Strafverteidiger

Wie kann man Mörder verteidigen?

Von Ann-Kathrin Lepsy, Droste-Hülshoff-Gymnasium, Freiburg
15.07.2021
, 18:09
Gefühle bleiben außen vor. Das ist zumindest der Anspruch: Ein junger Strafverteidiger über gesunde Skepsis und seine Aufgabe im Rechtsstaat
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Hinter ihm erkennt man schemenhaft die blaue Brücke in Freiburg. Es ist Nacht, doch die Stadt ist hell erleuchtet. Er sitzt mit Anzug in seinem Büro und redet selbstbewusst in die Kamera. Der junge Strafverteidiger Florian Rappaport erklärt in einem Video, was zu tun ist, wenn man einen Strafbefehl im Briefkasten findet. Auch zu Themen wie Hausdurchsuchungen oder Vorladungen gibt es Informationen im „Ratgeber Strafrecht“ auf der Website. Fakten anschaulich präsentieren kann Rappaport gut, da er einige Zeit als Journalist tätig war.

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„Ich wollte nicht immer Jurist werden, das ist etwas, das sich entwickelt hat, über viele Jahre“, sagt Rappaport, der vor seiner Zeit als Strafverteidiger für die Süddeutsche Zeitung und die Radiosender der ARD tätig war. Er blickt gerne auf diese Zeit zurück. Dinge, die er am Journalistsein mochte, begegnen ihm in seinem jetzigen Beruf wieder. „Man hat mit vielen ganz unterschiedlichen Leuten intensiven Kontakt.“

Damit das Verfahren fair verläuft

Für den sympathischen Mann mit den kurzen, braunen Haaren ist Strafverteidiger der spannendste und sinnvollste Beruf, den man als Jurist überhaupt machen kann. „Die Mandanten brauchen mich dringend, es geht um viel.“ Außerdem ist der Beruf abwechslungsreich, jedes Verfahren ist anders. Manchmal gibt es schon mit einem Anruf eine sinnvolle Lösung, manchmal dauert ein Verfahren mehrere Monate oder Jahre. Wer Strafverteidiger werden will, sollte ein Gespür dafür haben, welche Argumente überzeugen können. Er muss gut zuhören und die richtigen Fragen stellen können, um an wichtige Informationen zu kommen. Denn die braucht ein Strafverteidiger, um sicherstellen zu können, dass ein Verfahren für seine Mandanten fair verläuft. Jeder, der als Angeklagter vor Gericht steht, hat einen Anspruch auf ein gerechtes Verfahren. Die Realität aber sieht anders aus: „Überrascht hat mich, als ich angefangen habe, wie oft es doch zu Fehlurteilen kommt, das hatte ich mir so während des Studiums nicht vorgestellt.“ Da Rappaport das als schockierend empfindet, geht er dagegen vor. „Man erreicht nicht immer den Freispruch. Aber wir kriegen oft innerhalb dessen, was möglich ist, ein sehr gutes Ergebnis.“ Am Telefon berichtet er von einem Fall, der sich so vor ein paar Wochen ereignete: Ein Geschädigter sagte vor Gericht aus, nach einer Schlägerei wehrlos am Boden liegend weiter getreten worden zu sein. Zwei Zeugen bestätigten diese Geschichte. „Das ist natürlich eine Situation, in der jedes Gericht von der Schuld meines Mandanten überzeugt wäre. Da kann er noch so sehr schwören, dass es anders war“, erklärt Rappaport ruhig. Allerdings konnte er dem Gericht ein Video des Vorfalls vorlegen. Und: In diesem Video lag niemand auf dem Boden.

