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Sexualerziehung

Für ein anderes Bild von Familie

Von Lydia Harder, Berlin
 - 09:26

Eine Prinzessin wird gesucht. Denn der Kronprinz soll heiraten. Aber keine gefällt ihm – nicht die aus Texas, nicht die aus Grönland, nicht die aus Indien. Dann wird Prinzessin Liebegunde vorstellig und der Prinz verliebt sich in ihren Bruder Prinz Herrlich. Eine prächtige Hochzeit wird ausgerichtet. Gemeinsam regieren König und König das Land.

Diese Geschichte für Kinder ab vier Jahren steckt mit anderen Büchern in einem Koffer, der nach den Sommerferien in diesem Jahr erstmals in Berliner Grundschulen eingesetzt werden soll. Bereits vor seiner Ingebrauchnahme führt der Koffer zu Erregung: „Schulfach Schwul“, ätzte das Berliner Boulevardblatt „BZ“.

Ein anderes, vielfältigeres Bild von Familie

Eines der Bilderbücher erklärt in Märchensprache, warum solche Lektüre für Kinder nötig ist: „Vor langer, langer Zeit sahen die meisten Familien in Büchern so aus: ein Papa, eine Mama, ein kleiner Junge, ein kleines Mädchen.“ Der Koffer ist Teil der Initiative „Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt“. Diese war im April 2009 einstimmig von allen Fraktionen des Berliner Abgeordnetenhauses beschlossen worden, um Diskriminierung und Gewalt gegen „Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen“ zu bekämpfen. Und mehr als das: Den Grundschülern soll ein anderes, vielfältigeres Bild von Familie vermittelt werden.

Conny Kempe-Schälicke betreut die Initiative: „Je nach Schule finden Sie Eltern mit anderer Hautfarbe, anderer Sprache, mit Behinderung. Und manche haben eben gleichgeschlechtliche Eltern. Das alles ist Realität.“ Jedes Kind solle im Koffer seine Lebenswelt wiederfinden können und dabei solle kein Modell abgewertet oder ausgeblendet werden. Das aber sei nicht gewährleistet, wenn Schulbücher nur mitteleuropäische Familien im Vater-Mutter-Kind-Schema abbildeten, sagt Frau Kempe-Schälicke.

„Aufklärung auch schon für sechs Jahre alte Kinder hilfreich“

Ein Buch aus Schweden lässt Kinder von ihren beiden Vätern oder ihren beiden Müttern erzählen. In einer anderen Geschichte wird erklärt, wie sich solche Paare fortpflanzen: „Weil aber zwei Frauen keine Kinder bekommen können, haben sie Stefan gefragt. Stefan ist schwul.“ Auch die künstliche Befruchtung wird in kindgerechter Sprache erläutert: „Der Arzt tat dessen Samen in Mamas Bauch.“ Die Geschichten sind gedacht für Grundschüler ab der ersten Klasse. Laut Lehrplan setzt der Sexualkundeunterricht in der fünften Klasse ein.

Zusammengestellt wurde der Koffer von „Queerformat“, einer Verbindung der zwei Berliner Vereine „KomBi“ und „ABqueer“, die über „lesbische, schwule, bisexuelle und transgender Lebenweisen“ aufklären und beraten. Die Vereinsmitglieder vertreten die Auffassung, dass solche Aufklärung auch schon für sechs Jahre alte Kinder hilfreich sei. Sie berufen sich dabei auf eine australische Studie, laut der manche Kinder schon im Sandkastenalter ihre Homo- oder Transsexualität spüren. Demnächst soll es auch einen Bücherkoffer für Kindergärten geben.

Beim Abendessen ihre Homosexualität beichten

Bereits seit einigen Jahren lernen ältere Schüler in Berlin unabhängig von dieser Initiative, was sexuelle Vielfalt bedeutet: So hat der Senat mit dem Landesinstitut für Schule und Medien im Jahr 2006 eine Handreichung herausgegeben, die im Internet abrufbar ist und verschiedene Spiele zum Thema empfiehlt. In einer Scharade sollen Schüler der Sekundarstufe I und II pantomimisch Begriffe wie „Sado-Maso“, „Orgasmus“ und „Darkroom“ darstellen. Und in Rollenspielen sollen sie ein Coming Out üben, indem sie sich vorstellen, sie würden der Familie beim Abendessen ihre Homosexualität beichten. Außerdem sollen sie probehalber ein lesbisches oder schwules Wochenende planen und dabei die Veranstaltungstipps im Schwulenmagazin „Siegessäule“ benutzen, wobei der Hinweis an die Lehrer lautet: „Falls mit dem Originalmagazin gearbeitet wird, sind die Zeitungen vorher genau durchzusehen und ggf. zu ,zensieren‘, da nicht alle Anzeigen und Bilder jugendfrei sind. Wir empfehlen, die entsprechenden Seiten zu entfernen.“

Da die Handreichung bei Lehrern auf mäßiges Interesse stößt, soll sie nun von „Queerformat“ überarbeitet werden. An der „Scharade“ wollen die Vereinsmitglieder festhalten. Zur Begründung heißt es, man könne mit ihrer Hilfe auf spielerische Weise Tabus abbauen; die Handreichung habe sich bewährt.

Eine „Enttabuisierung“ des Themas in der Schulpolitik

Auch das Land Nordrhein-Westfalen will Homosexualität nun auf den Lehrplan setzen. Die Kampagne „Schule der Vielfalt“ setzt sich dort für eine „Enttabuisierung“ des Themas in der Schulpolitik ein. Die Einführung entsprechender Unterrichtsmaterialien ist für das Jahr 2012 geplant.

Der Bundeselternrat ist noch unentschlossen, was er von der Berliner Initiative halten soll. Die stellvertretende Vorsitzende Ursula Walther hebt hervor, dass Kinder schon im Alter von drei, vier Jahren Fragen stellten – doch manche würden von ihren Eltern nicht richtig aufgeklärt. Den Bücherkoffer halte sie für sinnvoll. Auch von den bürgerlichen Parteien in Berlin wird die Initiative unterstützt. Gleichgeschlechtliche Paare in Märchen auftreten zu lassen, sei kindgerecht, meint der bildungspolitischer Sprecher der Berliner CDU, Sascha Steuer.

„Ich verstehe auch die Motivlage nicht“

Dagegen sieht Monika Grütters, Berliner Bundestagsabgeordnete der CDU, „Übereifer am Werk“. Die Eltern selbst müssten entscheiden, wann sie ihre Kinder mit welchen Themen konfrontieren. Gerade in Berlin gebe es genügend Möglichkeiten, die Kinder auf selbstverständliche Weise aufzuklären. „Das muss ihnen nicht von der Schule in einem Alter aufgedrängt werden, in dem sie die Fragen vielleicht noch gar nicht stellen. So viel Vertrauen in die Familie muss sein.“

Auch Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, kritisiert die Maßnahmen und beruft sich auf das Grundgesetz, das Ehe und Familie unter besonderen Schutz stellt – und vorrangig den Eltern selbst das Recht auf Erziehung ihrer Kinder zuspricht. „Gerade bei diesem Thema handelt es sich um einen ausgesprochen sensiblen Erziehungsbereich.“ Was in Berlin geschehe, sei eine „Verstaatlichung von Werteerziehung“, sagt Kraus. „Ich verstehe auch die Motivlage nicht. Will man modern sein? Will man die Gender-Ideologie umsetzen?“

Alleinerziehende, zwei Väter, ein Gothic-Pärchen

Zurückhaltender reagiert die katholische Kirche: Im Erzbistum Berlin heißt es, das Leben in Regenbogenfamilien widerspräche zwar der katholischen Morallehre, aber man wolle auch nicht, dass Schüler wegen ihrer sexuellen Orientierung gemobbt werden. Die Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, Petra Bahr, sagte der Zeitung „Tagesspiegel“: „Es gibt Neigungen, die Kindheit zu sexualisieren, und das sehe ich als problematisch an. Denn damit wird den Kindern vermittelt, sich jetzt schon überlegen zu müssen, wie sie leben wollen.“

Wo früher Eltern ihren Kindern mit „Zappelphilipp“, „Struwwelpeter“ und Grimms Märchen Moral und Anstand beizubringen versuchten, führen die Schulen den Kindern nun mit einem Memory-Spiel ein stramm fortschrittliches Gesellschaftsbild vor. Das Spiel ist auch ein Teil des Koffers. Kinder sollen sich dabei einprägen, wie Familie heute aussieht: Alleinerziehende, zwei Väter, ein Gothic-Pärchen. Die Grundschüler sollen Kärtchen mit passenden Familienmodellen einander zuordnen. Einige Grundschulen haben sich schon für das kommende Schuljahr nach dem Bücherkoffer erkundigt.

Quelle: F.A.Z.
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