Turnierhundsport

Zickzackkurs mit Hund

Von Annika Spieß, Münnerstadt, Johann-Philipp-von-Schönborn-Gymnasium
03.04.2022
, 20:47
Vollsprint auf den Ball: Der 16 Jahre alte Arne betreibt mit seinem Wachhund Woody Turnierhundsport. Ganz ungefährlich ist das nicht.
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Wettkampftag: bis sieben Uhr aufbruchbereit sein, also Laufschuhe, Sportbekleidung, Verpflegung einpacken. Nur noch einer fehlt. Der vierbeinige Teamkollege namens Woody, der voller Euphorie angesprungen kommt. Arne Beckmann aus einem Dorf bei Tübingen betreibt Turnierhundesport. Der Ge­meinschaftsschüler reist in ganz Deutschland herum, um an größeren Meisterschaften teilzunehmen. „Für mich war es eigentlich klar, dass ich mich auch am Turnierhundesport versuchen werde, weil sowohl meine Mutter, mein Vater als auch meine Oma diesen Sport gemacht haben.“ Mit acht Jahren hat Arne das erste Mal selbst mittrainiert.

Es gibt verschiedene Disziplinen, zum Beispiel den Dreikampf, bei dem man mit seinem tierischen Begleiter Hindernislauf, Hürdenlauf und Slalomlauf absolviert, oder den Vierkampf, bei dem die Unterordnung dazu kommt. Beim Hindernislauf läuft der Besitzer mit seinem Tier eine Strecke von 75 Metern. Während der Hund verschiedenen Hindernisse beim Laufen überwinden muss, darf der Hundeführer neben den Geräten laufen. Für jedes umgangene oder falsch überwundene Hindernis gibt es Strafpunkte, die bei der Auswertung auf die Zeit zugeschlagen werden. Der Hürdenlauf zeichnet sich dadurch aus, dass das Team parallel drei Hürden überwinden muss. Also muss auch der Läufer springen. Anschließend wird eine Kehrtwende gemacht und es werden erneut drei Hürden übersprungen. So kommt man auf eine Gesamt­strecke von 60 Metern. Für den Slalomlauf sind Tore in einem Abstand von 1,40 Meter aufgereiht, die man auf einer Strecke von bis zu 75 Metern im Zickzackkurs durchläuft. Bei der Unterordnung, die für den Vierkampf benötigt wird, wird die Gehorsamkeit des Hundes abgeprüft: So­wohl die Leinenführigkeit, das Laufen ohne Leine und Sitz- und Platzübungen und dass der Hund auf Abruf zum Besitzer kommt. Auch der Combination Speed Cup, CSC, oder der Geländelauf sind be­liebte Spezialisierungen. Der CSC ist ähnlich aufgebaut wie ein Dreikampf. Der Unterschied liegt darin, dass drei Besitzer mit ihren Hunden den Wettbewerb in Staffelform absolvieren.

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Zwei Kilometer durchs Gelände

„Am Anfang habe ich mich in den verschiedenen Disziplinen ausprobiert, dann habe ich mich für den Geländelauf entschieden. Ich laufe immer zwei Kilometer in sehr verschiedenem Gelände. Oft sind es herkömmliche Wanderwege, die für den Wettkampf abgesperrt werden“, erklärt der Sechzehnjährige. Um neun Uhr beginnt das Turnier. Der Ge­ländelauf ist immer eine der ersten Disziplinen, da die Hunde in der Mittagssonne in ihrem dicken Fell ihre Leistungen nicht erbringen oder sogar kollabieren könnten. Beim Büro gibt man den Ausweis des Hundes ab, in dem Geburtsort, Geburtstag, die Bestätigung, dass es der eigene Hund ist, und die Vorerfahrungen des Tieres eingetragen sind. Man bekommt die Startnummer und -uhrzeit. Die Teams dürfen ihren Wettkampf immer mit einer halben bis einer Minute Abstand beginnen. Streckenposten weisen auf den richtigen Weg hin. Der Lauf selbst wird von einem Wettkampfleiter gestoppt und von einem Richter, der eine Ausbildung zum Leistungsrichter vorweisen muss, beglaubigt. Hinter der Ziellinie muss bewiesen werden, dass man nicht die Papiere von einem anderen Hund als dem, mit dem man gelaufen ist, vorgezeigt hat. Dafür wird der am Hals eingepflanzte Chip, der eine Startvoraussetzung ist, kontrolliert. Bis zur Siegerehrung heißt es, um seine Platzierung zu bangen. „Das kann dann unter Umständen mehrere Stunden dauern.“

