Schweizer Naturschutzgebiet

Brut in Gefahr

Von Nicolas Hatt, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon
Aktualisiert am 08.10.2020
 - 13:27
Aufdringliche Besucher und ihre Hunde stören Störche und Kiebitze in einem Naturschutzgebiet des Kanton Zürich. Sie machen mühsam erkämpfte Erfolge zunichte.

In dieser Fläche haben wir viele Störche oder Kiebitze, die nach Futter suchen. Klar, dass frei laufende Hunde hier massiv stören.“ Stefan Heller blickt aus dem Fenster des BirdLife-Naturzentrums Neeracherried im Norden des Kantons Zürich. Die Ausstellung geht in Arbeitsräume über, Ferngläser liegen bereit, falls es vor dem Fenster etwas zu entdecken gibt. Gerade hat sich ein junger Eisvogel auf einem Ast niedergelassen. Seit 20 Jahren setzt sich der Leiter des Zentrums Tag für Tag für den Erhalt des Rieds, eines der letzten großen Flachmoore der Schweiz, ein. „Wir betreuen das Schutzgebiet und machen viel Öffentlichkeitsarbeit.“ Ärgerlich nur, wenn die mühsam erkämpften Erfolge einer wachsenden Zahl unbedarfter Freizeitnutzer zum Opfer fallen. Manche Vögel geben ihre Brut bereits nach wenigen Störungen am Nest auf.

Die Camper wurden nicht angehört

Biodiversität sei ihm ein großes Anliegen. Aber es gäbe in Naherholungs-gebieten auch noch andere Bedürfnisse zu beachten, meint Stephan Weber. Der FDP-Kantonsrat setzt sich in seiner Heimatgemeinde Wetzikon energisch gegen die Verlegung von Parkplätzen und die Aufhebung des Campingplatzes am Pfäffikersee ein. „Was mich wirklich sehr traurig macht, ist, dass die Hauptbetroffenen, die Camper, nicht einmal angehört wurden.“ Sie hätten immer auch für Ruhe und Ordnung gesorgt, gerade Leute mit wenig Einkommen hätten hier im Sommer ein zweites Zuhause gehabt. „Zudem werden durch die Verlegung der Parkplätze viele, die nicht so gut zu Fuß sind, den Zugang zum See verlieren. Wir haben es hier nicht mehr nur mit einer ökologischen, sondern auch mit einer ethischen Frage zu tun, nämlich ob wir allen Menschen gleiche Chancen und gleiche Rechte zugestehen.“ Die Moorlandschaften, in deren Mitte der Campingplatz liegt, sind sogar durch die Verfassung geschützt. Weber weiß nicht, wie viel er mit seiner Petition überhaupt erreicht hat.

Naturliebhaber zu nah am Nest

Die noch erhaltenen Naturperlen stehen längst nicht nur von Seiten der Naturliebhaber unter Druck: Bootsbesitzer, Fischer, Badegäste, Biker, Hundebesitzer, Jogger ... Die Liste ist lang. Die Auswirkungen auf die Natur können fatal sein, wenn keine Maßnahmen ergriffen werden. Die beiden Eisvögel, die ihr Nest an der nahe der Mündung der Mönchaltorfer Aa in die Uferböschung bauten, hatten noch einmal Glück, erinnert sich Ute Schnabel, Geschäftsführerin der Greifensee-Stiftung. Der Greifensee liegt wenige Kilometer vom Pfäffikersee entfernt. Das Nest sei ausreichend weit vom Weg entfernt und doch direkt einsehbar gewesen. Viele, meist ausgerechnet Naturliebhaber, gingen trotzdem bis zu zwei Meter heran. Insbesondere Fotografen hätten sich rücksichtslos verhalten. Man errichte einen Zaun. „Einige wurden richtig unverschämt, es kam zu verbalen Ausfällen.“

Stand-up-Paddling verschärft das

Mit solchen Situationen kennt sich auch Tobias Klein aus. Der Kommunikationsdesigner, Naturpädagoge und Ranger ist für die Greifensee-Stiftung am Pfäffikersee unterwegs. „Viele halten sich an die Gebote. Dann gibt es einige, die diese unwissentlich missachten, und schließlich eine kleine, aber harte Fraktion von Unbelehrbaren.“ Bei mehr als 700 000 Besuchern im Jahr führe das immer wieder zu unschönen Begegnungen mit Leuten, die sich nichts sagen ließen. Bevölkerungszuwachs und neue Formen der Freizeitnutzung wie Stand-up-Paddling verschärfen das Problem. Von Seeschutzzonen und Mindestabständen zum Schilf haben die meisten Nutzer noch nie gehört. Für viele Tiere sei die menschliche Silhouette entscheidend, meint Stefan Heller. Bleibt sie verborgen, reduziert sich der Stress erheblich. „Darum pflanzen wir Büsche oder bauen Sichtschutzwände und Beobachtungshütten. Ohne groß zu stören, können die Besucher so die Vögel beobachten.“ Auf keinen Fall wolle man die Menschen aussperren.

Präsenz der Ranger erhöhen

Unter Ute Schnabels Federführung hat man am Ufer des Greifensees extensiv genutztes Grünland renaturiert. Schon im ersten Jahr hatte das prompt einen Brutversuch des seltenen Flussregenpfeifers zur Folge. „Wir mussten einen Weg sperren, gleichzeitig haben wir aber auch einen Turm gebaut, der einem einen viel besseren Einblick ins Ried ermöglicht. Wir versuchen immer, Win-win-Situationen zu schaffen.“ Trotz des hohen Nutzungsdrucks sieht man die Sache auch am Pfäffikersee relativ entspannt. Tobias Klein sieht momentan keinen Grund, den Zugang zum See zu beschränken. Genauso sieht das Stephan Weber. Zukünftig müssten aber die Präsenz der Ranger und das Ausmaß der Information erhöht werden, sagen die beiden übereinstimmend. Als letztes Mittel könnten Einzelpersonen gebüßt oder verzeigt werden.

Quelle: F.A.Z.
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