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Skitourengang

Zwei Spuren im Pulverschnee

Von Julia Christl, Karolinen-Gymnasium, Rosenheim
 - 16:26

Die Sonne steigt über den Berggipfel und bringt den Schnee zum Glitzern. Das gleißend reflektierte Licht konkurriert mit dem saphirblauen Himmel. Gestört wird diese Unberührtheit nur durch die Schleifspuren im Schnee und die beiden Skitourengeher, die früh am Morgen in gleichmäßigem Tempo stetig die Joelspitze in den Kitzbüheler Alpen erklimmen. Einer ist Ralf Keller, Diplom-Holzingenieur, der seit vielen Jahren im bayrischen Rosenheim lebt. Dort wohnt der 53-Jährige mit seiner Frau, einer Gesundheits- und Krankenpflegerin, und seinen Kindern. Gemeinsam mit ihr ist er mit seiner roten Jacke, der schwarzen Softshellhose, Mütze und rotem Rucksack ein Farbklecks auf der frisch beschneiten Schneefläche.

Dagestanden wie ein Schmetterling

Auf die Unterseite seiner Skier sind Felle geschnallt, um überhaupt auf dem rutschigen Untergrund haften zu bleiben. Im Rucksack befinden sich neben Brotzeit und Teekanne Harscheisen, die auf besonders eisigen Stellen für besseren Halt an die Bindung geschnallt werden. Außerdem trägt er eine Sonde, um in Lawinen nach Verschütteten zu suchen, und einen Piepser, der mit anderen Geräten kommuniziert und ein starkes Ortungsgerät unter Schneemassen darstellt. „Das braucht man für jede Skitour“, sagt Keller, auch wenn er es noch nie einsetzen musste. Der Rucksack enthält einen integrierten Airbag, zwei Luftkissen, die sich beim Ziehen einer Reißleine blitzartig aufblähen. „Der ist mal von selbst aufgegangen, aus Versehen auf einer Hütte. Ich weiß bis heute nicht, warum. Dann bin ich dagestanden wie ein Schmetterling.“ Unter einer Lawine begraben, kann so ein Rucksack allerdings lebensrettend sein.

Man unterscheidet Lawinen je nach Witterung und Schneeart. Ein Schneebrett im Hochwinter beispielweise, bei dem die Verbindung von bestehendem Schnee und Neuschnee durch eine Reifschicht dazwischen verhindert wird, ist besonders berüchtigt wegen der Lautlosigkeit, mit der die Lawinen abgehen und die Sportler überraschen. Auch sich oberhalb eines Schneerutsches zu befinden und mitgerissen zu werden ist gefährlich. „Dann muss man schauen, dass man möglichst auf den Skiern bleibt und mitschwimmt“, erklärt Keller. Ein Airbag steigert in einem solchen Falle die Überlebenschance, indem er seinen Träger nach oben zieht. Bei einer Staublawine hingegen steht die Erstickungsgefahr durch die riesigen Massen an lockerem Pulverschnee im Vordergrund. Im Frühjahr jedoch sind es die Grundlawinen, die gefürchtet sind. Hierbei tauen die oberen Schichten durch die Sonneneinstrahlung im Tagesverlauf immer weiter durch, bis schließlich keine Verbindung mehr zum Untergrund besteht und alles wegrutscht. Dieser sogenannte Firn ist jedoch der angenehmste Schnee, wenn man auf die Tageszeit achtet. „Im April auf der Amberger Hütte mussten wir deshalb auch vor Mittag wieder abfahren.“ Für die sogenannte Risikoanalyse werden neben der Lawinenlage noch das Wetter, die Höhe und Hangausrichtung einberechnet. „Da wir hier bei uns meistens einen Westwind haben, sind zum Beispiel die Osthänge oft gefährlich“, sagt Keller. Unter diesen Gesichtspunkten ergibt sich eine Gefahrenskala von eins bis fünf – wobei Letzteres so gefährlich ist, dass viele gar nicht mehr auf Tour gehen.

Steighilfen und Spitzkehren

Inzwischen ist die Sonne komplett über den Gipfel aufgestiegen und taucht das Tal in helles Licht. Um sich an steileren Hängen nicht vollkommen zu verausgaben, kennen Skitourengeher Tricks. Zwischen weiß bestäubten Baumgruppen geht es statt geradeaus in Serpentinen den Berghang hinauf. Am Ende einer schrägen Aufstiegslinie kommt eine Spitzkehre, um in entgegengesetzter Richtung wieder zum anderen Rand des Hangs zu wandern. Dazu stützt man sich mit ausgebreiteten Armen auf die Skistöcke, um erst den einen Ski im Neunzig-Grad-Winkel zum anderen zu stellen, das Gewicht zu verlagern und anschließend den anderen Ski zu drehen. „Es gibt keine Skitour ohne Spitzkehren. Das ist eine Grundvoraussetzung.“

Außerdem haben alle Tourenbindungen Steighilfen eingebaut. Diese erlauben die Anpassung an steileres Gelände, da man den nur vorne festgeschnallten Skischuh nicht mehr so weit absenken muss. „Das kann jeder für sich selber entscheiden, wann er wie viel Steighilfe braucht. Das ist, um ein bisschen die Wade zu entspannen und dass man nicht immer so schräg hochgehen muss. Ab einer gewissen Steigung ist es fast nicht mehr möglich, ohne Steighilfe zu gehen, da man für guten Halt immer mit dem ganzen Ski auftreten muss.“

Brotzeit mit Blick auf den Saupanzen

An einer Alm und einer eingeschneiten Hütte vorbei geht es hinauf auf den Kamm und von dort ohne weitere Kraftanstrengung zum Gipfelkreuz. Oben angekommen, werden als Erstes die Felle entfernt und eingepackt. Nachdem die Ausrüstung verstaut ist, genießt das Paar nach der zweistündigen Tour eine Brotzeit mit atemberaubender Aussicht. „Dahinten ist der Große Galtenberg und dort der Lämpersberg und der Saupanzen“, schwärmt Antonie Keller, die ihren Mann auf einer Bergtour kennengelernt hat. Nach einem letzten Erinnerungsfoto geht es an die Abfahrt. Diese könnten sie auf Pisten mit Sesselliften viel bequemer haben – wieso dann diese Anstrengung? „Dabei kann man viel besser abschalten als beim Pisteln, es ist ruhiger, und die Landschaft ist eine ganz andere, als man sonst zu sehen bekommt“, ist Ralf Kellers Meinung. Indem man sich die Abfahrt mit zwei Stunden Aufstieg verdient habe, werde es ein ganz besonderes Erlebnis. Deshalb vermeidet er Skitouren am Rande von Pistengebieten. „Da läuft man wie an der Autobahn entlang mit viel zu vielen Leuten, und man hat die Berge nicht für sich.“ Pistenbetreiber sind indes auch nicht sonderlich begeistert von den ungebetenen Benutzern, die nicht einmal etwas bezahlen. Doch machen viele Hüttenwirte ein Geschäft daraus und richten den gesamten Betrieb auf Skitourengeher aus. Mag der Aufstieg für viele auch Motivation genug sein, die Pisten links liegenzulassen und sich ins Gelände zu wagen – die Abfahrt setzt noch eins obendrauf. Eine unberührte Fläche voll knietiefem Pulverschnee. Da staubt es dann richtig, als die beiden in weiten Schwüngen den Hang heruntergleiten.

Quelle: F.A.Z.
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