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Stadtjäger

Mitten in Berlin auf der Pirsch

Von Lukas Barovic, Katholische Schule Liebfrauen, Berlin
 - 11:23

Matthias Neiser (Name geändert) muss darauf achten, immer gegen den Wind zu laufen. „Die Wildschweine haben so eine feine Nase, feiner noch als eine Hundenase, so dass sie den Jäger wittern würden“, sagt er. Großstädte erhalten vor allem in den Randbezirken immer häufiger Besuch von Wildschweinen. Das hohe Nahrungspotential in Form von Abfällen lockt die Tiere an. Natürliche Feinde haben sie nicht. Daher vermehren sie sich stark, was sie für Mensch und Natur zu einem immer größeren Problem macht. Die dichte Besiedlung in Städten macht das Jagen schwer. Um ihre Ausbreitung trotzdem einzudämmen, beschäftigen viele Städte Stadtjäger. Neiser ist einer von ihnen. Seit 15 Jahren geht der Beamte als einer von 30 ehrenamtlichen Stadtjägern in Berlin dieser Tätigkeit nach. Sein Jagdrevier liegt hauptsächlich in Spandau und Charlottenburg. Hier muss er sich gut auskennen, denn meist beginnt er eine Stunde vor Sonnenaufgang damit, die Einstände der Wildschweine aufzusuchen, also die Orte, an denen die Tiere tagsüber ruhen: „Man passt morgens die Sauen auf dem Rückwechsel ab“, erklärt er im Jägerjargon. Die Wechsel, das sind die Pfade, auf denen sich die Schweine durch den Wald bewegen.

Schwarzwild äugt schlecht

Nicht nur auf Gerüche reagieren die Tiere empfindlich, sondern auch auf Geräusche. Darum ist Neiser auf seinen Touren stets in eine braune Lederhose mit Dornenschutz und in eine grüne Fleecejacke gekleidet: „Die raschelt im Vergleich zu den meisten anderen Jacken nicht.“ Dazu trägt er robuste Stiefel und eine grüne Mütze. Die für Jäger typische Farbe sei eher auf Tradition als auf Funktionalität zurückzuführen, erklärt er: „Die meisten Wildarten können keine Farben erkennen, und Schwarzwild äugt besonders schlecht. Ein Orange sehen sie genauso wenig, wie das Grün meiner Jacke. Sie sind also Bewegungsseher.“ Orange, führt Neiser aus, sei dann eine wichtige Farbe, wenn man zu mehreren jagt, um einander besser sehen zu können. Zu seiner Ausrüstung gehören noch Fernglas, Wärmebildkamera, ein Messer und sein Gewehr, eine Repetierbüchse, auf der ein Zielfernrohr montiert ist. Mit diesem Gewehr versucht er über das Jahr hinweg so viele Wildschweine zu schießen wie möglich.

Das Thema spricht er vorsichtig an

Die Jagdzeiten sind je nach Landesgesetz in Deutschland unterschiedlich. Je nach Jahreszeit werden verschiedene Ziele bejagt: „Im Frühling und Sommer sind die Frischlinge noch sehr klein. In den ersten drei bis vier Monaten werden sie noch gesäugt.“ Dann ist es per Gesetz verboten, die Bache, also das Muttertier, zu schießen. „Da konzentrieren wir uns auf die Frischlingsbejagung, also das Jagen der Jungtiere.“ Für Nichtjäger klingt das oft grausam, es handelt sich aber um eine naturgemäße Jagd: „Der Wolf würde sich auch einen Frischling suchen.“ Zur gleichen Zeit werden auch noch die nichtführenden Frischlinge vom letzten Jahr, so genannte „Überläufer“, bejagt. Keiler, die ausgewachsenen männlichen Schweine, darf man zu jeder Zeit schießen. Einen Sonderfall bilden „hochbeschlagene“, also hochschwangere, Bachen, ein Zustand, der selbst für erfahrene Jäger schwer zu erkennen ist. Dieses Thema spricht der 50-Jährige vorsichtig an. „Ist der Wille zur Bestandsreduktion wirklich da, dann ist es der beste Zeitpunkt, eine Bache zu entnehmen.“ Das sei eine moralisch schwierige Entscheidung, die jeder Jäger selbst treffen müsse. Hat er damit kein Problem, kann er ab November bis zum Zeitpunkt der Niederkunft Bachen schießen. Neiser trifft diese Entscheidung abhängig von der Rottengröße: „Wenn es zum Beispiel noch drei Bachen und zwölf Frischlinge sind, dann schieße ich ganz klar die Bache heraus, denn eine ausgewachsene Bache wirft etwa acht Frischlinge.“

