Schule im Krieg

Unterirdischer Unterricht

Von Julika Diener, Ludwigsgymnasium, Saarbrücken
Aktualisiert am 24.09.2020
 - 15:45
Lernen im Bombenkeller, traumatisierte alte Lehrer: Corona weckt Erinnerungen an Schule im Krieg. In diesen Monaten erinnern sich viele schmerzlich daran.

Zu Beginn der Corona-Zeit habe ich mich abends unter meiner Bettdecke verkrochen und gedacht: Wenigstens fallen keine Bomben.“ Karin Michels ist 1937 in Saarbrücken geboren. In einem Garten im Stadtteil Güdingen erzählt die ehemalige Gynäkologin von jäh aufblitzenden Erinnerungen und Ängsten, die sie besonders zu Beginn der Pandemie überfielen. „Ich bin ein sehr ängstlicher Mensch. Auch wenn ich als fünf- oder sechsjähriges Mädchen noch nicht vollkommen bewusst mitbekommen habe, was es bedeutet, im Krieg zu sein, habe ich doch die Angst der Eltern deutlich gespürt.“ Dieses Kindheitsmuster prägt die schlanke 82-Jährige bis heute. Sie nimmt die Einschränkungen ernst. Auch ihr 86 Jahre alter Nachbar Horst Martin, ein ehemaligen Angestellter der Halberger Hütte, hält Abstand und macht eine zeremonielle Verbeugung, als er zum Kaffee kommt.

Man weiß nocht nicht genau, was passiert

Heiko Terhaag, ein ehemaliger Grundschulrektor, wohnt mit seiner Frau in Boisheim am linken Niederrhein. Er erzählt am Telefon, dass die Isolation für ihn problematisch war. „Ich habe zu meiner Tochter gesagt: Das ist doch viel schlimmer als im Krieg“, sagt der 82-Jährige. „Sie hat mir geantwortet, dass wir doch nicht durch Hunger oder Bomben in unserer physischen Existenz bedroht seien, und mich gefragt, warum ich denn überhaupt diesen Vergleich ziehen würde. Da ist mir klargeworden, wie wichtig die direkten sozialen, familiären und freundschaftlichen Kontakte sind – und wie sehr sie fehlen.“ Während der Corona-Krise kommt in vielen älteren Menschen die Angst auf, dass die Solidarität, wie sie sie zu Kriegszeiten erlebt haben, heute nicht mehr da ist. Sie haben kein Verständnis für Menschen, die sich nicht an die Hygiene- und Abstandsregelungen halten. „Man weiß ja noch nicht, was bei Covid-19 genau im Körper passiert, besonders auch, was die Folgeerkrankungen angeht“, sagt die Ärztin Michels. Die Ruheständler betonen, wie wichtig im Krieg der Zusammenhalt im Alltag, die gegenseitige praktische Unterstützung und das physische Zusammenrücken waren – und dass genau das durch das Virus unmöglich gemacht wird.

Angriff der Royal Air Force in der Nacht

Karin Michels telefoniert seit dem Beginn der Krise mehr und führt Gespräche mit dem 86-jährigen Lebensgefährten ihrer jüngeren Schwester, Hans-Peter Dittrich. Der ehemalige Architekt unternimmt mit seiner Partnerin lange Wanderungen auf der Schwäbischen Alb. Corona weckt auch noch eine andere Erinnerung bei den alten Leuten: Alle haben die Erfahrung gemacht, dass die Schule ausfällt, denn in den letzten beiden Kriegsjahren war an Regelunterricht nicht mehr zu denken. Dittrich schreibt in seinen Memoiren, dass der Unterricht bei Fliegeralarm nach 24 Uhr am nächsten Tag ausfiel: „Groß war die Enttäuschung, wenn die russischen Flieger kurz vor 24 Uhr abdrehten.“ Schon Grundschüler mussten zur Unterstützung der „Volksgemeinschaft“ Altmaterial und Heilpflanzen sammeln. Dittrich erinnert sich an seine erste und vorerst letzte Englischstunde im August 1944 und an den Angriff der Royal Air Force in der Nacht vom 29. auf den 30. August 1944. Bei diesem schwersten Angriff auf Königsberg wurde das Gebäude der Hindenburg-Oberschule völlig zerstört. Nach der Flucht aus Königsberg besuchte Dittrich die Staatliche Oberschule in Oschatz. „Das Schulhaus wurde als Lazarett genutzt, der Unterricht fand in dem dahinter gelegenen Internat statt.“ Im Frühjahr 1945 hebt er mit seinen Klassenkameraden Schützengräben aus. Im Saarland wurde der Schulbetrieb zum Sommer 1944 aufgrund der häufigen Luftangriffe eingestellt. Auch am linken Niederrhein waren Bombardierungen an der Tagesordnung. „Unser Einfamilienhaus hatte einen Gewölbekeller, deshalb fand sporadisch im Wohnzimmer mit fünf bis sechs Kindern ein Hausunterricht statt. Bei Alarm sind dann alle sofort in diesen niedrigen Keller gerannt“, berichtet Terhaag. An unterirdischen Unterricht erinnert sich auch Horst Martin: „Zeitweise wurden wir in einem Bunker unter dem heutigen Otto-Hahn-Gymnasium unterrichtet.“ Eine Erfahrunge hat sich ihm unauslöschlich eingeprägt. An der „Oberrealschule Horst Wessel“, wie das Gymnasium damals hieß, wurden Schüler seit dem Mai 1942 als Flak-Helfer ausgebildet. Als am 11. Mai 1944 bei einem Angriff auf eine Saarbrücker Flak-Stellung 16 Flak-Helfer ums Leben kamen, war davon eine halbe Schulklasse betroffen. „Dann hatten wir mal wieder eine Trauerfeier in der Schule“, sagt Michels.

