Szenegetränke

Die Rückkehr der Limonade

Von Julia Schaaf
24.10.2009
, 08:00
Schöne neues Welt der Flaschen: Auch die Underdogs wissen, dass Geschmack nicht alles ist
Cranberry oder Tannennadel und alles irgendwie natürlich: Seit dem Erfolg von Bionade explodiert der Brausemarkt. Kleine Erfinder machen die besten Szenegetränke.
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Manchmal rufen Designer und Modeläden an, weil sie sich für die schöne Flasche begeistern. Die alternative Szene freut sich über die Unterstützung für eine brasilianische Bauern-Kooperative. Dann wieder melden sich exklusive Lebensmittelgeschäfte: Ob es da tatsächlich diese neue Limonade gebe, aus frischem Limettensaft, ganz ohne Aromen und Zusätze? Kürzlich erst machte Jakob Berndt sich auf den Weg zu einer Kundenverkostung in einem altehrwürdigen Feinkostgeschäft in Hamburg. Der Achtundzwanzigjährige sah aus wie immer: Jeans, Chucks, auf dem Kopf seine schwarze Baumwollmütze. Er schleppte Getränkekisten in den Laden, in dem die Verkäufer gestärkte Schürzen und den Kunden ihren Einkauf tragen. Dann servierte der Kulturwissenschaftler der geneigten Kundschaft: LemonAid. Nur die Mütze musste er vorher abnehmen. Der Marktleiter hatte ihn mit den Worten begrüßt: „So geht das hier nicht, junger Mann.“

Früher war nicht alles besser. Es war nur einfacher. Es gab die großen Marken wie Fanta, Sinalco, Bluna, Mirinda. Es gab Orangenlimonade oder solche mit Zitronengeschmack. Und wer etwas auf sich hielt oder ein aufkeimendes Ernährungsbewusstsein pflegte, gab den Kindern Saft zu trinken und predigte die Abstinenz von Zuckerwasser und Chemie. Aber irgendwann kam Bionade, und plötzlich war alles anders: Brause war nicht nur rehabilitiert. Sprudelige Süßgetränke aus Bierflaschen mit schicken Etiketten und ungewohntem Geschmack galten auf einmal als cool. Und im Schlepptau der Bio-Limo aus der Rhön ist der Markt gewissermaßen explodiert. Ganz gleich, ob im Reformhaus, im Discounter oder in einer kleinen Bar im Hamburger Schanzenviertel: Die Qual der Wahl besteht zwischen Aloha, Beo, Bios, Fritz-Limo, Now, Wostok und Zisch. Zwischen Cranberry, Lemongras und Tannennadel, zwischen Apfel-Birne, Mango-Lime und Green Herbs. Anspruch auf Vollständigkeit ausgeschlossen. Fachleute gehen davon aus, dass allein im vergangenen Jahr - neue Verpackungen und Flaschengrößen eingerechnet - rund achtzig Limo-Innovationen auf den Markt gedrängt sind.

Schließlich stand ihr Rezept

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„Der Erfrischungsgetränkemarkt lebt von ständigen Veränderungen“, sagt Detlef Groß, Geschäftsführer der Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreie Getränke, und spricht dennoch von einer schwierigen Lage: Obwohl der Absatz steige, gingen die Erträge zurück. Weil mit Orangen- und Zitronensprudel kaum mehr Gewinn zu machen sei, hofften die Hersteller auf höhere Margen, indem sie ihr Angebot erweiterten. Wen schert es da, wenn angeblich neue Produkte Kopien und Variationen erfolgreicher Vorbilder sind? Und interessanterweise inspiriert der Bionade-Mythos nicht nur die großen Brauereien und Mineralbrunnen. Dass ein kleines, konkursbedrohtes Familienunternehmen in der Rhön es schafft, ein völlig neuartiges Szenegetränk zu etablieren und damit sehr viel Geld zu verdienen, motiviert auch Erfinder fernab der Getränkeindustrie.

Irgendwann kam Bionade, und von da an war alles anders
Irgendwann kam Bionade, und von da an war alles anders Bild: dpa

München, April 2009: Die ersten 2000 Flaschen „Sutherlandia“ sind abgefüllt. Gut ein dreiviertel Jahr haben ein Fotograf und ein Bauingenieur experimentiert. Sie haben Tee gebrüht aus einer südafrikanischen Heilpflanze, die so bitter ist, dass man die Tabletten kaum schlucken mag. Sie haben den Aufguss mal länger, mal kürzer ziehen lassen. Sie haben Zucker hineingetan, mal mehr, mal weniger. Sie haben Säfte dazugekippt und befunden, dass Johannisbeere am besten schmeckt. Schließlich stand ihr Rezept. Dann brauchte es noch ein bisschen Unterstützung von Fachleuten aus der Getränkeentwicklung und eine Brauerei zum Abfüllen. Heute redet Reinhold Hennes von „Trägern“, wenn er Getränkekisten meint, und lässt eine eigene Teemaschine bauen. Ein campariroter Bitter, der weder Farb- noch Aromastoffe enthält: Nach und nach spricht sich die Existenz des aparten Drinks in der Münchner Gastronomie herum. Gerade hat der örtliche Kaufhof die ersten Flaschen geordert.

