Tierhygiene

Auf Socken durch den Kot im Hühnerstall

Von Lilian Bessler, Droste-Hülshoff-Gymnasium, Freiburg
03.09.2021
, 18:10
Schweinegrippe, Geflügelpest, Tollwut und ständig neue Proben im Labor: Ein Tierarzt und Virologe über seine Arbeit in der Tierhygiene.
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Aus den großen metallenen Lüftungsrohren strömt ein stechender Verwesungsgeruch. Die gelben Schilder mit der Aufschrift „Vorsicht, Biogefährdung“ und „Betreten verboten“ lassen auf den Herkunftsort dieser Ausdünstungen schließen: eine mit einer schweren Eisentür verschlossene Kühlkammer. „Im Sommer ist dieser Geruch besonders schlimm“, sagt Klaus-Jürgen Danner, Tierarzt und Virologe des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamts in Freiburg im Breisgau, kurz CVUA. Seit 30 Jahren arbeitet der hobbymäßige Motorradfahrer nun schon in der Tierhygiene, obwohl er früher ganz andere Pläne hatte: „Ursprünglich wollte ich Großtierpraktiker werden.“ Dann habe er am Labor jedoch so großen Gefallen gefunden, dass er seinen jetzigen Berufspfad einschlug. „An dieser Entscheidung habe ich auch nichts verloren, weil ich nun nicht Wind und Wetter ausgeliefert bin, sondern stattdessen in einem warmen Labor sitze, ein sicheres Einkommen kriege und einen unheimlich spannenden Beruf habe, der mir viel Freude bereitet.“ Das Tolle an seinem Beruf sei, dass er ständig vor neue Herausforderungen gestellt werde, wie zum Beispiel zurzeit bei der Geflügelpest und der Afrikanischen Schweinegrippe.

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Von Pferden bis zu Bienen

Seit Weihnachten beschäftigen der 63-Jährige und seine Kollegen sich mit der Geflügelpest bei Hausgeflügel und Wildvögeln. Dabei bekommen sie öfters sogenannte Tupferproben, das sind Wattebäusche mit Abstrichen von den Schleimhäuten der toten Tiere. Diese werden im Labor mit Auge und Mikroskop untersucht und anschließend bei einem Erregernachweis auf das Virus geprüft. Neben den erwähnten Tupferproben werden im Labor Blutproben, Kotproben, Gewebeproben und auch Sockentupferproben untersucht. Sockentupferproben, erklärt Herr Danner, seien dabei Socken mit einer bauschigen Unterseite, die man über die Schuhe ziehen kann. Mit ihnen läuft man dann zum Beispiel im Hühnerstall durch den Kot und die Flüssigkeit, sodass die aufgenommenen Stoffe dann anschließend überprüft werden können. Im CVUA wird eine große Bandbreite an Tieren untersucht. Von Pferden, Rindern und Hunden gehe es bis zu Mäusen, Fischen und sogar Bienen. Das genaue Prozedere beim Sezieren laufe so ab: Die Tierleichen werden aus dem Kühlraum geholt. Großtiere werden dann mit einem Kran auf Sektionswagen gehoben und mit verschiedenen Werkzeugen aufgeschnitten, für Kleintiere gibt es größenverstellbare Edelstahltische. Im weiteren Verlauf werden Organe angeschaut, entnommen und in Labore weitergegeben, die diese dann auf Viren und Krankheiten untersuchen. In so einem Labor arbeitet Klaus-Jürgen Danner. Um 8 Uhr früh Am Moosweiher 2 im Dienstgebäude der Tierhygiene beginnt für ihn sein Arbeitstag. Am Morgen kommen die ersten Tierkörper und Proben mit der Post an, die dann nach und nach im EDV-System des Laborjournals erfasst werden.

Gut, wenn es keine Tollwut hatte

Am Vormittag werden dann Untersuchungen und Sektionen durchgeführt, über die am Nachmittag Berichte geschrieben werden. Die Ergebnisse der Untersuchungen kommen in der Regel am Abend oder Folgetag an und werden kurze Zeit später der Pathologie rückgemeldet, zusammengefügt und abgeschlossen. Neben der derzeitigen Geflügelpest war für Danner die Geflügelpest H5N1, die 2006/2007 aktiv und für Menschen gefährlich war, zusammen mit der Tollwut, die seit 2008 in Deutschland ausgerottet ist, eine der größten Herausforderungen, die er in seinem Berufsleben miterlebt hat. Vor allem die Tollwut habe ihn nicht kaltgelassen, da sie für Menschen immer tödlich endet. Danner hatte in dieser Zeit immer wieder Anrufe von Leuten, die gebissen wurden und sich Sorgen gemacht haben: „Viele Menschen haben am Telefon geweint, und das ist dann etwas, wo man mitfühlt.“ Umso schöner war es dann für ihn, als er diese Menschen anrufen und ihnen sagen konnte, dass das Tier, von dem sie gebissen wurden, keine Tollwut hatte. „Ganz große Herausforderungen gab es hier noch nicht, aber bis solche kommen, ist es nur eine Frage der Zeit“, sagt der blondhaarige Mann in einem kritischen Tonfall. Neben dem ernsten Berufsalltag gibt es aber auch immer mal wieder ganz schöne und lustige Erlebnisse. „Das Highlight war, als ich einmal einen Antrag bekam, bei dem ich Proben von 30 Schweinen untersuchen sollte. Da war ein Name lustiger als der andere. Ein Schwein hieß zum Beispiel Schreibrüllsau“, erzählt er lachend.

Jungtiere sind eher gefährdet

Jede Tierart hat andere häufige Krankheiten oder Todesursachen, so sind Schafe öfters für Parasiten anfällig, Katzen bekommen häufig Katzenseuche oder Katzenschnupfen, und Pferde sterben oft an Darmerkrankungen und Sportverletzungen. Allgemein sind Jungtiere eher gefährdet, da sie aufgrund ihres noch schwachen Immunsystems anfälliger für Krankheiten sind und manchmal nicht ausreichend Milch von ihrer Mutter bekommen. Forellen und andere Speisefische, müssen auch öfters untersucht werden, damit festgestellt werden kann, ob sie frei von Erkrankungen wie zum Beispiel Kiemenwürmern sind. Dazu werden sie getötet und anschließend seziert. Gehäuft werden flächendeckende Untersuchungen von Wildschweinen durchgeführt, um diese auf Radioaktivität, die als Spätfolge von Tschernobyl auftritt, zu prüfen. Auf die Frage, ob sein Beruf schwer ist, antwortet Danner mit dem Vergleich eines Riesenberges, den man ersteigen muss. „Dieser Beruf umfasst ein riesengroßes Gebiet, in das man sich erst einmal einarbeiten muss. Wenn man das gemacht hat, besitzt man einen guten Fundus und Erfahrungen, die man immer wieder anwenden kann. Doch es kommen auch ständig neue Situationen auf einen zu, weshalb man sein Wissen ständig aktualisieren muss.“ Die vielen toten Tiere belasten den Veterinär nicht, da er den Gewinn für die Lebenden sieht: „Wenn man die Todesursache früh feststellt, kann man die noch Lebenden damit schützen, das Ergebnis bewirkt also etwas Gutes.“

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Durch die derzeitige Situation habe sich für Danner nicht viel geändert. Er würde lediglich mit mehr Distanz sowie mit Mundschutz arbeiten und im Homeoffice seine Arbeit ein bisschen ausdünnen. Corona sei zwar auf Tiere übertragbar, jedoch nur auf Katzen und marderähnliche Tiere, wie zum Beispiel Nerze. „Weltweit gibt es allerdings nur eine Hand voll Erkrankungen bei Katzen, sodass uns das Coronavirus bei Tieren nicht direkt beschäftigt“, sagt er.

Quelle: F.A.Z.
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