Auch er litt Hunger, doch der Chor half

Die Bedingungen in den Schulen der Nachkriegszeit sind heute unvorstellbar. Hunger und Wohnungsnot waren an der Tagesordnung. „Wir sind morgens als Kinder von acht Jahren mit einer Mohrrübe in der Hand losgeschickt worden. Die Rübe war unsere Tagesration“, erzählt Michels. Heiko Terhaag war unterernährt. „Mit Nachbarskindern war ich ständig auf der Suche nach Essbarem. Die Gärten der Nachbarn, die Stoppelfelder und die Scheunen und Ställe der Bauern, die es damals im Dorf noch gab, waren immer einer Inspektion würdig.“ Auch Horst Martin litt Hunger. Als im November 1947 das Saarland dem französischen Wirtschaftsraum angegliedert wurde, änderte sich die Situation für ihn. Er war im Mozartchor in Saarbrücken: „Einmal die Woche verließen wir Choristen Punkt zwölf den Unterricht ohne Protest der Lehrer und begaben uns ins französische Offizierskasino, wo wir ordentlich zu Mittag essen konnten, ein Privileg.“

Die Ausstattung der Schulen war mangelhaft. In Saarbrücken waren bis auf die ehemalige Horst-Wessel-Schule alle Gymnasien zerstört. „Man führte einen Schichtdienst ein, das heißt, die eine Schule unterrichtete morgens im Gebäude, die andere nachmittags. Das Gebäude war eiskalt, so dass wir alle im Mantel dasaßen“, erzählt Martin. Ab 1942 war die schriftliche Reifeprüfung ausgesetzt worden. Viele hatten ein „Notabitur“ gemacht und wurden dann in den Krieg geschickt. Ihnen fehlte oft ein ganzes Jahr Unterricht. Um studieren zu können, musste dieser Stoff nachgeholt werden. „Ich bin dann als 16-Jähriger mit 22-Jährigen zur Schule gelaufen“, sagt Horst Martin. Es mangelte an Büchern, ideologisch nicht vorbelastetem Material, oft gab es nicht einmal Papier. „Mein Vater war Studienrat und hat damals im Keller der Auguste-Viktoria-Schule, des heutigen Gymnasiums am Schloss, für mich nach alten Heften gesucht. Die Lehrer waren aus dem Ruhestand zurückgeholte 70-Jährige, oft auch noch älter. Die Lehrerinnen hatten oft nur ,Puddingabitur‘“, erinnert sich Michels. „Unter meinen Lehrern gab es viele, die kriegsversehrt und traumatisiert waren.“ Terhaag zählt auf: „Meinem Klassenlehrer fehlte die Nase, der Französischlehrer hatte nur noch einen Arm, und der Lateinlehrer war beinamputiert. Das führte dazu, dass diese Lehrer starke Schmerzen hatten und oft ihre schlechte Laune an uns ausließen.“

Sie hat es nicht überlebt

Im Saarland und in einigen anderen Regionen wurde die Kontinuität des Unterrichts noch einmal unterbrochen. 1952 gab es in Deutschland eine Welle von Poliomyelitis-Infektionen. Die Schule fiel nach den Sommerferien weitere sechs Wochen aus. „Kinos und Schwimmbäder waren geschlossen, aber es gab keine Maskenpflicht oder Abstandsregelungen“, sagt Martin. Viele saarländische Familien schickten ihre Kinder deshalb über die Ferien fort, da Saarbrücken als Hotspot galt. Ihre Nachbarin, eine junge Referendarin, erkrankte an der Kinderlähmung und wurde nach Höxter geschickt, weil es da eine Eiserne Lunge gab. „Sie hat es nicht überlebt“, sagt Michels. „Es wurde erst alles besser, als es endlich zuerst die Salk-Impfung und später die von Albert Sabin entwickelte Schluckimpfung gab.“

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot