Schwäbische Kaffeeröster

Auf Augenhöhe mit den Kaffeebauern verhandeln

Von Frederic Brand, Evangelisches Heidehof-Gymnasium, Stuttgart
16.09.2021
, 18:03
Schwäbische Kaffeeröster und Direktimporteure bemühen sich um guten und fair vermarkteten Kaffee - auch weil jede Bohne einzeln geerntet wird.
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Das Surren einer Kaffeemühle füllt den Raum, dazu ein dezentes Krachen, Knirschen, Zerbrechen. Das fein gemahlene Pulver rieselt in den Siebträger, fast gleichzeitig breitet sich der schokoladig-nussige Geruch von frisch gemahlenem Kaffee aus. Der 41-jährige Heiko Blocher bereitet einen seiner schon weit über den Stuttgarter Osten hinaus bekannten Schwarzmahler-Espressi zu. Vor zehn Jahren begann der ausgebildete Sozialpädagoge und leidenschaftliche Kaffeetrinker mit Schwarzmahler nachhaltigen, qualitativ hochwertigen und leckeren Kaffee anzubieten. Inzwischen ist sein kleines, liebevoll gestaltetes Geschäft in Stuttgart fest verankert. Kaffeekirschen wachsen nur rund um den Äquator, daher war es für Blocher eine große Herausforderung, wirklich nachhaltigen und direkt zurückverfolgbaren Kaffee für seine eigenen Mischungen zu bekommen. Selbst zu importieren ist für ein kleines Unternehmen wie Schwarzmahler mit viel Aufwand und großen Hürden verbunden. Heiko Blocher hält schon immer viel von südamerikanischem Kaffee. Auf der Suche nach einem verlässlichen Partner lernte er Carola Larios-Postel kennen. Seit einem Jahr arbeitet er mit ihrem vor den Toren Stuttgarts ansässigen Direktimportunternehmen Meámbar zusammen.

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Rohkaffee aus Honduras

2015 saß Carola Larios-Postel im Flugzeug von Hamburg nach Honduras. Während des knapp 20 Stunden langen Flugs in die Heimat las sie in einer Zeitschrift über den Direktimport von Kaffee. Sie war von dem Konzept fasziniert, was auch mit der besonderen Beziehung von ihr und ihrem Bruder zu Kaffee zu tun hatte. Ihr Vater war Kaffeebauer und musste seine Finca aufgeben, da sich der Kaffeeanbau finanziell nicht mehr lohnte. Noch im Flugzeug fasste Carola Larios-Postel den Entschluss, Rohkaffee aus Honduras direkt nach Deutschland zu importieren. „Das kann man echt machen!“ Und das ohne Zwischenhändler und viele, die mitverdienen, sodass mehr für die Kaffeebauern im Anbauland übrig bleibt. Kaffeebauern haben es schon immer nicht leicht. Sie verdienen meistens wenig an ihrem Produkt. Dass ein so geringer Anteil am Kaffeepreis bei den Bauern ankommt, hat viele Gründe. Ähnlich wie der Preis für Rohstoffe wird auch der Kaffeepreis an der Börse bestimmt. Er wird durch viele Faktoren beeinflusst, die den Produzenten gar nicht direkt betreffen. Trotzdem wirken sich diese auf seinen Geldbeutel aus.

