Schiffswerft Albaola

Traum einer Walfanggaleone

Von Pedro Liedo Echeberria, Deutsche Schule Bilbao
Aktualisiert am 09.10.2020
 - 13:25
Schiffsbau wie im 16. Jahrhundert: Der baskische Schiffsbauer Xabier Agote interessiert sich für Marinegeschichte und betreibt eine Museumswerft.

In der Hafenstadt Pasaia, keine zehn Kilometer östlich von San Sebastián am Golf von Biskaya gelegen, befindet sich Albaola, eine Schiffswerft, die in ein „lebendes Museum“ umgewandelt wurde. Im Innern beherbergt es ein Stück Geschichte. Im Jahr 2010 kaufte der Zimmermann Xabier Agote, der sich leidenschaftlich für Marinegeschichte interessiert, das seit Jahrzehnten ungenutzte Werftgebäude, um seinen Traum zu verwirklichen: eine Walfanggaleone zu bauen. Seit 2013 baut das Werftmuseum Albaola, auf Deutsch „Welle der Morgenröte“, eine Nachbildung der Nao San Juan, eines baskischen Walfängers, der 1565 in Kanada sank und im Hafen von Pasaia, damals einer der wichtigsten im Golf von Biskaya, gebaut wurde. Sieben Jahre nach Beginn des Wiederaufbaus sind die drei Decks des „Schiffs des heiligen Johannes“ fertiggestellt, man hofft, dass die Galeone bis Ende 2021 zu Wasser gelassen werden kann. „Sehen Sie sich das an: Es hat drei Decks; das war damals eine Neuigkeit in ganz Europa. Amerika war gerade erst entdeckt worden, die transozeanischen Reisen begannen, und Schiffe mit viel mehr Kapazität wurden benötigt. Die Schiffsbesatzung fuhr für neun Monate nach Neufundland. Sie transportierten Proviant, Lastkähne mit Walfanggeräten und Material zum Aufstellen der Öfen, in denen sie den Tran schmelzen ließen, und kehrten mit etwa 1000 oder 2000 Barrel Öl zurück. Jedes wurde für umgerechnet 5000 Euro verkauft“, sagt Ane Larrun, eine Touristenführerin.

Nach Anweisungen des letzten Seilmachers

In Pasaia wurden auch Galeonen für die Carrera de Indias in den goldenen Jahren der spanischen Eroberung Amerikas gebaut. „Ich vergleiche es mit dem Weltraumrennen im 20. Jahrhundert. Kastilien war das mächtigste Reich und hatte sein Zentrum der maritimen Technologie an der baskischen Küste. Diese Werften waren sozusagen die Nasa, und der Hafen von Pasaia war Cape Canaveral; hier kamen die Raketen der damaligen Zeit für amerikanische Waren heraus“, erklärt Ane Larrun. „Das Besondere an diesem Projekt ist, dass man genauso wie vor 500 Jahren arbeitet, die gleichen Verfahren und Materialien verwendet.“ Zwei Frauen flechten beispielsweise Seile mit der von ihnen entworfenen Kurbel- und Ritzelmaschine nach den Anweisungen des letzten Seilmachers in Pasaia. „Das ist ein Schüler unserer Schiffszimmermann-Schule, der das Baumharz aufstreicht, das wir auf einem Karren aus Quintanar de la Sierra mitgebracht haben, um die Galeone abzudichten“, sagt Ane Larrun.

Besitzer Agote überwacht dies alles: „Für mich, als ich neun Jahre alt war, war der Hafen der Eingang zu einem anderen Universum. Die Boote, die mit Sardellen, Thunfisch und Seebarschen zurückkehrten, der Fischmarkt, die Netze, der Geruch der Sardinen, das Treiben. Ich ging mit meiner Angelrute und schaute mir alles an. Diese alten Boote, die niemand wollte und die verrotteten, ich liebte sie.“ Mit 18 Jahren sah er einen Bericht des französischen Fernsehens über eine Schule für Marineschreinerei in Maine. Plötzlich wusste er, was er wollte. Er arbeitete, sparte Geld, studierte Englisch und wanderte im Alter von 23 Jahren aus seinem Dorf Pasaia aus, um drei Jahre lang den Beruf des Schiffszimmermanns zu erlernen, den niemand mehr brauchte. In Maine wurden alte Schiffe nicht nachgebaut, um sie in Museen auszustellen, sondern um mit ihnen zu segeln. Eines Tages, so dachte Agote, würde er die Nao San Juan bauen und über den Atlantik segeln. Diese Galeone hatte ihn seit 1985 fasziniert, als er ihr Wrack auf dem Cover sah, das National Geographic den baskischen Walfängern widmete.

Die San Juan sank während eines Sturms

Fast ein Jahrhundert lang trafen jeden Frühling Dutzende von Galeonen an den Küsten von Neufundland und Labrador ein. Tausende von Seeleuten errichteten Lager, jagten Wale und schmolzen deren Speck in Zusammenarbeit mit den einheimischen Mi’kmaq, Innu und Beothuk. Sie unterhielten sich in einer algonquinisch-baskischen Mischsprache. Die San Juan sank während eines Sturms in der Red Bay. Das eisige Wasser hielt sie in einem außergewöhnlichen Zustand, bis sie 1978 von Unterwasserarchäologen der kanadischen Regierung entdeckt wurde. Acht Sommer lang bargen sie sie Stück für Stück. Agote erhielt die notwendigen Hinweise, um die Galeone zu bauen, von der er so lange geträumt hatte. Schon 1997 hatte er die Albaola-Asociación gegründet, um Zimmerleute auszubilden und traditionelle Boote nachzubauen. 2004 gab ihnen die öffentliche Agentur Parks Canada die Informationen, um eine Nachbildung eines der Walboote zu bauen, die die San-Juan-Galeone transportierte. „Im Gegenzug verlangten sie absolute Treue in den Details, im Material und in den Werkzeugen. Wie im 16. Jahrhundert zu arbeiten ist schwierig, aber es ist der beste Weg, die Technologie unserer Vorfahren zu verstehen.“ Vor sieben Jahren begannen sie, die Nao San Juan zu errichten. „Die Galeone wird spektakulär sein, aber was für uns am wichtigsten ist, ist der Bauprozess, das Erlernen der Berufe.“ 2018 besuchten 63 000 Menschen das Museum, sahen der Arbeit der Schreiner, Schmiede und Seilmacher zu, besichtigten die Ausstellung über die Walfangodyssee und das wachsende Skelett der Galeone.

Quelle: F.A.Z.
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