflug nach Bulgarien ist der Teenager abgehärtet und gefestigt in seiner Persönlichkeit und wartet darauf, neue Hürden zu meistern.

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Quelle: F.A.Z.
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