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„Wir mussten über echte Nachfrage wachsen

Berlin 2008: Zwei Jurastudenten plündern ihre Bausparverträge, um ein Getränk zu schaffen, von dem sie selbst träumen: „Skull“, einen bräunlichen Sprudel, der einen zart metallischen Nachgeschmack hinterlässt - Schwarztee, Guarana und ein Hauch von Ingwer und Zitrone. Ein natürlicher Wachmacher, ungefähr so stark wie Red Bull, aber ohne Gummibärchenaroma. Und nur 2,9 Prozent Zucker: „Wir wollten eine Limo machen, die nicht süß ist“, sagt Florian Stärk. Den pflanzenumrankten Totenkopf auf dem schwarzen Etikett hat ein Schulfreund gezeichnet, der Designer ist. Auch die Underdogs wissen, dass Geschmack in der Getränkewelt nicht alles ist. Der dreißig Jahre alte Stärk spricht von einem Gegenentwurf zu Schickimicki-Softdrinks: „Wir sind rockiger.“

Tatsächlich gibt es Bars und Cafés, deren Betreiber sich fast entschuldigen, wenn sie auch Coca-Cola servieren. „Wir versuchen, so viel wie möglich von den kleinen Anbietern zu nehmen“, sagt der Betreiber des „Beakers“ in Berlin-Prenzlauer Berg. Aus dieser Perspektive ist Bionade längst eine Allerweltsmarke. Auch „Aloha“ hat in solchen Kreisen Freunde verloren, seit klar ist, dass der alternative Surfer-Sommerdrink von Warsteiner entwickelt wurde und mit dem üblichen Aufwand der Getränkeindustrie vertrieben wird: erst Spezialistentum im Labor und Blindverkostungen, später Aufsteller und Kühlschränke für die Händler. Stärk sagt: „Coca-Cola stellt erst mal eine Palette geschenkt hin. Die drücken ihre Marken in den Markt. Wir wären nach drei Tagen pleite. Wir mussten über echte Nachfrage wachsen.“

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Aber wie viel Erfolg bringe das auf lange Sicht?

Nachhaltigkeit nennen das die Jungs von LemonAid. Jakob Berndt hat seinen Job bei einer renommierten Werbeagentur geschmissen. Jetzt parkt er einen überladenen weißen Mercedes Sprinter irgendwo in München, Stuttgart, Berlin und schlendert durch die Straßen auf der Suche nach Cafés und Bars, die ihm persönlich gefallen, um seine Limonade vorzustellen: vielleicht ein etwas heruntergekommener Laden mit Kaffeehauscharme und barocken Kronleuchtern. Vielleicht die durchgestylte Ästhetik eines Bistros mit Filzgriff am Teeglas.

Hamburg, Juni 2009: In der Lebensmittelbranche versuchten alle, möglichst schnell Masse zu machen, sagt Berndts Freund Paul Bethke. Aber wie viel Erfolg bringe das auf lange Sicht? Bethke war Entwicklungshelfer in Sri Lanka und hatte es satt, „wie der Weihnachtsmann im weißen Jeep Pakete abzuladen“. Er suchte nach einer Geschäftsidee, um Geld zu verdienen, das sorgfältig eingesetzt wird. Das Produkt sollte nicht nach Jutesack aussehen, sondern trendbewusste, junge Käufer ansprechen, für die Bio und Fair Trade mit Ästhetik und Qualität einhergehen müssten - eben Leute wie sie selbst. Der Achtundzwanzigjährige sagt: „Der Maßstab der Perfektion sind wir.“

Keramikdruck statt Papier

Das heißt nicht nur, dass die beiden Hamburger das Rezept für ihre „LemonAid“ nach dem Prinzip des klassischen Lime Juice in der eigenen Küche komponiert haben. Sie haben auch eine ungewöhnliche Flaschenform gewählt und anstelle von Papieretiketten grünes Glas mit Keramikdruck versehen. Das ist ungefähr so aufwendig und teuer, wie frisch gepressten Limettensaft auf brasilianischen Plantagen schockgefrieren zu lassen, und unpraktisch obendrein. Um die drei Euro kostet die Flasche, Weltverbesserung inklusive. Trotzdem ist das Interesse riesig. Bethke sagt: „Ich mache drei Kreuze, dass wir keinen einzigen Kompromiss eingegangen sind.“

Die Frage bleibt, welche Zugeständnisse Konsumenten machen, wenn die geläuterte Limo ach so natürlich tut. Gerade erst haben die Verbraucherrechtler von Foodwatch einen „Etikettenschwindel“ angeprangert, weil etwa „Beo Heimat“ anstelle von Äpfeln und Birnen nur Aromen enthalte. „Die Vorwürfe sind haltlos“, kontert Verbandschef Detlef Groß mit Verweis auf die geltenden Bestimmungen. Aber tatsächlich reicht es mitunter schon für ein Bio-Siegel, wenn nur der Zucker aus kontrolliertem Anbau stammt. Deshalb lohnt der Blick auf die Rückseite der hübschen Flaschen. Wem Fanta zu klebrig und künstlich war, der könnte durchaus mal den Zuckergehalt seiner neuen Trendbrause erkunden. Wofür hat man denn die Wahl?

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schaaf, Julia
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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