Dann hat jeder seine Durchwahl

Wenn ein Urteil doch mal schlecht für einen Mandanten ausgeht, nimmt das den 32-Jährigen auch persönlich mit. Gerade wenn er das Verfahren lange mit dem Klienten vorbereitet und diesen gut kennengelernt hat. Er betont, dass er den Kontakt mit seinen Mandanten besonders schätzt. „Deswegen hat auch jeder direkt meine Durchwahl und kann mich immer anrufen, sogar am Wochenende.“

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Wie kann man eigentlich einen Mörder verteidigen, Herr Rappaport?, fragen manche. Er gibt sich gelassen und erklärt, dass oft noch überhaupt nicht klar ist, ob jemand die Tat begangen hat, die ihm vorgeworfen wird. Und selbst ein Urteil kann falsch sein. Richter Ralf Eschelbach vom Bundesgerichtshof schätzt, dass jedes vierte Urteil in Deutschland ein Fehlurteil ist, wie in der Zeitung zu lesen war. „Die Leute müssen wissen, dass jeder von uns zu Unrecht beschuldigt und angeklagt werden kann.“ Gerät man in Verdacht, muss es nur noch ein weiteres Indiz geben, das gegen einen spricht. Das kann alles Mögliche sein. Sogar eine merkwürdige Google-Anfrage auf dem Handy. Auch falsche Geständnisse gibt es nicht selten. Und das, obwohl Geständnisse bei uns nicht das Verfahren vereinfachen und Strafrabatte bringen, wie etwa in Amerika das „guilty plea“.

Beleidigungen über sich ergehen lassen

Wenn also ein Mordverdächtiger vor Florian Rappaport steht, bleibt er professionell. „Mitten bei der Arbeit hat man dann auch mal keine Gefühle, sondern informiert sich, was die Lage ist.“ Er geht seine Fälle mit einer gesunden Portion Skepsis an und versucht, nicht alles an sich ranzulassen. Mit nach Hause nimmt er die Arbeit trotzdem und arbeitet manchmal abends. „Es ist schon so, dass ich oft an die Arbeit denke.“ Andererseits ist jemand, der eine eigene Kanzlei hat, flexibel, was die Arbeitszeiten angeht. Besonders schöne Momente im Leben eines Strafverteidigers sind wohl die, in denen sich der Mandant nach einem Urteil überschwänglich bedankt und vor Freude strahlt. Umgekehrt muss ein Verteidiger auch so manche Beleidigung über sich ergehen lassen, wenn ein Mandant mit dem Urteil unzufrieden ist. „Ich hör mir das dann einfach an und bestätige dem Mandanten, dass er zu Recht diesen Frust und Ärger empfindet.“ Häufig vorkommende Fälle sind zum Beispiel Betäubungsmitteldelikte, denn diese sind einfach zu handhaben und aufzuklären. Laut Statistik des Bundeskriminalamtes lag die Aufklärungsquote von Rauschmittelfällen 2018 bei 92,4 Prozent. Die Aufklärungsquote für schwere Körperverletzungen hingegen nur bei 82,5 Prozent.

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Einblick in die Ermittlungsakten

Die aktuelle Pandemie geht auch an Rappaports Berufsleben nicht spurlos vorbei. Nur noch die wichtigsten Dinge werden persönlich besprochen, der Rest wird telefonisch geklärt. „Das mögen die Mandanten auch, dass man dann einfach häufiger und kürzer miteinander spricht.“ Bei Gericht trägt man Mundschutz, hält Abstand, und es gibt Plexiglasscheiben. Der Abstand stellt jedoch ein Problem bei der Verteidigung dar. „Es ist wichtig, mit dem Mandanten zu sprechen, und das so, dass die anderen im Gerichtssaal nichts davon mitbekommen.“ Deshalb beantragt man jetzt eine Unterbrechung und geht gemeinsam aus dem Saal.

Die Vorbereitung des Prozesses kann aber wie immer ablaufen: Rappaport bekommt die Ermittlungsakten und wertet diese vollständig aus. Dann kann er seinem Mandanten mitteilen, was ihm genau vorgeworfen wird. Denn dieser bekommt anfangs häufig nur den Paragraphen mitgeteilt, gegen den er verstoßen haben soll. Gemeinsam besprechen sie die Herangehensweise der bestmöglichen Verteidigung. „Die Leute vor Strafen zu schützen, das ist was Sinnvolles, wo ich mich für begeistern kann. Mein Beruf ist sehr wichtig für unseren Rechtsstaat.“

Quelle: F.A.Z.
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