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Special Olympics

Stürzt einer, warten die Konkurrenten auf ihn

Von Danielle Kallenborn, Ludwigsgymnasium, Saarbrücken
 - 13:02

Dabei sein ist alles.“ Unter diesem Leitmotiv finden auch die Special Olympics statt, die weltweit größte, vom Internationalen Olympischen Komitee offiziell anerkannte Sportbewegung für Menschen mit geistiger Behinderung. Damit einher gehen oft auch körperliche Behinderungen. Die Paralympics für Athleten mit ausschließlich körperlichem Handicap sind weltweit bekannt. Die Idee, auch geistig behinderte Menschen für den Sport zu begeistern, stammt aus den sechziger Jahren. Eunice Kennedy Shriver, Schwester von John F. Kennedy, rief die Organisation ins Leben. Auslöser war die Behinderung ihrer älteren Schwester Rosemary. „Bei den Special Olympics geht es um weitaus mehr als nur um den sportlichen Wettbewerb. Es soll die Integration fördern und Menschen mit Behinderung die Chance geben zu beweisen: ,Ich kann was‘“, erklärt Marga Fluhr. Die sportliche 61-Jährige ist die Vorsitzende der Special Olympics Saarland, eines der 14 Landesverbände Deutschlands.

Leichtathletik, Boccia und Floorball

Hauptberuflich arbeitet Fluhr als Lehrerin an der Förderschule Winterbachroth in Saarbrücken. „Ich habe damals mit einer Kollegin aus Thüringen gesprochen. Dort war Special Olympics schon viel stärker vertreten.“ Kurz darauf habe sie eine Versammlung von Kollegen und Sportbegeisterten einberufen, um Special Olympics auch im Saarland ins Leben zu rufen. Anfangs waren es fast nur gemeinsame Sportveranstaltungen von Schulen. Seit zehn Jahren existiert die Organisation Special Olympics Saarland. Im vergangenen September fanden die ersten Landesspiele statt. Ein großer Erfolg. Mehr als 550 Teilnehmer traten in sechs Sportarten gegeneinander an. Leichtathletik, Tischtennis, Boccia, Radfahren und Floorball wurden in der mitten im Saarbrücker Stadtwald gelegenen Hermann-Neuberger-Sportschule ausgetragen. Das Schwimmen fand in einem Schwimmbad in der Nähe von Saarbrücken statt. Boccia wurde erst vor kurzem als neue Sportart eingeführt. Besonders bei Athleten im Rollstuhl ist diese Sportart beliebt. „Ein Schüler, der im Rollstuhl sitzt, hatte vor den Landesspielen große gesundheitliche Probleme. Er konnte nur wenig trainieren und auch nur stundenweise in die Schule gehen. Aber er wollte unbedingt teilnehmen, vermutlich auch um zu beweisen, dass er etwas kann und durchaus sportliche Fähigkeiten besitzt. Tatsächlich hat er es geschafft anzutreten und konnte sogar die Silbermedaille gewinnen. Seine Mutter war den Tränen nahe. Es war ein ergreifender Moment“, erinnert sich Fluhr.

Andere brauche doppelt so lang, niemand wird ausgeschlossen

Unterteilt werden die Sportler in verschiedene Leistungsgruppen. „Wir haben Athleten, die 1500 Meter in fünf Minuten laufen. Andere brauchen für 50 Meter doppelt so lang. Aber niemand wird ausgeschlossen. Eine wichtige Voraussetzung ist allerdings das Training. Wir wollen die Schülerinnen und Schüler schließlich zum Sport animieren“, erklärt sie. Die Sportler und ihre Trainer schicken bestimmte Vorzeiten ein, also Zeiten aus anderen Wettkämpfen oder Trainingsläufen. Danach erfolgt die Einteilung in Gruppen, die aus maximal acht Teilnehmern bestehen. Damit niemand schummeln kann und keine falsche Vorzeiten einschickt werden, um in eine andere, womöglich schwächere Leistungsgruppe eingeteilt zu werden, gilt die 15-Prozent-Regel. Weicht die tatsächliche Leistung der Athleten um mehr als 15 Prozent von der Vorzeit ab, dann gehen die Teamleiter davon aus, dass sie falsch ist. Überdies gibt es eine Altersdifferenzierung. Eine wirkliche Leistungskurve gibt es allerdings nicht.

„Unser Spieler war ganz verzweifelt“

In den meisten Bundesländern nehmen hauptsächlich Erwachsene teil. Das Saarland dagegen hat, nicht zuletzt dank Fluhrs Engagement, einen besonders hohen Jugendanteil. Nicht nur der Sieg steht im Vordergrund. „Bei den Special Olympics kommt es zu ganz anderen Begegnungen als im Leistungssport. Stürzt zum Beispiel einer, bleiben meist alle anderen stehen und warten, bis er wieder aufgestanden ist. Als ich mit einer Fußballmannschaft meiner Schule auf einem Turnier in Bremen war, wurde ein recht großer, korpulenter Spieler unserer Mannschaft von einem kleinen, schmächtigen Gegenspieler gedeckt. Unser Spieler war ganz verzweifelt. Er wollte seinen Gegner nicht umrennen oder ihn sogar verletzen. So ein soziales Verhalten ist im normalen Leistungssport oft undenkbar“, sagt Fluhr und lacht.

Hörgeräte und Fitness für zu Hause

Die Arbeit an der Förderschule und der Sport mit geistig Behinderten erfüllen sie. „Special Olympics hilft Kindern und Erwachsenen, die vom Leben gebeutelt sind. Es bringt ihnen Freude und Anerkennung. Wenn es Special Olympics nicht gäbe, müsste man es erfinden!“ Geistig Behinderte sind medizinisch oft unterbetreut. Das Programm Healthy Athlets soll helfen, bestimmte Defizite auszugleichen. Therapeuten, die besonders geschult sind in der Ansprache von geistig Behinderten betreuen das Gesundheitsprogramm gemeinsam mit Ärzten. Athleten, die gerade nicht am Start sind, können ihre Augen, Ohren, Füße und ihren allgemeinen Gesundheitszustand untersuchen lassen. Sie bekommen dann von Sponsoren Brillen, Hörgeräte oder orthopädische Schuheinlagen zur Verfügung gestellt. Auch Fitnessprogramme mit einfachen Übungen für zu Hause werden vorgeführt.

Angst abbauen und Begegnung ermöglichen

Zur Eröffnung der Spiele am 4. September gab es einen Fackellauf durch die Innenstadt. „Die Zuschauerzahlen sind leider noch relativ gering. Ich würde mir wünschen, dass die Anerkennung der Sportler ein wenig höher ist“, sagt Fluhr. In Amerika sei das anders. „Vor kurzem waren amerikanische Freunde zu Besuch. Als sie meinen knallbunten Vito-Mercedes-Bus in der Einfahrt gesehen haben und das Special-Olympics-Symbol darauf, wussten sie sofort, worum es geht“, erzählt Fluhr. „Es gibt immer noch viele Menschen, die sich fürchten, einem geistig Behinderten zu begegnen, weil sie nicht wissen, wie sie sich richtig verhalten. Ziel ist es, da die Angst abzubauen und freundliche, offene Begegnungen zu ermöglichen.“ Viele Athleten trainieren in normalen Sportvereinen. Fluhr möchte, dass Nichtbehinderte erkennen, wie wichtig geistig Behinderte sind. „Sie sind emotional hochkompetent und könnten uns helfen, die Welt nicht ganz so perfektionistisch anzugehen und vielleicht ein bisschen mehr zu lachen.“

Quelle: F.A.Z.
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