Schiffsmodellbau

Bööteln ist das Coolste

Von Marie Alich, Kantonsschule Uetikon am See, Uetikon am See
Aktualisiert am 09.10.2020
 - 13:44
Das Hobby lässt sich drinnen und draußen ausüben, ist technisch, naturnah aber bei jungen Leuten wenig populär: Ein Schweizer Schüler über den Schiffsmodellbau

Es wird geredet und gelacht, in der Luft liegt der Duft von Grillwürsten. Leise tönt Wassergeplätscher von Schiffsmodellbau-Booten. Es gibt große, kleine und schnelle Boote, bei allen Booten wird sichtbar, wie viel Aufwand investiert wurde. Eines besitzt einen kleinen Feuerlöscher und ein Rettungsboot, beide sind mit der Fernsteuerung kontrollierbar. Diese ist 20 mal 30 Zentimeter groß, hat viele Knöpfe und Regler. Sie sind nötig, um die Funkti-onen des Bootes zu kontrollieren. Beim Schautreffen im Freibad Mühlehölzli in Vaduz versammeln sich Sammler und Bastler, um ihre schönsten Schaustücke zu präsentieren. Die Boote werden ins Wasser gesetzt und fahren ferngesteuert los. So vielfältig, wie die Boote sind, so bunt ist auch die Gemeinschaft. Es sind Senioren, Erwachsene und Familien da. Jugendliche sieht man kaum. Nur einer steht mittendrin. Frédéric Kessler, 1,70 Meter groß, blaue Augen, blondes Haar. Der 16-Jährige geht in die Kantonsschule Uetikon am See mit dem Fach Wirtschaft als Schwerpunkt. Er steht nicht regelmäßig in der Werkstatt, sondern arbeitet nach Lust und Laune. Es kann sein, dass er einen Monat lang nichts macht und dann in den Ferien fast jeden Tag tätig ist. Auf das Hobby kam er durch seinen Vater. Zusammen verfügen sie zu Hause, in einer Gemeinde, die an der Goldküste vom Zürichsee liegt, über eine Sammlung von 80 Schiffen, davon können 40 auf dem Wasser fahren. Nur ein kleiner Teil ist von ihnen gebaut worden, der andere Teil wurde gekauft.

Auf den Accounts werden schöne Boote gezeigt

Mit sieben Jahren ist Frédéric Kessler mit seinem ersten Modellschiff gefahren. „Das Bööteln ist für mich das Coolste. Im Winter stand ich zusammen mit meinem Vater in der Werkstatt, im Sommer haben wir die Schiffe auf dem Zürichsee fahren lassen.“ Frédéric kann stolz auf seine Leistungen sein, zweimal ist er zum Schweizermeister in der Kategorie Junioren ernannt worden. „Leider wird mein Titel nicht richtig anerkannt, da wir sehr wenige Teilnehmer sind“, meint er ärgerlich. Jedes Jahr gibt es meist nur drei Teilnehmer bei der Schweizer Meisterschaft für Jugendliche. In Deutschland wurde sie sogar abgeschafft. Von Jahr zu Jahr gab es immer weniger Teilnehmer, bis kein Wettkampf mehr veranstaltet werden konnte. „Die Nettonachwuchszahlen sind in den letzten Jahren rückläufig“, meint Dieter Matysik, Präsident des Dachvereins Nauticus. „Selber bin ich im Modellschiffsclub im deutschen Oberhausen tätig“, erklärt er auf Nachfrage am Telefon. In die vielen Clubs, die Deutschland hat, kommen immer weniger bis gar keine Jugendliche mehr. Oft ist es so, dass sich Kinder dafür interessieren, meist hat sie jemand aus der Familie darauf gebracht. Als Jugendliche geben sie das Hobby auf, da sie keine Zeit mehr dafür haben. Viele Clubs versuchen, neue Mitglieder anzulocken und vor allem die Jugendlichen anzusprechen. Manche machen in den sozialen Medien Werbung. Auf den Accounts werden Bilder von Events und schönen Booten geteilt. Für den Schweizer Schiff-Modell-Verband ist Frédéric Kessler für den Instagram-Account verantwortlich.

Spitzengeschwindigkeiten von 200 Kilometern in der Stunde

Vielleicht machen sich manche ein falsches Bild vom Modellschiffbau und meinen, dass das alles sehr teuer ist. Doch das ist zum Teil falsch. Viele Boote kann man schon ab 50 Euro kaufen und einfach nur Spaß haben, wenn man sie zusammenbaut. Es gibt Modelle, für die nur Schere und Kleber gebraucht werden. Es gibt Boote, die nur für das Rennen gedacht sind. Diese können Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 200 Kilometern in der Stunde erreichen. Viele Schiffe können riesig werden, bis zu vier Meter lang. Auch U-Boote und Segelschiffe sind ein Teilgebiet. „Ein Schiff ist niemals ganz fertig, man kann es immer verbessern und spezielle Funktionen einbauen“, sagt Frédéric. Zum Beispiel Soundmodule oder eine kleine Rauchmaschine. Wer Technik mag, kann sich mit dem Bau eines Motors auseinandersetzen. „Das Hobby ist auch gut, um einfach mal komplett von der Außenwelt abzuschalten“, findet Frédéric.

Quelle: F.A.Z.
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