Manchmal flüchtet es bis zu 100 Meter

Ernst wird es auch, wenn er auf ein Tier anlegt. „In Berlin ist die Schussabgabe immer etwas heikel“, erklärt Neiser, denn um ein tierschutzgerechtes Töten zu gewährleisten, geht die Kugel durch die Sau durch. „Dahinter muss sich also ein Kugelfang befinden.“ Am besten eigne sich dafür gewachsener Boden, wie ein Hang oder eine Bodenwelle. Ist das nicht gewährleistet, bleibt der Schuss aus. „Sicherheit geht vor Jagderfolg, sagen wir Jäger immer.“ Sind die schussgünstigen Kriterien erfüllt, versucht Neiser das Tier mit einem Schuss in den Herz-Lungen-Bereich, einem Blattschuss, zur Strecke zu bringen. Manchmal flüchtet das Schwein noch 30 bis 100 Meter. Nach einer Wartezeit geht der Jäger zum Anschuss und guckt nach Pirschzeichen. Sieht er dort dann hellroten Lungenschweiß, so ist das ein gutes Zeichen, und er kann dem Tier nachgehen. Sieht er aber eine schwarze, zähe Flüssigkeit, handelt es sich um einen Leberschuss und das Tier lebt noch. Dann setzt der Jäger einen Hund an. Ist es bis zum Einbruch der Dunkelheit nicht aufzufinden, kehrt der Jäger am nächsten Tag zurück: „Schwarzwild ist das einzige wirklich wehrhafte Wild, das wir noch haben“, erklärt Neiser. Es nachts aufzustöbern kann lebensgefährlich sein. Er selbst war mehrfach in brenzligen Situationen: „Zum Glück war ich bisher mit der Waffe immer schneller.“

Mit Ausnahmegenehmigung

Ist die Sau erlegt, bricht er sie noch vor Ort auf und entfernt die inneren Organe, da schon nach 45 Minuten Darmbakterien beginnen, das Fleisch anzugreifen. Anschließend muss er das Tier bergen, was aufgrund des meist unebenen Geländes und des Gewichts bis zu einer Stunde dauern kann. Das erlegte Wild lagert er in einem Kühlhaus. „Dann wird eine Muskelprobe entnommen, mit dieser Probe fahre ich zum Landeslabor.“ Dort wird das Fleisch auf Trichinen, parasitäre Fadenwürmer, untersucht. Ist es nicht befallen, darf es als Ganzes verkauft und verzehrt werden. Das erwirtschaftete Geld reicht zum Leben nicht aus. Auch für Waffen, Munition und Fahrzeug muss der Stadtjäger selbst aufkommen, was Neiser kritisiert, denn er wäre gern vollberuflich als Stadtjäger tätig. Die meisten Stadtjäger sind wie er beruflich flexibel oder Rentner, die Alltag und Jagd gut verbinden können. Als Stadtjäger werden nur erfahrene Jäger eingesetzt. Da in Siedlungsgebieten das Jagen normalerweise verboten ist, bekommen sie vom „Landesforstamt Berliner Forsten“ eine besondere Ausnahmegenehmigung. „Es gibt keine gesonderte Prüfung für uns Stadtjäger“, erklärt er. Die einzige Voraussetzung ist, den Jagdschein mindestens drei Jahre zu besitzen „Man muss glaubhaft machen, dass man ein aktiver und erfahrener Jäger ist.“ Neiser kam schon als Kind mit der Jagd in Berührung: „Ich bin im Südwesten Berlins in einem Forsthaus aufgewachsen, und mein Vater war passionierter Jäger.“

Viele verstehen diese Sichtweise nicht

Jagd ist für ihn viel mehr als das bloße Töten eines Tieres: „Ich genieße es, in der Natur zu sein, auch wenn ich nichts schieße. Dazu kommt der Beutetrieb, der in jedem Menschen mal mehr und mal weniger verankert ist. Außerdem ist es etwas ganz Besonderes, was sich kaum beschreiben lässt, selbst erbeutetes Fleisch zu essen.“ Gleichzeitig achte er auch die Würde des Tiers: „Es ist mir immer bewusst, dass ich jetzt töte. Ich liebe Wildschweine, aber ich bejage sie auch.“ Viele verstehen diese Sichtweise nicht. So kam es schon vor, dass er während oder nach der Jagd beleidigt wurde. „Deshalb steht meine Nummer auch nicht im Telefonbuch.“ Wenn Wildschweine zum Beispiel in Parks gesichtet werden, leitet die Polizei die Informationen an Neiser weiter „Egal, wie scharf die Wildschweine bejagt werden, wir werden sie nicht ausrotten“, sagt er. „Wir versuchen, sie zugunsten der Natur kurzzuhalten.“

Quelle: F.A.Z.
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