Hund und Läufer müssen ein Team sein

Es ist aber längst nicht jeder Hund für diesen Sport geeignet. „An sich sind die Wettkämpfe zwar weder nach Rasse noch nach Größe getrennt, doch man merkt schon eine Tendenz zu bestimmten Arten. Vor allem große und ausdauernde Rassen wie Hütehunde und Schlittenhunde sind sehr beliebt, da sie als arbeitsfähige Hunde zählen.“ Außerdem wird eine Zulassungsprüfung für die Teilnahme an Wettkämpfen benötigt, in der die Gehorsamkeit des Hundes nachgewiesen werden muss. „Das Wichtigste für den Erfolg ist allerdings, dass der Hund und der Läufer ein Team werden und sich aufeinander verlassen können“, sagt Arne Beckmann. Das Training muss individuell auf den Hund und den Besitzer abgestimmt sein. „Mein Hund namens Woody ist zum Beispiel ein Wachhund, weswegen ich nicht mein ganzes Training mit ihm bestreiten kann, da das nicht seinem genetischen und körperlichen Aufbau entspricht, während Besitzer von Jagd- oder Hütehunden ihre Tiere meist bis zu fünfmal die Woche trainieren können.“ Arne trainiert in der Leichtathletik-Laufgruppe im nahen Go­maringen mit, und erst wenn es auf die Wettkampfsaison zugeht, bezieht er seinen Hund aktiv mit ein. Neben dem Training der Schnelligkeit, die etwa damit er­zielt wird, dass man den Hund beim Fahrrad oder Longboardfahren neben sich herlaufen lässt, ist die reibungslose Kommunikation zwischen dem Menschen und dem Tier entscheidend.

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Manche motivieren Leckerlis

„Beim Einüben der Kommandos ist es wichtig, dass der Hund Spaß hat und die Kommandos mit einem positiven Gefühl verbindet, damit er in der Wettkampfsituation motiviert ist“, sagt Arne. „Mein Hund liebt Ballspiele, deswegen übe ich das Startkommando immer in Verbindung mit einem Ball. Ich stelle mich wie in einer Startsituation hin, werfe den Ball und lasse Woody im Vollsprint auf den Ball los, während ich das Startkommando gebe. Durch solch eine Taktik lehre ich ihn spielerisch die wichtigsten Kommandos. Andere Hunde haben aber zum Beispiel mehr Motivation, wenn man sie mit Leckerlis belohnt.“ Andere Kommandos sind dafür da, dass keine Zeit beim Abbiegen verloren wird. Der Hund sollte mit­hilfe der Anweisung des Besitzers links und rechts unterscheiden können, um bei Richtungswechseln dem Menschen nicht vor die Füße zu laufen. Elementar ist das Training von Überholmanövern. Der Hund muss lernen, nicht zu knapp an dem anderen Team vorbeizulaufen oder es zu behindern. „Ich treffe mich deswegen gern vor dem Wettkampf mit Bekannten, die das gleiche Hobby haben, um das zu üben. Außerdem sind die Tiere oft motivierter, wenn sie in einer Gruppe mit an­deren Hunden laufen.“ Vor dem Start setzt sich Arne möglichst mit seinem Vorgänger und seinem Nachfolger, also den Teams, die beim Überholen in Kontakt treten könnten, in Verbindung. Die Hunde beschnuppern sich, die Besitzer können durch die Reaktionen der Tiere einschätzen, mit welchem Seitenabstand sie ungefähr überholen müssen. Auf der Strecke ist es ein ungeschriebenes Gesetz, dass man Platz macht, sobald man merkt, dass zum Vorbeilaufen angesetzt wird, um ge­fährlichen Situationen vorzubeugen.

Sicherheit hat oberste Priorität

Eine weitere Sicherheitsmaßnahme ist eine Leine mit Federung, an einem Gurt um die Hüfte des Joggers. Zwischen Leine und Gurt ist ein spezieller Sicherheitskarabiner angebracht, der einfach zu bedienen ist. Im Bedarfsfall kann sich die Leine des Hundes sofort vom Körper trennen. „Das wird benötigt, wenn der Läufer zum Beispiel hinfällt und der Hund nicht so schnell reagieren kann und weiter rennt. Ohne die Trennung würde man hinterhergezogen werden, und es könnte zu gravierenderen Verletzungen kommen.“ Trotz aller Prävention kommt es häufig zu Auseinandersetzungen zwischen den Hunden. Während sich Rüde und Hündin in den meisten Fällen gut verstehen, kommen die gleichen Geschlechter in angespannte Situationen. Manchmal deutet ein Tier die Zeichen seines Gegenübers falsch, größtenteils liegt es am Verhalten des Besitzers. „Der Besitzer ist unsicher oder aufgeregt, was der Hund sofort spürt. Dadurch wird er auch unsicher und will sein Teammitglied verteidigen.“ Aggressives Verhalten wird auch durch Stress ausgelöst. Als Arne bei der deutschen Meisterschaft im Hundesport 2019 in Weeze war, sind viele Hunde mit dem Lärm der Trommeln und Trompeten nicht klargekommen. „Das ist ein Teufelsspirale. Re­agiert ein Hund einmal aggressiv während eines Wettbewerbs, befürchtet der Besitzer, dass es erneut passieren kann. Da­durch ist er nur noch aufgeregter, wodurch es nicht selten passiert, dass das Tier überfordert ist.“ Trotzdem freuen sich die meisten Hunde auf den Wettkampf, da sie gern mit ihrem Partner Sport machen, wenn dieser sie richtig behandelt. Im Ok­tober will Arne zum fünften Mal seinen ersten Platz bei den deutschen Meisterschaften verteidigen.

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Quelle: F.A.Z
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