Der Bauer darf entscheiden

Ein anderer Grund sind die vielen Institutionen und Unternehmen, die außerhalb des Anbaulandes am Kaffee mitverdienen. In Deutschland beispielsweise wird auf Kaffee allgemein eine Steuer von 2,19 Euro je Kilo erhoben. Ob Supermarkt oder Marketingabteilung der Unternehmen, die den Kaffee verkaufen, jeder will ein Stück vom Kuchen. Für den Bauern bleibt am Ende nicht mehr viel übrig. Nicht nur die Preise sind ein Problem. Es kommt nicht selten vor, dass Krankheiten die Ernte zerstören. Dadurch werden nicht nur die Kaffeekirschen gefährdet, sondern auch die Existenz der Bauern und Arbeiter. Für viele ist der Kaffeeanbau die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen. Dass Fincas in Honduras schon über Generationen in Familienbesitz sind, ist nichts Ungewöhnliches. Die meisten Kaffeebauern lernen daher keinen anderen Beruf, es ist klar, dass sie die Finca übernehmen werden. Das wird natürlich zum Problem, wenn Fincas aufgegeben werden müssen. In Honduras angekommen, berichtete Carola Larios-Postel ihrem Bruder Christian von der Idee. Gemeinsam gründeten sie noch im selben Jahr die Firma Meámbar, die heute auch für Schwarzmahler Kaffee importiert. Die Idee hinter Meámbar ist es, „guten Kaffee mit sozialem Hintergrund“ zu verkaufen. Der Kaffeebauer soll nicht nur mehr Geld bekommen, er soll vor allem selbst mitentscheiden können. Larios-Postel sind Verhandlungen auf Augenhöhe mit den Bauern wichtig, „Es ist seine Arbeit, seine Dienstleistung, also darf er bitte schön auch entscheiden, wie viel er dafür bekommt.“

Er organisiert zur Erntezeit eine Reise

Für den Einkauf, die Kommunikation mit den Bauern, die Auswahl, die Kontrolle der Bohnen und der Anbaubedingungen auf den Fincas vor Ort ist Christian Larios verantwortlich. Um den Transport nach Deutschland, die Lagerung, den Kontakt zu den Kunden und am Ende den Verkauf kümmert sich seine Schwester Carola. Genau das ist für sie direkter Handel, vom Bauern zum Kunden, ohne lange Lieferketten. Sich selbst bezeichnet sie gerne als Brücke zwischen den Bauern in Honduras und den Kaffeeröstern in Deutschland, denn über Meámbar können Kunden wie Heiko Blocher in Kontakt mit den Bauern in Honduras kommen. So profitieren nicht nur die Bauern vom direkten Handel. Um diesen Austausch zwischen Bauern und Kunden zu ermöglichen, organisiert Meámbar jährlich zur Erntezeit eine Reise nach Honduras. Dort können ihre Kunden die Erzeuger des Kaffees, den sie verkaufen, treffen und sich selbst von den Arbeits- und Anbaubedingungen ein Bild machen.

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Don Oswaldo beschäftigt 30 Pflücker

abin Lehmann leitet eine Kaffeerösterei in Aalen und war letztes Jahr in Honduras dabei. Sie weiß, dass die meisten deutschen Kaffeeröster noch nie im Anbauland waren. Sie selbst röstet seit 18 Jahren Kaffee, während der Reise hat sie das Produkt aber noch mehr schätzen gelernt. Die harte Arbeit der Bauern und Pflücker, die teilweise schon seit Generationen zusammenarbeiten, hat sie beeindruckt. Sie ist sich sicher: „Ich könnte das nicht.“ Der Kaffee aus Honduras, den Heiko Blocher in seinem Laden zurzeit mahlt, verpackt und verkauft, kommt von der Finca La Esmeralda. Wie alle Fincas, von denen Meámbar Kaffee bezieht, liegt auch La Esmeralda in ungefähr 1500 Meter Höhe. Durch die Höhe und die hügelige Lage ist die Kaffeeernte in Honduras nicht so einfach wie in anderen Anbauländern. Don Oswaldo, der Besitzer der Finca, muss zur Erntezeit bis zu dreißig Pflückerinnen und Pflücker beschäftigen, die jede Kaffeekirsche einzeln von Hand ernten. Damit alle mit ihren Familien auskömmlich davon leben können, müssten sie dauerhaft mehr Geld für ihre Arbeit bekommen. Dafür müsste die heute meist übliche Verteilung der Erlöse des Kaffeehandels zugunsten der Bauern verändert werden. Oder immer mehr Kaffeetrinker steigen auf direkt gehandelten Kaffee um. Bei Schwarzmahler zahlen die Gäste gerne einige Cent mehr für ihre Tasse Kaffee – und genießen sie dafür auch umso mehr.

Quelle: F.A.Z.
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